Laufen in Traumkulisse. Einmal im Jahr, im September, versammeln sich in Gmund viele Tausend Laufbegeisterte, um den Tegernsee auf der Halbmarathondistanz von 21,1 Kilometer zu umrunden. Unser Seeseiten-Autor Kristian Laban war bereits mehrmals beim Tegernseelauf dabei. Ein Bericht über Läuferlast und Läuferglück direkt von der Strecke.

Text: Kristian Laban

Halbmarathon Tegernsee Startaufstellung

Gmund, Hauptstraße. Warten auf den Startschuss
Foto: sportograf.com

Gmund, Startaufstellung.
„Welche Zeit hast Du heute angepeilt?”, fragt mein um einige Jahre jüngerer Nebenmann. „Mit 2 Stunden 15 Minuten wäre ich zufrieden”, antworte ich. „Dabei sein ist alles”, entgegnet er freundlich, aber auch ein wenig mitleidig. Zumindest kommt es mir so vor.

Ein schneller Läufer war ich noch nie. Auch heute werde ich wieder im letzten Viertel des Läuferfeldes ankommen. Aber seitdem meine Ärztin mir sagte, dass jeder Halbmarathonläufer für sie Leistungssport betreibt, ist die Welt für mich in Ordnung. „Kampfname Schildkröte – langsam, aber ausdauernd”, denke ich mir. „Und Leistungssportler!” Ich lächle zufrieden in mich hinein.

Gmund, Hauptstraße, der Start.
Einige Tausend Gleichgesinnte setzen sich erwartungsfroh in Bewegung. Es gibt viel Applaus und aufmunternde Rufe vom Streckenrand. Aufgehen in der großen Läuferfamilie bei schönstem Bergpanorama – jedes Mal aufs Neue ein super Gefühl.

Gmund, Kilometer 1.
Alle sind noch gut drauf. Hier und da wird sogar noch miteinander geplaudert. Jetzt nur nicht den Amateurfehler begehen, sich von der Welle der Begeisterung mitreißen lassen und zu schnell anlaufen. „Das Rennen wird nicht auf den ersten Kilometern entschieden”, wiederhole ich mantramäßig. Ich orientiere mich am Tempo meiner Nebenläuferin. Frauen sind zu Beginn des Laufs weniger anfällig für falschen Ehrgeiz, so meine Erfahrung der vergangenen Jahre.

Die ersten Kilometer vergehen wie im Flug. Ist auch kein Wunder, es geht fast nur bergab. Ich genieße mit allen anderen das Privileg, mitten auf der Straße laufen zu dürfen.

Einmal um den See herum, frei von jeglichem Verkehr. Die Straße gehört heute den Menschen, nicht den Autos. „Sollte immer so sein”, denke ich.

Halbmarathon Tegernsee Start

Die ersten Meter auf der Strecke, immer einer der besten Momente des Rennens.
Foto: sportograf.com

Tegernsee, Kilometer 5.
Während der eine oder andere stille Beobachter am Streckenrand angesichts der Läuferscharen ein wenig ratlos erscheint, klatschen andere aufmunternd Beifall. Ich möchte anhalten und bestätigen „Ja, genau richtig, macht ordentlich Radau! Kuhglocken, Rasseln, Blaskapellen, Jubelschreie, Anfeuerungen jeder Art. Wir Läufer lieben das.” Ich laufe vorbei, lächele und mache eine kurze Geste des Dankes.

Tegernsee, Kilometer 6,5.
Erster kurzer Anstieg. Ich reibe mir die Augen. Ich werde von einem Läufer in Tracht mit geschultertem Alphorn (!) überholt. Beim nächsten Kilometerschild hält er plötzlich an. Er stößt in sein Alphorn und erzeugt ein mächtiges „Bööaaaht”, schultert das Alphorn wieder und überholt mich erneut. Der Vorgang wiederholt sich an den nächsten zwei Kilometerschildern. Dann zieht er langsam davon und lässt mich ungläubig zurück. Beim London-Marathon gibt es das ungeschriebene Gesetz, „niemals von dem Läufer im roten Buskostüm überholen lassen.” Beim Tegernseelauf übernimmt diese Funktion dann wohl der Mann mit dem Alphorn. Und mir wiederfährt es bereits nach gerade einmal einem Drittel der Strecke…

Halbmarathon Tegernsee Alphorn-Läufer

Tegernsee: Der Alphornläufer zieht davon.
Foto: Kristian Laban

Rottach-Egern, Kurve hinein in die Seestraße, Kilometer 8,1.
Hier stehen nach Start und Ziel die meisten Zuschauer an der Strecke. Wer gut drauf ist, kann sie zu einer „La-Ola- Welle” aufmuntern. Arme nach vorne ausstrecken und „Ooohhh” rufen. Dann reißen die Zuschauer der Reihe nach die Arme in die Luft. Sieht prima aus und trägt über den nächsten Kilometer.

Rottach-Egern, Kilometer 9,1.
An 364 Tagen im Jahr ist das die Auffahrt zum Seehotel Überfahrt. Heute darf hier der zweite Verpflegungsstand der Strecke stehen. Ich schnappe mir ein Getränk und ein Stück Banane. Es ist nur Wasser und ein bisschen Obst. Für mich fühlt es sich gerade trotzdem wie ein Menü in der Überfahrt mit drei Michelin-Sternen an.

Rottach-Egern, Popperwiese, Halbzeit.
Ich gucke auf die Uhr. Ich bin noch auf Kurs. Kurz sinniere ich darüber, dass der Sieger des Tegernsee-Halbmarathons bereits in ca. fünf Minuten ins Ziel einlaufen wird. Er wird mehr als eine Stunde schneller gewesen sein als ich. Für mich gefühlte Lichtgeschwindigkeit. Unglaubliche Leistung.

