Im Tegernseer Tal gibt es Schmetterlinge, die vom Aussterben bedroht sind. Wie sensibel sie auf kleine Veränderung ihres Lebensraums reagieren, zeigt das Beispiel der Ameisenbläulings.

Ameisenbläuling Tegernseer Tal

Die Raupe des Ameisenbläulings ist auf eine ganz bestimmte Pflanze angewiesen.
Foto: Florian Bossert

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum es im Frühjahr immer zuerst die Zitronenfalter sind, die durch den Garten flattern? Der Grund dafür ist dieser: Der Zitronenfalter ist einer der wenigen Schmetterlinge, die auch als solche überwintern können. Er verdankt das einem Frostschutzmit­tel in seinen Adern, das ihn vorm Erfrieren schützt. Sobald es wärmer wird, wacht er aus dem Winterschlaf auf und kann schon losfliegen. Davon können seine Artgenossen nur träu­ men. Bei denen ist das Überwintern meist sehr kompliziert. Genau ge­nommen überwintern sie selbst gar nicht, sondern ihre Raupe oder das Ei. Als flatterndes Prachtexemplar verbringen die meisten Falter nur ein paar Wochen im Jahr.

Bestes Beispiel: der Ameisenbläuling. Als sei die ganze Metamorphose beim Schmetterling nicht schon komplex genug – Sie wissen schon: Raupe, Puppe, Schmetterling – treibt er das Ganze auf die Spitze. Da gibt es den Thymian-Ameisenbläuling und den Dunklen Wiesenknopf­Ameisenbläu­ ling – je nachdem, an welcher Pflanze er seine Eier ablegt. So kompliziert der Name, so umständlich auch sein Lebenslauf: Die Raupe schlüpft an der Wirtspflanze und lässt sich im Sommer fallen. Sie verströmt dann Duftstoffe, die bestimmte Ameisen betören, weil sie wie deren Larven riechen. Deswegen sammeln die Ro­ten Knotenameisen die vermeintlich verloren gegangene Ameisenlarve ein und tragen sie im Herbst tief hinunter in ihr Nest. Dort ernährt sich die Raupe von den Ameisenlarven und verpuppt sich. Hat sie im Früh­jahr das Stadium des Schmetterlings erreicht, muss sie sich sputen, bevor sie enttarnt wird. Sie fliegt aus und sucht sich wieder die besagte Wirts­pflanze, um dort ihre Eier zu legen.

Foto: Florian Bossert

Am Beispiel dieser Bläulinge zeigt sich, wie sensibel die Lebensräume vieler Arten sind. Sie brauchen nicht nur eine bestimmte Wirtspflanze, sondern auch die genau dazu pas­ sende Ameisenart, um sich zu ent­ wickeln. Wenn das alles passt, kann immer noch der Mensch dazwischen­ funken: Die Wiese darf nicht zu früh gemäht werden, damit die Raupen nicht verloren gehen.

Übrigens: Dem Schmetterling mit der Kamera hinterherzujagen ist nicht zielführend. Zum Fotografieren blei­ ben Sie am besten auf dem Weg, um keine Blumen oder Raupen in Gefahr zu bringen, positionieren sich vor ei­ ner Pflanze, fokussieren sie und war­ ten ein paar Minuten. Gute Chancen auf einen schönen Schnappschuss hat man zum Beispiel im schmetter­ lingsreichen Suttengebiet am späten Vormittag, wenn die Falter noch träge von der Nacht sind. Denn als Kinder der Sonne werden sie erst in der Mit­ tagszeit so richtig munter.

Schmetterlinge sind so genannte Ökosystemanzeiger, weil sie sehr schnell auf Veränderungen von Lebensräumen reagieren. Deswegen betreibt Florian Bossert ein Schmetterlingsmonitoring, sozusagen ein Frühalarmsystem, das im Sommer besucht werden kann: bei der „Sutten Natur Pur“-Woche, So. 4. bis So. 11. Juli an der Wildbachhütte.

STECKBRIEF
Thymian-Ameisenbläuling – Phengaris arion

Rote Liste: Stark gefährdet (2) (Natura 2000 Art – europaweit streng geschützt)
Flügelspannweite: 33 bis 42 mm
Aussehen: Flügeloberseite mattblau mit dunklen Flecken und dunklem Außenrand, Flügelunterseite Punktemuster
Lebensraum: trockenwarme, lückig bewachsene Kalk-Magerrasen z.B. auf Almweiden (Verbreitungsschwerpunkt in den bayerischen Alpen)
Flugzeit: Juni–August Verpuppung: im Herbst/Winter im Ameisennest
Nahrung: Raupennahrungspflanzen sind Thymian-Arten und gemeiner Dost. Zusätzlich ist die Knotenameise Myrmica sabuleti notwendig (s. Text).
Schutz: Mahd erst nach der Falter-Flugzeit, Erhalt der Wirtsameisen – extensive Beweidung