Ein Jesuit reist 1755 in die spanische Kolonie Chile, um Kathedralen und Festungen zu bauen: Was sich liest wie der Vorspann eines Historienromans, ist die wahre Geschichte von Johann Hagn aus Kreuth-Scharling.

Text: Tatjana Kerschbaumer / Illustration: Mariana Godoy

Baumeister und Jesuit Johannes Hagn

Nur mit dem harten Nachnamen des blonden, blauäugigen Kreuthers hadern die Chilenen.

Der Danzlhof in Kreuth-Scharling ist bis heute ein eindrucksvolles Gebäude: dreistöckig, massive, geschnitzte Balkongeländer, Lüftlmalerei neben der Haustür. Hier wird am 16. Januar 1726 Johann Hagn als Sohn des Danzl-Bauern Joseph Hagn und dessen Ehefrau Ursula geboren. Noch am selben Tag, so ist es damals der Brauch, empfängt Johann Hagn das Sakrament der Taufe in der Pfarrkirche Egern.

Über Hagns Kindheit und Jugend ist wenig bekannt – es dürfte sich um ein ganz normales Heranwachsen als Bauernsohn in den Kreuther Bergen gehandelt haben. Hagn wird Zimmermann, entscheidet sich aber im Alter von 27 Jahren, noch einmal neu anzufangen und tritt 1753 in München in den Jesuitenorden ein. Er will nicht unbedingt Priester werden, sondern als Laienbruder handwerklich für die Jesuiten arbeiten. Um zwei Noviziatsjahre, die ihm das Ordensleben näherbringen, kommt er trotzdem nicht herum. Hagn absolviert sie bis 1755 im Kolleg in Landsberg.

1755 schließlich begibt sich der Kreuther auf eine weite Reise. Sein Weg führt ihn zunächst in die andalusische Hafenstadt Cádiz, wo er ein Schiff besteigt, das ihn nach Santiago de Chile bringen soll – die Hauptstadt der damals spanischen Kolonie. Immerhin hat er bei der Überfahrt Gesellschaft vom Tegernsee: Mit ihm reist Bruder Joseph Meßner aus Rottach, seines Zeichens gelernter Schreiner und ebenfalls den Jesuiten beigetreten.

In Chile angekommen, wird Johann Hagn so etwas wie der landesweite Baustellenchef der Jesuiten: Er ist für sämtliche Bauangelegenheiten seines Ordens zuständig und bekleidet dieses Amt zwölf Jahre lang. Hagn packt mit an, er weist Jesuitenbrüder und Einheimische in die Baukunst ein, wirkt beim Errichten von mehreren Kollegien und sogar der Kathedrale von Santiago mit. Nur mit dem harten Nachnamen des blonden, blauäugigen Kreuthers hadern die Chilenen: Deshalb taucht Joseph Hagn in spanischsprachigen Quellen wahlweise als „Agén“ oder „Ayen“ auf.

Jesuit Johannes Hagn Kreuth

Der Grabstein von Johannes Hagn
Foto: Kristian Laban

Nach Jahren im Land gilt Hagn als „bester Baumeister Chiles“, ja sogar als bester Amerikas. Der königlich-spanische Gouverneur persönlich beordert ihn nach Valparaíso und Valdivia, um ihn Festungen bauen zu lassen, und adelt ihn mit dem Kompliment, Hagn sei „derjenige in Chile, der am meisten von Architektur verstehe“.

Doch 1767 verlässt Hagn und seine Jesuitenbrüder das Glück: Wegen Querelen mit den Kolonialherren werden alle Angehörigen des Ordens aus den spanischen Territorien Südamerikas ausgewiesen. Hagn reist zurück nach Cádiz in Spanien, wo er nach seiner Ankunft inhaftiert wird. Erst 1769 kehrt er heim nach Bayern. Er arbeitet in Jesuiteneinrichtungen in Ebersberg und Landsberg – unter anderem als Schreiner, Krankenpfleger und Präfekt des Speisesaals. Nur wenige Jahre später, im Jahr 1773, hebt Papst Clemens XIV. den Jesuitenorden komplett auf – eine Entscheidung, die erst 1814 von Papst Pius VII. rückgängig gemacht wird. Zu spät für den Jesuiten und Baumeister Johannes Hagn: Er stirbt am 27. Oktober 1786 in Egern.

Wie und wann er genau in seine Heimat zurückgekehrt ist, ist unbekannt. Doch neben dem Eingang zur Kapelle des Egerner Friedhofs erinnert ein Grabstein aus Tegernseer Marmor an ihn: „Hier ruhet der Herr Johann Hagn. Er war als Jesuit 17 Jahre in America, mann schäzte an ihn seine Baukentnisse, starb in seinem Geburtsorte Egern 1786, den 27. Weinmonats, seines Alters 61 Jahre. Gott gebe ihm die ewige Ruhe.“ Ob die 17 Jahre „in America“, die auf dem Stein verzeichnet sind, ein Rechen- oder Meißelfehler sind, bleibt das Rätsel des Steinmetzes, der ihn entwarf. Fest steht: Dem Jesuiten Johann Hagn aus Kreuth-Scharling haben 12 Jahre gereicht, um in Chile große Spuren zu hinterlassen.

Hinter der Geschichte

Grabstein von Johann Hagn

DATIERUNG: vmtl. 1786

STANDORT: Kirchenfriedhof Egern, direkt neben dem Eingang zur Friedhofskapelle, Seestraße 57, Rottach-Egern

INFO: Der Grabstein besteht aus „Tegernseer Marmor“, einem Jurakalk, der im Volksmund aufgrund seiner rötlichen Färbung auch „Blutwurstmarmor“ genannt wurde. Tegernseer Marmor wurde 1683 im Kreuther Ortsteil Enterbach entdeckt, bis Mitte des 20. Jahrhunderts abgebaut und unter anderem auch in der Münchner Residenz verbaut.