Seepromenade Bad Wiessee, Kilometer 15.

Von den schönen Ausblicken auf den See bekomme ich nicht mehr viel mit. Die Beine werden mit jedem Meter schwerer, die Kilometerzeiten schlechter. Der Körper sendet erste Signale, dass er keine Lust mehr hat auf die Anstrengung. Jetzt nur nicht blöde Gedanken aufkommen lassen. „Wozu machst Du das? Musst du dich in Deinem Alter immer noch beweisen? Kannst Du nicht mal nur gemütlich am See sitzen und einen Cappuccino genießen? Ein Zuschauer ruft „Bravo, weiter so!” Ich lächele und schiebe alle Gedanken beiseite.

Bad Wiessee, Kilometer 16,4.
Es wird ernst. Anstieg hinauf zur Spielbank. Mehr als einen Kilometer lang, und nach oben hinaus immer steiler werdend. Mit müden Beinen, aber hoch motiviert, gehe ich die Herausforderung an. „Dieses Mal packe ich dich, Anstieg!”, rufe ich ihm zu. „Ich werde nicht anhalten und gehen. Ich werde bis oben ohne Unterbrechung hinauflaufen.” Nach zwei Drittel des Anstiegs gehe ich.

Halbmarathon Tegernsee Verpflegung

Energie für die Läufer: Getränkereichen nach dem Anstieg hinauf zur Spielbank.
Foto: sportograf.com

Spielbank, Kilometer 17,8.
Oben angekommen, bin ich platt. Rettung erfolgt durch den dortigen Verpflegungsstand. „Wasser! Iso!”, schallt es mir entgegen. Ich greife mit beiden Händen zu. Ich bin super dankbar. Ich möchte den Streckenhelfern zurufen: „Ihr seid alle großartig!”. Aber dafür bin ich zu k.o. Es reicht nur für ein leises „hmpfff”. Aber das kommt von Herzen. Nach der Spielbank geht es länger bergab. Mein Puls beruhigt sich wieder. „Irgendwann machen sich die vielen Trainingskilometer doch bezahlt”, freue ich mich.

Kilometer 19,3, zweiter langer Anstieg, hinauf zu Gut Kaltenbrunn.
Gehe ich? Laufe ich? Keine Ahnung. Vermutlich irgendwas dazwischen. Und der Anstieg ziiieehhhht sich elendig. Eigentlich habe ich keine Kraft mehr. Die letzten Energiereste meines Körpers verpulvere ich mit leisen Verwünschungen: „Am besten einebnen, den Hügel”. Zwei Anstiege hintereinander so kurz vor dem Ziel sind mindestens einer zu viel.

Gmund, kurz hinter Gut Kaltenbrunn, Kilometer 20.

Der höchste Punkt der Strecke. Ab jetzt geht es bis ins Ziel nur noch bergab. Die Musik aus dem Zielbereich ist bereits zu hören. Gewissheit: „Du schaffst es auch dieses Mal wieder”. Wie aus dem Nichts verwandelt sich mein gerade noch gequälter Gesichtsausdruck in ein breites Lächeln. Die Beine werden leichter, die Schritte länger. Die Glückshormone übernehmen.

Gmund, Zielgerade.
Ich entdecke meine Ehefrau am Streckenrand. Sie strahlt mir entgegen, ich strahle zurück. „Ach, vergiss die Zielzeit!”, sage ich mir. Ich halte spontan an und gebe ihr einen dicken Kuss auf die Wange. Zuschauer strahlen uns an. Überall schweben die Glückshormone durch die Luft. Ich sprinte los.

Halbmarathon Tegernsee Zielgerade

Zielgerade: Der See ist umrundet. Nach 21,1 Kilometern regieren die Glückshormone. Der Läufer mit der Nummer 5977 entdeckt kurz vor der Ziellinie seine Ehefrau im Publikum.
Foto: Barbara Klatt

Gmund, Kilometer 21,1, durchs Ziel.
Welche Haltung, welche Geste? Schließlich werden ja Fotos gemacht. Ich entscheide mich für den Miro Klose Jubel (ohne Salto). Arme ausbreiten und den Flieger machen.

Im Ziel.
Die meisten Läufer sind schon da und plaudern bei Brezen und isotonischen Getränken mit ihren Mitstreitern. Man kann das Glück in ihren Gesichtern ablesen.

Wir sind alle Helden.
Für einen Tag.

Halbmarathon Tegernsee im Ziel

Im Ziel, im Fluss der Glückshormone.
Foto: sportograf.com

Der Tegernseelauf zählt nicht nur als einer der schönsten Laufveranstaltungen Deutschlands. Mit 5.000 Teilnehmern ist er einer der größten bayernweit. Feuerwehr, Polizei, Sanitätsdienst, Bauhofmitarbeiter, Parkplatzordner, Helfer bei Auf- und Abbau, am Taschendepot, an der Strecke, an den Verpflegungspunkten und viele mehr: „Diese Unterstützung am Wettkampfwochenende ist unglaublich wichtig”, erklärt Lauforganisator Peter Targatsch. „Unsere rund 400 Helfer machen eine Veranstaltung dieser Größenordnung erst möglich.”

Der Tegernseelauf ist für jedes Alter gedacht. Neben der 21,1 Kilometer langen Strecke wird eine zehn Kilometer lange Distanz angeboten.Kinder und Jugendliche laufen über eineinhalb beziehungsweise fünf Kilometer.

Anmeldung und alle aktuellen Informationen: www.tegernseelauf.de. Tipp: Frühzeitig anmelden. Der Tegernseelauf ist meist vor dem Wettkampftag ausgebucht.

Seeseiten, Frühling 2019.