Johann Baptist Mayr war Revierjäger am Tegernsee, angeblich „kugelfest“, und erschoss junge Wilderer wie die Hasen. Seine Karriere gipfelte und endete in der „Jägerschlacht von Grund“

Text: Tatjana Kerschbaumer
Illustration: Esteban Salas Campos

Seit vier Monaten liegt er im Bett, leidet Höllenqualen und kann doch nicht sterben: Johann Baptist Mayr, genannt „der wilde Jäger von Gmund“, muss den Pfarrer rufen. Nicht etwa für die letzte Beichte, nein. Der Geistliche soll ihm die Hostie herausschneiden, die er sich in die Hand einwachsen lassen hat – ein Mittel, um „kugelfest“ zu sein, also nicht erschossen werden zu können. Erst als der symbolische Leib Christi aus ihm herausoperiert ist, schließt Mayr für immer die Augen. Es ist der 16. Februar 1834.   

Wie ist es so weit gekommen? Johann Baptist Mayr wird 1786 am Tegernsee geboren, er ist einer von vier Söhnen seiner Eltern. Er entscheidet sich für eine Beamtenlaufbahn, wird Jagdgehilfe und arbeitet sich langsam empor. Als König Max Joseph I. im Jahr 1815 eine Revierjägerei in Gmund einrichten lässt, ist klar wer sie übernimmt: Der nüchterne, treffsichere Mayr ist wie geschaffen für den Posten. 300 Gulden bekommt er jährlich für seine Arbeit, später wird sein Lohn sogar auf 400 Gulden erhöht.  

Keine Kugel trifft ihn

Mayr nimmt seine Arbeit ernst – zu ernst, finden einige. Mit Wilderern kennt Mayr kein Erbarmen, er erschießt sie meist ohne jede Vorwarnung oder von hinten. Und nicht nur die Wildschützen müssen vor ihm zittern: Angeblich soll Mayr sogar harmlose Schwammerlsucher und Holzklauber per Blattschuss „erlegt“ haben. Er selbst dagegen ist „kugelfest“, schwören seine Feinde: egal, wie oft sie auf ihn anlegen – keine Kugel trifft ihn. Der wilde Jäger ist unverwundbar.  

Mindestens zehn Menschen hat Mayr an dem Tag auf dem Gewissen, als er auf sein letztes Opfer trifft: den 17 Jahre alten „Menten Sepp“. Der Revierjäger erwischt den jungen Burschen im November 1832, als der gerade einen frisch geschossenen Hirsch auf einen Schlitten laden will. Der Menten-Sepp schwört, er habe nicht selbst gewildert, doch Mayr lässt sich nicht beeindrucken. Er nimmt ihn fest, lässt ihn über Nacht draußen in Eiseskälte frieren und will ihn morgens ans Gericht nach Miesbach bringen.

Als der Menten-Sepp versucht zu fliehen, schießt ihn Mayr – ganz nach alter Manier – in den Rücken. Ein Versehen, wird er später angeben. Mayr wird zwei Monate vom Dienst suspendiert, dann aber vor Gericht freigesprochen. Eine Posse für die Freunde des Menten-Sepp: Sie schwören Rache.  

Rache für den Menten-Sepp 

Ein Jahr nach dem Tod des Menten-Sepp locken sie Mayr und seine Gehilfen in eine Falle: Zwischen den Weilern Grund und Schmerold wollen sie den Jäger erschlagen. Auf Schusswaffen soll verzichtet werden – unter den Angreifern hält sich hartnäckig der Glaube, Mayr sei kugelfest. Mit ihren Gewehrkolben gehen insgesamt sieben Männer auf Mayr und seine zwei Begleiter los.

Sie erschlagen seinen Jagdhund „Donau“ und den Jagdgehilfen Nikolaus Riesch. Der zweite Gehilfe überlebt nur, weil er sich tot stellt. Erst als Anwohner aus Schmerold herbeieilen, flüchten die Angreifer. Der wilde Jäger bleibt mit zerschlagenen Knochen liegen und wird anschließend schwer verletzt in sein Wohnhaus gebracht – heute das Jagerhaus Gmund.  

Dort liegt er nun, mehr als vier Monate lang, und erholt sich nicht mehr. Ob er zunächst wirklich nicht sterben konnte, weil er mit einer Hostie den Tod ausgetrickst hatte oder der Sterbeprozess schlicht so lange dauerte, ist nicht gesichert. Von den Männern, die ihn überfallen haben, wird nur einer gefasst und zu 16 Jahren Zuchthaus verurteilt. Die anderen Beteiligten der „Jägerschlacht von Grund“ schweigen eisern – und kommen nie vor Gericht. 

Hinter der Geschichte 

Name: Gedenktafel der Jägerschlacht von Grund  

Datierung: 1933  

Öffentlich zugänglich: ja  

Wegbeschreibung: Start an der Mangfallbrücke in Gmund am Tegernsee, vorbei an der Büttenpapierfabrik und der Papierfabrik Louisenthal. Nach der Kläranlage an der Straßengabelung rechts Richtung Schmerold/Waldhof; nach etwa 500 Metern links durch die Weiler Berg und Schmerold bergab nach Grund.  

Dauer: 2 Stunden, familientauglich