Heimatgeschichte im Tegernseer Tal

Die Ritter der Ringseeinsel

Als sich im 11. oder 12. Jahrhundert Ritter auf der Ringseeinsel im Tegernsee niederlassen, freuen sich die Mönche am Ufer: Die bewaffneten Männer versprechen, das Kloster zu schützen. Aber schon bald werden aus den Rittern Raubritter – die sogar den Abt entführen.

Text: Tatjana Kerschbaumer

Die Brennerin vom Tegernsee

Beindruckend soll sie ausgesehen haben, die Burg auf der Ringseeinsel nahe den Gemeinden Bad Wiessee und Wildbad Kreuth: Hohe Wehrtürme blicken über das Wasser, die massiven, aus Stein gebauten Mauern sind mit zackigen Zinnen bekränzt. Auch die ritterlichen Bewohner, die die Burg erbaut haben, machen anfangs einen recht guten Eindruck. Sie versprechen, das Kloster Tegernsee im Ernstfall vor bewaffneten Angriffen zu schützen. Die friedlichen Mönche sind froh darum. Auf gute Nachbarschaft.

Das Kloster Tegernsee steht zu dieser Zeit – im 11. und 12. Jahrhundert – in voller Blüte: es ist ein Zentrum der Literatur und Wissenschaft. Und es ist reich. Den Rittern der Ringseeinsel bleibt das nicht verborgen. Aber die anfangs so gern gesehenen Nachbarn haben es zunächst auf die Landbevölkerung abgesehen. Zuerst verschwinden nur einzelne Kühe von den Weiden der Bauern, dann plötzlich ganze Schafherden. Auch die durchfahrenden Kaufleute aus Italien und Südtirol, die das Tal passieren wollen, plündern die Ritter aus: Feine Stoffe und edle Weine werden ballenund fässerweise auf die Ringseeinsel geschafft. Das Ergebnis sind wüste Freß- und Saufgelage; betrunkene Raubritter, die so laut Lieder schmettern, dass sie bis zum Kloster hinüber zu hören sind.

Bald beschweren sich die ersten Menschen beim Abt, dem damals wohl mächtigsten Mann im Tal. So kann es wirklich nicht weitergehen! Er verspricht, eine Gruppe tüchtiger Kämpfer zusammenzustellen, um die marodierenden Ritter endlich zu vertreiben. Aber noch bevor es soweit ist, fällt er ihnen selbst in die Hände – angeblich auf der Landstraße, die zum benachbarten Achensee führt. Die Raubritter verschleppen ihn kurzerhand in ihre Wasserburg und halten ihn dort in einem Verlies gefangen. Die Mönche sollen zahlen, wenn sie ihn lebend wiederhaben wollen. Genug Gold und Geld haben sie ja.

Heute leben auf der Insel Wasservögel statt Raubritter. Und ob die Burg wohl jemals existiert hat?
Die Mitbrüder lassen nicht lange auf sich warten. In Booten rudern sie zur Ringseeinsel und bieten den Rittern 500 Goldgulden, damit sie ihren Abt freilassen. Denen ist das zu wenig – sie ziehen drastischere Maßnahmen auf. Der Abt wird in einen Eisenkäfig gesteckt, darin an einen beweglichen Holzbalken gehängt und immer wieder im kalten Wasser des Sees untergetaucht. Die Raubritter drohen so lange, ihn ertrinken zu lassen oder ihm sogar noch Schlimmeres anzutun, bis die Mönche schließlich klein beigeben: Sie zahlen 600 Goldgulden. Und können den verstörten Abt wieder mit ins Kloster nehmen, der erst einmal gar nichts mehr davon wissen will, sich mit diesen wilden Gesellen anzulegen.

Hilfe kommt kurze Zeit später von der Natur, oder, wie es die Mönche interpretieren, von ganz oben: Ein Erdbeben erschüttert die Burg, die auf dem sumpfigen Grund der Ringseeinsel ohnehin instabil ist. Die Türme und Mauern stürzen ein, unter den Trümmern kommen der Anführer der Raubritter und viele seiner Spießgesellen ums Leben. Die wenigen, die überleben, flüchten panisch. Nie wieder wollen sie im Tegernseer Tal rauben und plündern. Im Kloster und rund um den See kehrt wieder Ruhe ein.

Heute sind auf der Ringseeinsel keine Überreste der Raubritter-Burg mehr zu sehen – es ist nicht historisch belegt, dass sie wirklich jemals existiert hat. Stattdessen ist die Insel komplett unbewohnt und dient als Naturschutzgebiet, auf der Wasservögel ungestört brüten und leben können. So friedliche Nachbarn hätten sich die Mönche damals vermutlich auch gewünscht.

Tegernsee Ringsee

Die Ringseeinsel im Tegernsee – heute ein Naturschutzgebiet. Foto: Andreas Leder

Steckbrief

  • Name: Ringseeinsel

  • Größe: 7774 m2 (ca. 150 m lang, ca. 60 m breit)

  • Lage: südwestlicher Teil des Tegernsees, ca. 70 m östlich des Schilfgürtels bei Abwinkl (südlicher Teil der Gemeinde Bad Wiessee)

  • Status: unbewohnt, Naturschutzgebiet

  • Wissenswertes: einzige Insel im Tegernsee

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