Die Geschichte vom Schittler Hartl

Der Tote am Stammtisch

Mehr als 35 Jahre wird Leonhard Pöttinger, genannt “Schittler Hartl”, vermisst: Der junge Wildschütz aus Sankt Quirin kommt 1861 nie mehr von einer Jagd zurück. Erst ein Arbeiter, der den Weg zum Riederstein ausbessert, findet ihn.

Text: Tatjana Kerschbaumer

HHochsommer 1897, ein Samstag im August: Der Arbeiter Bergmaier soll im Auftrag des Riederstein- Vereins den Weg zu Gipfel und Kapelle erneuern. Freilich – die Geschichte vom vermissten Wildschütz Pöttinger kennt er. Aber das ist lang, lang her, mehr als 35 Jahre, um genau zu sein. Selbst die Familie des “Schittler Hartl” hat sich irgendwann mit seinem Tod abgefunden – obwohl er trotz intensiver Suche nie gefunden wurde. Nur sein Hut lag drüben an der Tonileiten am Wallberg.

Also denkt sich der Bergmaier nichts, als er unterhalb des Riedersteiner Felsens Sand aushebt. Bis seine Schaufel bei der Lourdesgrotte auf etwas Hartes stößt, keine Erde, auch kein Stein. Stattdessen gräbt Bergmaier Knochen um Knochen aus, zwei Fußbreit tief schaufelt er, bis er schließlich sogar einen Schädel findet: mit blendend weißen Zähnen. Es muss ein junger Mensch sein, der da verscharrt wurde; ein junger Bursch, wie der Schittler einer war.

Und jetzt? Er kann ihn ja nicht so liegen lassen. Der Bergmaier, ein eher furchtloser Geselle, packt seinen Fund kurzerhand in seinen Rucksack. Es ist eh Feierabend, die richtige Zeit für ein Bier und eine Brotzeit. Also macht er sich auf zum Stammtisch ins Tegernseer Bräustüberl. Knochen und Schädel im Gepäck.

Knochen um Knochen kommt auf den Tisch, am Ende: der Schädel
Die erste Maß trinkt er zügig und vor allem: stumm. Erst als er sich ein Wurstbrot macht, rückt er raus mit der Sprache: „I hob’n Schittler Hartl von Sankt Quirin gfundn.” Die Stammtischbrüder glauben dem Bergmaier nicht recht, nicht einmal, als er ihnen genau erzählt, wo und in welchem Zustand er den Toten gefunden hat: Zwei Schüsse sind am Schulterblatt zu sehen, der Schädel weist vier Dellen sowie mehrere Schnitt- und Hackspuren auf. Das kann doch nur eine Räuberpistole sein! Bis der Bergmaier sagt: „Mögts’n seng? I hob’n dabei!” Und er holt Knochen um Knochen aus seinem Rucksack und packt sie auf den Tisch; nicht grob, fast andächtig. Ganz zum Schluss: der Schädel. Bald steht das ganze Bräustüberl um den Bergmaier herum, und so viel ist klar: Es könnte tatsächlich der Schittler Hartl sein, der da liegt. Aber wie soll man sich wirklich sicher sein? Es sind ja schon mehrere junge Burschen nie mehr vom Wildern heimgekommen.

Da fällt einem ein: der gefundene Hut – den hat damals die Familie zurückbekommen! Sie hat ihn aufbewahrt, ein Andenken an den verschollenen Sohn. Schnell wird ein Gast mit dem Rad nach Sankt Quirin geschickt, der Hut abgeholt, und siehe da: er passt. Später wird auch der alte Bader bestätigen, dass es sich nur um den Schittler Hartl handeln kann: die Zähne im Schädel sind weiß und gut, aber es fehlen zwei, die er ihm einst gerissen hat. Sogar für den Hut, der statt am Riederstein am Wallberg gefunden wurde, gibt es eine Erklärung: Die Mörder wollten vermutlich eine falsche Spur legen.

Fast 36 Jahre nach seinem Verschwinden wird der Schittler Hartl doch noch in geweihter Erde bestattet. Der Förster und sein Jagdgehilfe, die ihn angeblich auf dem Gewissen haben, werden nie belangt und verurteilt. Am Riederstein erinnern bis heute ein Kreuz und eine Votivtafel an den jungen Wildschütz – und an seinen Entdecker, der ihn ein letztes Mal zum Stammtisch brachte.

Steckbrief

  • Standort: Kreuzweg zum 1207 Meter hohen Riederstein; der Weg passiert die Grotte, in der die Überreste von Leonhard Pöttinger 1897 gefunden wurden.

  • Besichtigung: ja, frei zugänglich

  • Datierung: 1897

Seeseiten, Frühling 2019.
2019-07-21T15:21:53+02:00
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