E-Bikes, das klingt erstmal nach Rädern für unsportliche und bewegungsfaule Menschen. Warum das ein großer Trugschluss ist, was der große Reiz daran ist und wieso man bei E-Bikes das Fahrradfahren nochmal fast neu lernen muss – Seeseiten-Autorin Susanne Mayr weiß es jetzt aus eigener Erfahrung.

Text: Susanne Mayr
Foto: Urs Golling

E-Biken am Tegernsee Seeseiten

Das E-Bike bringt einen nicht von alleine auf den Berg.

Man sieht sie hier im Tegernseer Tal überall. Auf den Almen, rund um den See und auf den entlegensten Forststraßen: E-Bikes. Halt, korrekt müsste man sagen: Pedelecs. Nur dass kein Mensch sie so nennt. Der Einfachheit halber bleiben wir bei E-Bike. Diese Fahrräder waren schon vorher beliebt, im Corona-Jahr boomen diese Räder mit Tretunterstützung so stark wie noch nie.

Ein Wunder ist das nicht. Plötzlich fallen auch steile Steigungen deutlich leichter. Und Ziele, die vorher erst gar nicht auf dem Radar waren, sind plötzlich erreichbar. Aber genau das kann auch zum Problem werden. „Rauf kommt man ja mit einem E-Bike ganz schnell, aber man sollte ein sicherer Fahrer sein, um auch wieder gesund runter zu kommen“, erzählt Andrea Wiedenbauer von der Powderworld Mountainbikeschule Kreuth.

Die Expertin, die seit Jahren als Bike-Guide und Fahrtechniktrainerin arbeitet, rät deshalb jedem erst einmal zu einem Einsteigerkurs. Weil ein E-Bike sich ganz anders fährt als ein „normales“ Rad, geht es in einem solchen Kurs erst einmal um Grundlegendes: „Da lernt man nicht nur richtiges Bremsen, Anfahren am Berg oder wie man die verschiedenen Unterstützungsstufen einsetzt, sondern auch wie das Rad überhaupt funktioniert und wie man sich als rücksichtsvoller Biker verhält.“

Und das sollte man besser wissen, nicht nur, wenn mal irgendwo auf Tour das E-Bike plötzlich streikt. Sobald man außerhalb des geraden Radwegs ist, schadet es nicht, die Besonderheiten des Rads zu kennen, wie sich schon bald herausstellen wird.

E-Biken am Tegernsee

Kleine Pausen sollten auch immer für einen kurzen Akkucheck genutzt werden.

Mach den Check – vorher!

Bevor es aber losgeht, steht bei Wiedenbauer immer – und das sollte eigentlich für jeden Biker gelten – ein Sicherheitscheck auf dem Programm. „Man kontrolliert dabei Wesentliches wie Bremsen, Federung, Akku und Funktion, aber auch ob der Lenker gerade ist, die Griffe fest sind, der Sattel richtig eingestellt ist“, so die Expertin. Zum Schluss wird noch der Reifendruck geprüft. Klingt banal, kann aber eine Menge ausmachen. Ist der Reifen z.B. zu prall, dreht das Rad beim bergauf fahren durch, wodurch man die Wege kaputt macht – ein absolutes No-Go für verantwortungsvolle Fahrer“, so die leidenschaftliche Bikerin.

Denn auch das ist ein wichtiges Anliegen der Guides: der rücksichtsvolle und sichere Umgang mit sich selbst, anderen Bikern oder Wanderern und natürlich der Umwelt. „Deshalb bekommt bei uns auch jedes Rad eine Trail Bell“, erklärt Wiedenbauer und befestigt ein kleines Glöckchen am Lenker. „So wird man leichter wahrgenommen und nimmt automatisch auch selbst mehr Rücksicht.“

Die erste Tour

Dann geht es aber endlich los. Wer sich übrigens wundert, warum eine supersportliche Frau wie Andrea E-Bike fährt, der wird es spätestens bei den ersten Fahrversuchen sofort verstehen. Das E-Bike bringt einen nicht von alleine auf den Berg. Man muss trotzdem selber treten und wenn man das richtig macht, bleibt das Biken sportlich, fühlt sich aber so an, als hätte man permanent schönen Rückenwind.

