Aus Gmund kommt das feinste Papier, das man sich nur vorstellen kann. Der Mann, der hinter diesen vielen Feinheiten steckt, lässt sich passend dazu beschreiben: ein feiner Mann in des Wortes Sinne. Allerdings ist Florian Kohler auch ein Mensch, der scheinbar Widersprüchliches mühelos zusammenbringt.

Text: Christian Jakubetz

Florian Kohler / Foto: Gmund Papier

Florian Kohler ist ein Oberbayer wie er im Buche steht. Und gleichzeitig passt er in kein einziges Oberbayern- Klischee. Ein „leidenschaftlicher und überzeugter Tegernseer“, einer, für den sein Stadtratsmandat in Tegernsee viel mehr Dienst an der Allgemeinheit ist, und bei dem ihm eine mögliche Profilierung gleichgültig ist. Einer, der schon mal den Trachtenjanker anzieht und dennoch einer, der von Heimatümelei oder falsch verstandenen Nostalgien nicht weiter entfernt sein könnte.

Der 56-jährige Florian Kohler ist eine interessante Mischung aus Visionär, Freidenker – und einem Mann, der althergebrachten Werten und Ideen verbunden ist. Fragt man ihn beispielsweise danach, wie er sich erklärt, dass seine Gmunder Papierfabrik die letzte verbliebene und unabhängige ihrer Art in Europa ist, findet Kohler eine einfache Antwort: „Weil wir fleißiger sind als andere“, sagt er. In einer Tonlage allerdings, als sei es ihm unangenehm, sich auf derart althergebrachte Tugenden zu berufen. Dabei hängt das eine mit dem anderen durchaus zusammen. Der konservative Rahmen gibt die Möglichkeit, sich innerhalb dieses Rahmens kreativ auszutoben. Und möglicherweise machen sie das in Gmund auch mehr als alle anderen.

Wer hier arbeitet, arbeitet nicht einfach nur
Aber ganz so einfach ist die Sache natürlich nicht. Nur mit Fleiß alleine hält man einen 120-Mann-Betrieb wie die Papierfabrik Gmund nicht am Laufen, schon gar nicht in einem engen und schwierigen Markt, wie es der Papiermarkt geworden ist. Der Unternehmer Kohler hat deswegen keine Belegschaft, die jeden Morgen ins Haus kommt, um einfach nur Geld zu verdienen. Wer hier arbeitet, sollte schon eine Beziehung zum Papier haben. Dementsprechend niedrig ist die Fluktuation. „Die meisten sind hier schon seit vielen Jahren“, bestätigt Kohler. Was auch daran liegt, dass Florian Kohler seinen Mitarbeitern ein guter Arbeitgeber sein will. Kohler gibt sich selbst dabei „die Note 2–3“. So viel demonstrative Bescheidenheit liegt auch an dem perfektionistischen Wesenszug Kohlers, den er selbst gar nicht abstreitet. Auf der anderen Seite: könnte man ein einzigartiges Produkt überhaupt machen, wäre man kein Perfektionist?

Die Liebe zum Detail macht es: Florian Kohler wirft sehr genaue Blicke auf das Papier, das seine Fabrik verlässt. / Foto: Gmund Papier

Für jemanden, der sein Geld mit Papier verdient, hat Florian Kohler trotzdem ein erstaunlich pragmatisches Verhältnis zu dem Rohstoff, der über viele Jahrzehnte der einzig denkbare Datenträger für Informationen und Unterhaltung gewesen ist. Sein iPad beispielsweise nutzt Kohler mit Leidenschaft. Wie er überhaupt der Auffassung ist, dass die nackte Information einfach nicht mehr auf Papier gedruckt gehört. Papier als Erlebnis also. Papier als Kulturgut. Dementsprechend sollte das, was auf solchem Papier geschrieben wird, ebenfalls einen Wert haben. Für alles andere gibt es digitale Medien. „Vielleicht erleben wir ja irgendwann mal das Ende der Papiertonne“, schmunzelt Kohler. Weil in der besten aller Welten Papier nicht mehr weggeworfen würde. Was ja auch, wenn man sich die Produkte aus Gmund ansieht, ein absurder Gedanke wäre. Solches Papier wirft man nicht weg. Solches Papier findet sich nicht in einer schnöden Tonne wieder.

Bauhaus und Gmund – wo Design und Papier zusammenkommen
Was aus Gmund kommt, sind Kunstwerke. Papierdesign gewissermaßen. Da ist es folgerichtig, dass es zwischen dem Bauhaus Dessau und der Papierfabrik Gmund zum Jubiläumsjahr des Bauhauses eine enge Beziehung gibt. Mit einer eigenen Reihe: die neue Papierkollektion „Gmund Bauhaus Dessau“ begleitet den 100. Geburtstag der weltbekannten Bauhaus-Hochschule für Gestaltung.

Die Idee der Bauhaus-Gründer war es, gutes Design für alle erschwinglich zu machen. Von dieser Idee ist auch Kohler fasziniert. Und: So wie das Bauhaus für Modernität und Aufbruch steht, sieht sich Gmund Papier als Sinnbild für Innovation und Kreativität zu erschwinglichen Preisen. Traditionell- konservativ in der Unternehmensführung, kreativ und experimentierfreudig wie ein Start-up: An der Mangfall geht auch das mühelos zusammen.

