Florian Bossert nimmt uns mit auf Entdeckungsreise rund ums Tegernseer Tal und lässt uns die heimische Natur neu erleben.

Text: Florian Bossert

Steinadler_Seeseiten_Tegernsee

Der Steinadler ist ein treuer Flieger.
Foto: Florian Bossert

Das vielleicht treueste Tier in unserer Bergwelt ist der Steinadler. Das allein macht ihn schon besonders. Sind doch lebenslange Einehe und absolute Treue weder bei Tieren noch beim Menschen selbstverständlich.

Das komplette Tegernseer Tal mit samt den Blaubergen und bis zum Achenpass wird von drei Steinadlerpaaren bewohnt. Klingt wenig, mehr geht aber nicht, denn so ein Steinadler-Jagdrevier ist sehr groß. Bei uns lebt zum Beispiel das Wallberg-Paar. Es lässt sich sehr gut von Rottach aus beobachten, am ehesten in der Mittagszeit, mit ihrem langen majestätischen Gleiten ohne Flügelschlag.

Von Januar bis Ende März ist Balzzeit und die Greifvögel vollziehen ihren Balz-Flug: den typischen Girlandenflug. Danach beginnt schon die Brutzeit. Damit ist der Steinadler früh dran im Jahr. Der Grund: Steinadler brüten genau 45 Tage, und erst im Juni oder Juli fliegt ein Adlerjunges aus. Das perfekte Timing zeigt sich auch darin, dass die Jungen genau zu der Zeit schlüpfen, wenn die Murmeltiere nach ihrem Winterschlaf aus den Höhlen kommen. Sie sind nämlich die wichtigste Nahrungsquelle junger Adler.

Steinadler werden bis zu 20 Jahre alt.
Foto: Florian Bossert

Eigentlich legen die Weibchen bis zu drei Eier. Doch auch, wenn tatsächlich zwei Junge schlüpfen, überlebt meist nur eines. Das stärkere Tier setzt sich durch und wirft oft sein Geschwistertier aus dem Horst. Wir nennen das Kainismus. Das klingt brutal, ist aber leider notwendig. Denn die Nahrung würde später nicht mehr für beide reichen. So sichert Mutter Natur das Überleben wenigstens eines Tieres. Dafür hat der Steinadler mit bis zu 20 Jahren ein sehr langes Leben. Bis er wieder balzt und brütet, vergehen vier oder fünf Jahre. Jeder tote Steinadler ist deswegen problematisch für unser Ökosystem.

Die Horste der heimischen Steinadler liegen zwischen 1000 und 1200 Metern Höhe, also recht niedrig. Sie müssen unterhalb des Jagdreviers liegen, weil die Beute des Steinadlers oft so groß und schwer ausfällt, dass er sie zwar anheben, aber nicht mehr hinauftragen kann. Während der Brutzeit darf im Radius von 500 Metern keine Störung stattfinden. Sogar Hubschrauberflüge werden umgeleitet.

Vor knapp zwei Jahren haben wir hier im Tegernseer Tal dem ersten bayerischen Steinadler einen Sender verpasst, bevor er den Horst verlassen hat. So wollten wir verfolgen, wie abenteuerlustig Steinadler sind: Sie gehen nämlich erst einmal auf Alpenrundreise, quer durch den ganzen Alpenraum. Aber sie kommen nach einigen Jahren zurück in die Nähe des Elternreviers – ganz ohne Kompass. Der Steinadler ist eben ein treues Tier.

Der Steinadler

(Aquila chrysaetos)

Alter: bis 20 Jahre
Flügelspannweite: Männchen 200 cm, Weibchen 230 cm Gewicht: 4 bis 6 kg
Aussehen: Großer Adler – schmale, brettartige Flügel mit geschwungenem Hinterrand, Handschwingen gespreizt, Jungvögel – weißer Schwanz
Lebensraum: Alpen. Horste in Felsnischen oder Baumhorsten, Jagdgebiete in darüber liegenden (halb-)offenen Hängen
Balzzeit: Januar – März
Brutzeit: März – Mai
Nahrung: Murmeltiere, Gamskitze, Katzen, Raufußhühner

Florian Bossert arbeitet als Gebietsbetreuer Mangfallgebirge im Auftrag des Landkreises Miesbach und des Bayerischen Naturschutzfonds. In dieser Funktion hilft er auf unterschiedliche Weise und mit viel Herz, intakte Ökosysteme unserer Berge zu schützen und die Artenvielfalt zu erhalten. Mit den Seeseiten-Lesern teilt er sein Wissen über die Natur der Region.