Wir starten unsere Tour am Outdoorcenter am Fuße des Hirschbergs und fahren für den Anfang erst einmal Richtung Norden. Unser erstes Ziel ist der Bucherhang in Bad Wiessee, denn hier hat man morgens einen traumhaften Blick auf den See und den Sonnenaufgang. Vom Ort aus wartet hier die erste ordentliche Steigung auf uns: „Wir fahren immer in einem kleinen Gang bergauf und treten relativ schnell“, erklärt die Bike-Führerin. „So hat man ein sportliches Training, aber die Beine ermüden nicht so schnell.“

E-Bike am Tegernsee

Bergab fahren ist mit einem E-Bike etwas schwieriger.

So geht es nun die ersten anspruchsvolleren Stücke hinauf und ich lerne, wie man die Geschwindigkeitsstufen einsetzt. Oben angekommen steht die erste Pause auf dem Programm, um ein paar schöne Fotos zu machen und auch mal den Akku zu checken.

Während des Fahrens durch die Waldstücke Richtung Bauer in der Au stellt sich jetzt ein ganz ungewohntes Gefühl ein: Man freut sich plötzlich auf jede Steigung. Es macht unglaublich Spaß, die eigenen sportlichen Ziele viel höher stecken zu können. Touren werden so nicht nur einfacher, sondern auch länger und anspruchsvoller, der eigene Radius wird größer.

Kontrolliert den Berg hinab

Es geht jetzt wieder etwas hinunter und Andrea erklärt mir, dass bergab grundsätzlich die Unterstützungsstufe geändert wird. Entlang des Söllbachs fahren wir am Wasser durch den Wald, bevor es schließlich wieder steiler bergauf geht. Aber das ist für uns kein Problem, sogar das Anfahren an steileren Stücken klappt einfach, wenn man weiß, wie es geht: „Sattel runterstellen, höchste Unterstützungsstufe (bei unseren Bikes „Turbo“) anschalten und ein Pedal nach vorne stellen“, zeigt mir Andrea. Und so nehmen wir auch diesen Berg mit Leichtigkeit und kommen auf die Ebene, die zur Schwarzen Tenn Alm führt. Hier ist es morgens um diese Uhrzeit noch sehr ruhig.

Spätestens auf der Rückfahrt hinab nach Kreuth zahlt sich aus, was ich über das Bremsen und Bergabfahren gelernt habe. Denn das schwerere E-Bike schiebt mehr als mein normales Mountainbike. Es braucht etwas Übung, um es kontrolliert den Berg hinunter zu bringen. Als wir schließlich wieder an unserem Treffpunkt ankommen, könnte ich noch ewig weiterfahren. Auf den Wallberg, die Sutten oder gleich über die Valepp bis zum Spitzingsee …

Unser Tipp: Die schönsten Panoramatouren rund um den Tegernsee, denn die normalen Radwege entlang des Ufers werden Ihnen bald nicht mehr reichen.

Und wie kommt man jetzt am besten an ein E-Bike? „Billig kaufen ist zu teuer, denn dann kauft man meist zweimal“, weiß Wiedenbauer. „Aber es kommt nicht unbedingt auf den Preis an. Am besten einen guten Fachhändler suchen, der selbst repariert. Dann sich beraten lassen, das Rad länger Probe fahren und das Bike an die eigenen Anforderungen anpassen lassen. Die Feinjustierung wie Sattelvermessung, Lenkereinstellung und Co. dann in einer Bikeschule machen lassen.“

Wer das E-Biken einfach mal ausprobieren möchte, kann sich ein Bike ausleihen, Kurse können aber auch mit dem eigenen E-Bike gebucht werden.

Infos und Preise unter www.outdoorcenter-tegernsee.de (für Firmen und Veranstaltungen) oder www.powderworld.de (für Private)

Die schönsten Panoramatouren rund um den Tegernsee sowie weitere Anbieter finden Sie auf www.tegernsee.com/ebike-am-tegernsee.

Empfehlenswert sind die Touren von Gmund über die Holzeralm nach Bad Wiessee, von Bad Wiessee Söllbach nach Kreuth und zur Schwarzen Tenn Alm oder von Kreuth auf das Wallbergmoos.