Wenn im Januar wieder Bilder aus dem womöglich tief verschneiten Kreuth im Fernsehen und anderen Medien zu sehen sind – dann kommen sie nicht mehr von der CSU, sondern vom Ludwig-Erhard-Gipfel. Das Gipfel-Kreuth rückt an die Stelle des CSU-Kreuth. Hinter dem neuen Großereignis steckt ein Mann, der fast die ganze Welt gesehen hat. Und trotzdem sagt: Mein Zuhause, das ist Tegernsee.

Text: Christian Jakubetz

Portrait Wolfram Weimer

Wolfram Weimer
Foto: Urs Golling

Streng genommen ist Günther Jauch schuld. Als Wolfram Weimer in der Nachbarschaft des TV-Omnipräsenten in Potsdam wohnte, wunderte sich Jauch irgendwann: „Ihr Zeitungsleute lasst euch immer anstellen, statt was selber zu machen.“ Für alle, die nicht vom Fach sind: Günter Jauch produziert die meisten seiner Sendungen mit seiner eigenen Firma praktischerweise gleich selbst und verkauft sie dann an TV-Sender. Weimer wiederum war damals als Doppel-Chefredakteur von „Welt“ und „Berliner Morgenpost“ zwar ebenfalls eine beachtliche Größe im Medienzirkus. Im Unterschied zu Jauch war Weimer aber immer ein Angestellter.

Fast 20 Jahre später ist Wolfram Weimer immer noch eine sehr feste und vor allem sehr große Größe im deutschen Medienbetrieb. Mit dem Unterschied: Er ist nicht mehr angestellt. Weil ihn damals die Randbemerkung von Nachbar Jauch zum Nachdenken brachte. Und deshalb heute die Weimer Media Group existiert. Und damit nebenher etwas, was es bisher im Tal auch noch nicht gab: Es existiert vieles hier, aber als Stammsitz eines international operierenden Medien-Unternehmens war das Tegernseer Tal bisher nicht bekannt. Tatsächlich aber ging Weimers Entwicklung vom angestellten Chefredakteur zum Verleger vergleichsweise schnell: 2003 die Gründung von „Cicero“. 2012 entstand die Weimer Media Group. Unter ihrem Dach sind Titel wie „Börse am Sonntag“ oder das Online-Debattenmagazin „The European“ versammelt. Insgesamt verlegt Weimer inzwischen ein rundes Dutzend Publikationen, manche gedruckt, zunehmend auch rein digital. Zur Mediengruppe gehört auch der Ch.-Goetz-Verlag, den Weimers Frau schon vor knapp 20 Jahren gründete und der heute Sachbücher und Belletristik veröffentlicht.

Portrait Wolfram Weimer

Der Verleger hat das Wort: Wolfram Weimer begrüßt die Gäste des Ludwig-Erhard-Gipfels.
Foto: Urs Golling

Der Verleger ist immer auch Journalist geblieben
Wenn man also Wolfram Weimer an einem seestrahlenden Tag in der Seestraße 16 begegnet, dann trifft man nicht nur eine der Galionsfiguren im konservativen deutschen Journalismus, sondern einen Verleger (Wenn auch einen, der immer Journalist geblieben ist, was für einen Verleger keine schlechte Sache sein muss.)

Und man trifft einen Mann, der unumwunden das Wort „Zuhause“ benutzt, wenn er vom Tegernsee spricht. Dabei war die längste Zeit seines 55-jährigen Lebens keineswegs absehbar, dass der gebürtige Hesse Weimer jemals im oberbayerischen Idyll landen würde. Den Konservativen lebt Weimer in jedem Moment: Groß (er nähert sich mutmaßlich der Zwei-Meter-Grenze), verbindlich, freundlich im Ton. Weimer, ehemaliger Jahrgangsbester im Gymnasium mit 1,0-Abitur, spricht zu jeder Zeit sende und druckreif. Dazu: klassischer Anzug, blaues Hemd, Krawatte. Das muss vermutlich so sein. In einem Trachtenjanker und einer Lederhose kann man ihn sich nur schwer vorstellen. Sein letztes Buch heißt „Das konservative Manifest“, und wenn man sich Weimer anschaut, dann ist er ein lebendes konservatives Manifest.

Erst das Tegernseer Tal ist zu einem richtigen Zuhause geworden
Für einen rastlosen Weltreisenden wie Weimer ist es vermutlich noch bedeutsamer als für viele andere, wenn er von „Zuhause“ sprechen kann. Kindheit in Portugal, Gymnasium in Gelnhausen, Stipendien und später Korrespondenten-Jobs in Washington und Madrid: Man wird mit einer solchen Vita vieles, nur nicht wirklich heimisch. Das hat sich geändert, seit er in Tegernsee lebt: Weimer spricht zwar naturgemäß keinen oberbayerischen Dialekt, geht aber mit seiner Begeisterung für das Tal glatt als Einheimischer durch.

Mit Wolfram Weimer und seiner Frau Christiane Goetz-Weimer kamen nicht nur zwei leidenschaftliche Publizisten und eine Mediengruppe ins Tal. Sondern auch eine Veranstaltung, die im eher kleinen Rahmen begann, und für die Journalistenkollegen inzwischen eine ganze Reihe großer Metaphern verwenden: vom „deutschen Davos“ bis zum „Neujahrsempfang des Freigeists“. Wie man es auch immer nennen will, mit dem Ludwig-Erhard-Gipfel ist eine Veranstaltung entstanden, die zu den großen in Deutschland gehört. Weil sie nicht einfach ein Event oder ein Empfang ist, sondern weil es dort vor allem um inhaltliche Impulse geht. Wirft man einen Blick auf die Liste der bisherigen Redner, ahnt man, warum das so ist. Wirtschaft trifft Politik trifft Medien. Mehr an großen Namen geht kaum: AKK, Juncker, Merz, Lindner. Oder auch mal Henry Maske, dazu etliche Vertreter von DAX-Konzernen.