Wenn Florian Kohler dann die Bögen dieses Papiers in der Hand hat, ist er ganz bei sich. Dann kann er erzählen. Minutenlang. Von der Qualität dieses Papieres. Von seiner Zusammensetzung und von dem, was es so besonders macht. Wenn man den Unternehmer, den Papierfabrikanten Kohler verstehen will, dann drückt man ihm am besten einen Bogen mit Papier in die Hand.

Florian Kohler vor dem Schriftzug eines seiner Lieblings-Projekte: Mit dem „Mangfallblau“ hat er ein ganz besonderes Restaurant geschaffen. / Foto: Urs Golling

Papier für jeden, der nicht 08/15 sein will
Natürlich könnte Florian Kohler viele Geschichten darüber erzählen, wen er als Kunden beliefert hat. Dass er beispielsweise die Hochzeitskarten für die Ex-Google-Vizechefin Marissa Meyer hat drucken lassen, wäre eine solche Geschichte. Man könnte noch viele andere erzählen: dass man die Umschläge für die Oscar-Verleihung gefertigt oder das jordanische Königshaus beliefert hat und noch etliches mehr. Aber man würde Kohler und der Fabrik Unrecht tun, würde man sie auf prominente Namen oder hohe Preise reduzieren. „Papier ist nicht einfach gut, weil es teuer ist“, sagt Kohler. Wenn Papier wirklich „Papierkommunikation“ sein soll (so nennt Kohler das), dann muss jedes Papier seine eigene Seele haben. Seine eigene Aufgabe erfüllen. Davon abgesehen, dass es ein Trugschluss ist, würde man glauben, dass nur sehr wohlhabende Menschen in Gmund einkaufen. „Jeder, der nicht 08/15 sein will, bestellt bei uns“, beschreibt Kohler die Gmund-Klientel. Individuelles und hochwertiges Papier also als Teil der eigenen Identität. So wie es eine gute Visitenkarte oder der Stil, sich anzuziehen, auch sind.

Beinahe zwingend, dass jemand, der eine solche innige Beziehung zu seinem Produkt hat, nicht einfach nur ein Unternehmer ist. Für Florian Kohler ist es wichtig, dass das, was er tut, tatsächlich nachhaltig ist, auch wenn er weiß, dass dieser Begriff inzwischen deutlich zu oft verwendet wird.

Aber wer, wenn nicht jemand, der solche langlebigen Kulturgüter herstellt, dürfte diesen Begriff in den Mund nehmen? Und er ist konsequent bei diesem Thema: Strom wird zu einem beträchtlichen Teil aus der eigenen Fotovoltaik-Anlage gewonnen. Gmund Papier erzeugt bis zu 75 Prozent der benötigten Elektrizität und Energie durch eine Kraft-Wärme- Kopplungsanlage, ein eigenes Wasserkraftwerk und eine Fotovoltaik-Anlage. Zur Abwasservermeidung und Wasserwiederverwendung ist eine Kreislaufwasser- und Abwasserreinigungsanlage installiert.

Mehr als eine Fabrik: Nicht nur die Lage in einer versteckten Seitenstraße direkt an der Mangfall, nicht nur das alte Gebäude macht Gmund Papier zu einem ungewöhnlichen Ort. Auch das im vergangenen Oktober dort eröffnete Restaurant mit Namen „Mangfallblau“ steht dafür, dass der Unternehmer Kohler eben mehr ist als ein renditeorientierter Pragmatiker.

Das aus einem einstigen Zellstofflager entstandene Restaurant „Mangfallblau“ könnte auch irgendwo in Berlin oder London stehen: Loft-Anmutung, klares Design, umgesetzt mit einer Detail-Liebe, die man vermutlich nur dann verstehen kann, wenn man sich ansieht, auf welche vermeintlichen Kleinigkeiten der Unternehmer Kohler auch bei der Herstellung des Papiers achtet. Sogar die Wasserhähne und die Armaturen sind auf das industrielle Design des „Mangfallblau“ abgestimmt. Das alles hätte Kohler auch billiger, einfacher, schneller haben können. Wollte er aber nicht. Dass übrigens das „Mangfallblau“ das weltweit einzige Restaurant einer Papierfabrik ist, passt ziemlich gut in die Geschichte aus Gmund. Florian Kohler erwähnt so etwas übrigens eher beiläufig. Der Mann für die Feinheiten bleibt sich auch in solchen Momenten treu.

Die Papierfabrik bietet jeden zweiten und vierten Freitag um 13:00 Uhr (in den bayerischen Schulferien jeden Freitag) geführte Besichtigungen an. Die Buchung der Tour erfolgt telefonisch über die Tourist-Information der Gemeinde Gmund. Telefon: 08022-70 60 350. Papierfabrik, Restaurant Mangfallblau und Gmund Papier Shop befinden sich alle in der Mangfallstraße 5 in Gmund. Mehr Infos unter www.gmund.com.

– Im fabrikeigenen Papiershop in Gmund können Liebhaber guten Papiers aus einer großen Auswahl ihre favorisierten Stücke einkaufen. / Foto: Gmund Papier

Seeseiten, Frühling 2019.