Tradition trifft Moderne: In der Seestraße in Tegernsee hat die Weimer Media Group ihren Sitz
Foto: Urs Golling

Mit dem Ludwig-Erhard-Gipfel schließt sich für den promovierten Politikwissenschaftler und Volkswirt der Kreis. Der ehemalige Bundeskanzler und Wirtschaftsminister Erhard, heute noch eine Art Wirtschaftsübervater der Konservativen, der viel Zeit im Tal verbrachte und hier auch beerdigt ist: Das muss für einen konservativen politischen Publizisten, der am Tegernsee lebt, ein ganz besonderer Reiz sein. In Weimers Büro hängt konsequenterweise ein Gemälde von Erhard, der Altkanzler in Acryl, gemalt von der Gmunderin Suse Kohler. Eine Art Sinnbild, weil Weimer nicht zu den Steinzeit-Konservativen gehört, die zigarre-rauchend und in Blazern mit Goldknöpfen in schweren Ledersesseln die Welt erklären. Typ-mäßig ist Weimer eher bei einem von Erhards späten Nachfolgern anzusiedeln: Gerhard Schröder rauchte zwar auch Zigarre, trug aber Brioni. Gut, Schröder ist kein lupenreiner Konservativer, aber in Teilen der SPD sehen sie das wohl anders. Auf die Zigarre verzichtet Weimer, in Brioni kann man sich ihn aber ganz gut vorstellen.

Aber zurück nach Tegernsee, in die Seestraße, in das Büro mit dem Acryl-Erhard. Für Weimer und seine Frau Christiane Goetz-Weimer jedenfalls stand kurz nach der Gründung der Weimer Media Group fest, sich an einer Veranstaltung zu versuchen, bei der der Name des Wirtschaftswunder-Vaters im Mittelpunkt steht. „Dass das mal derart groß wird“, staunt Weimer heute, „hätten wir uns damals nicht gedacht.“

Weimer war bei der FAZ, hat aber auch „Pardon“ wiederauferstehen lassen
Man macht es sich allerdings etwas leicht, wenn man Weimer einfach als konservativen Publizisten etikettieren will. Natürlich lassen Stationen bei FAZ, „Welt“, „Cicero“ und „Focus“ auf eine bestimmte politische Grundhaltung schließen. Der Verleger Weimer hat aber auch das frühere Satire-Magazin „Pardon“ noch mal auferstehen lassen und dabei mit Menschen gearbeitet, die man eher nicht in der konservativen Ecke verorten würde. Weimer liebt die gepflegte Kontroverse: Das Weimer-Cicero galt als einer der besten publizistischen Orte für die politische Debatte, sein Online-Magazin „The European“ hat sich ebenfalls der Debatte verschrieben. Selbst aus dem „Focus“ wollte er damals eine Art Debatten-Magazin machen. Das klappte zwar nicht, aber am „Focus“ haben sich in der Ära nach Gründungschef Helmut Markwort bisher noch alle die Zähne ausgebissen.

Nicht mal auf einen bevorzugten Medienkanal kann man Weimer so leicht festlegen: Neben seinen Texten für diverse Zeitungen und Magazine und seine Kolumnen im Netz schreibt er auch Bücher („Jedes Jahr eins“, merkt er dazu schmunzelnd an) und ist immer wieder im Fernsehen zu sehen. In den üblichen Plasberg-Will-Illner-Formaten taucht er regelmäßig auf. Wäre man Fernsehredakteur, würde man sagen: Man castet ihn gerne für die Rolle des modernen, wirtschaftsliberalen Konservativen in der Runde. Vermutliche Präferenz: eher Merz als AKK.

Eindeutig sind dagegen die Präferenzen des Familienmenschen Weimer: In Berlin jedenfalls fühlte sich Weimer „nie richtig zu Hause“. Tegernsee? Das ist das Zuhause. Und vielleicht muss man ja erst mal ein paar Jahrzehnte um die halbe Welt gejettet sein, um dann sein Glück in einer oberbayerischen Kleinstadt zu finden. Dieses Glück führte dann auch dazu, dass die Weimers das jetzige Verlagsgebäude in der Seestraße kauften. „Ich muss jetzt nicht mehr jeden Tag rein“, sagt Weimer. Rein, das ist: München. Dort befindet sich immer noch der operative Sitz des Unternehmens.

Für Wolfram Weimer hat der Gipfel neben der inhaltlichen allerdings auch eine persönliche Komponente: „Da sind so viele aus dem Tal dabei, die ihren Beitrag leisten.“ Noch ein Schritt zum Daheimsein am Tegernsee.

Der Artikel erschien im Zusammenhang mit dem Ludwig-Erhard-Gipfel im Januar 2020.

Hohe Promidichte beim Gipfel in Kreuth: Das Verleger-Ehepaar Christiane Goetz-Weimer und Wolfram Weimer zusammen mit Ex-Finanzminister Theo Waigel und dem damaligen Chef der EU-Kommission Jean-Claude Juncker
Foto: Felix Hörhager

Seeseiten, Winter 2019.