Geht‘s eigentlich noch bayerischer? Er spielt den Metzger Simmerl in den Eberhofer­-Krimis, doubelte 15 Jahre lang den Ministerpräsidenten am Nockherberg, macht Kabarett und singt bayerische Mundart. Außerdem isst er am liebsten Schinkennudeln und trinkt bevorzugt ein Helles. Wenn er Musik macht, sind aber gerne mal Einflüsse aus der ganzen Welt dabei: Country, Rock, Blues. Und überhaupt: In die berühmten Schubladen steckt man einen wie Stephan Zinner nicht so leicht. Zeit für eine Spurensuche.

Interview: Christian Jakubetz

“Der Derbste und ,Krachertste‘ bin ich nicht. Aber ich lang schon mal hin.”
Foto: Gerald von Foris

Vermutlich bekommen sowas nur Bay- ern hin: Trotz der äußeren Brummbärigkeit kann Stephan Zinner rasend schnell reden, gestikulieren und dabei dennoch die Behaglichkeit eines Kachelofens ausstrahlen. Kurz gesagt, man fühlt sich schnell wohl in seiner Umgebung und landet sofort beim „bayerischen Du“. „Servus“, sagt er zur Begrüßung. Und zu so einem sagst du nicht: Guten Tag, Herr Zinner.

Wobei ein wenig förmlicher Respekt schon angebracht wäre. Zinner ist Schauspieler, Musiker und Kabarettist in einem, seine Auftritte in den Verfilmungen der Rita-Falk-Krimis und als Söder-Double auf dem Nockherberg haben Millionen Menschen gesehen. Trotzdem mag Zinner auch die kleine Bühne, wo er es wiederum fertigbringt, bayerische Mundart genauso zu spielen wie U2.

Stephan, kein Witz, ich habe vor kurzem eine Frau über 50 mit Zöpfen gesehen. Und dann musste ich an deinen gleichnamigen Song denken („Frauen über 50 mit Zöpfen“) und dann wiederum gingen mir die Sachen durch den Kopf, die einen heutzutage ja schnell beschleichen: Sexismus, Altersdiskrimi­nierung, das ist alles fürchterlich inkorrekt. Hat das schon mal jemand  zu dir gesagt: So geht das nicht, das ist ja Sexismus?
Ob das als Sexismus bewertet wurde, weiß ich nicht. Aber dafür hat schon mal eine Dame zu mir gesagt: „Das haben Sie aber nicht nötig, Herr Zinner!“ Klar kann man vordergründig in diese ganze Diskriminierungs-Debatte einsteigen. Aber darum geht es in diesem Stück ja gar nicht. Das Thema ist das Älterwerden und die Schwierigkeiten, die man damit hat. Das betrifft Männer genauso. Es geht darum zu wissen, wo man ist in diesem Alter. Und wie man damit umgeht. Das ist den meisten ja auch durchaus bewusst. Aber klar, es gibt immer ein paar, denen es wichtig ist, dass alles politisch korrekter ist. Ob das dann auch immer besser ist, ist die andere Frage.

Ich habe bei den ganzen Korrektheits-­Debatten oft den Ein­druck, dass sie im Gegensatz zur Idee des Kabaretts stehen. Bei Kabarett und Satire geht es doch nicht darum, dass so eine kuschelige Kuhstallwärme entsteht und alle sich wohl fühlen. Und gerade bayerisches Kabarett, da wird schon aus alter Tradition heraus gerne mal fester hingelangt. Wie derb darf es bei dir und deinem Kabarett sein?
Also, „derb“, das liegt mir nicht so. Da gibt es ein schöneres bayerisches Wort dafür: „krachert“ (Anmerkung d. Red.: Das lässt sich leider nicht wirklich übersetzen). Ich bin sicher in meinen Programmen nicht immer der reine Florettfechter. Das darf schon mal sein, dass man in einer Pointe eine Grenze … naja, nicht völlig auslotet, aber schon mal so leicht streift. Das ist mir wichtig, man muss das ganze Korrektheits-Zeug nicht überstrapazieren. Und so ein leichtes tiefes Einatmen beim Streifen einer Grenze und die Frage, kriegt der das wieder hin, das mag ich ja selber auch, wenn ich mir Kollegen anschaue. Das ist ganz reizvoll. Also, kurz gesagt: Der Derbste und „Krachertste“ bin ich nicht, aber ich lang schon mal hin.

Wie entsteht dein Kabarett? Sitzt du vor einem leeren Blatt und fängst an, nach Plan zu arbeiten? Oder bist du eher der Typ, der sich in ein Café setzt, drei Stunden Leute beobachtet und dann Eindrücke wiedergibt?
(lacht) Ja gut, du hast ja in München quasi ein fertiges Kabarettprogramm, wenn du dich einfach zwei Stunden in ein Café hockst. Aber ich weiß, was du meinst. Es gibt Kollegen, die haben regelrechte Rituale, nach denen das bei ihnen abläuft. Das habe ich nicht. Bei mir ist es eine Mischung. Manchmal sitze ich in der Wirtschaft, ratsch mit jemandem und denk mir dann: Da könntest du was draus machen.

Einer, der viele(s) zusammenbringt: Stephan Zinner mit Ukulele und Lemmy Kilmister (im Hintergrund).
Foto: Gerald Foris

Es geht aber auch andersrum, dass ich mich hinsetze vor ein leeres Blatt Papier, weil es ein bestimmtes Thema gibt, zu dem ich schon immer mal was schreiben wollte. Aber, das wirst du auch wissen: Ein leeres Blatt Papier, das ist erstmal ein potenzieller Killer. Das ist dann ein bissl mehr Arbeit, aber das schadet ja nicht. Trotzdem, grundsätzlich schaue ich schon, dass ich so nahe wie möglich am Selbsterlebten bleibe. Das überhöhe ich etwas, das ist nun mal Kabarett. Und dann geht’s raus.

Dein Kabarettisten­-Kollege Martin Frank hat uns erzählt, dass er während der Corona-Pandemie echte Probleme hatte, seine Nummern zu schreiben, weil er sich von der Welt etwas abge­schnitten gefühlt hat. Wie war das bei dir während Corona?
(lacht) Der Martin hat ja auch keine Kids. Ich habe drei und die waren im Homeschooling – und schon hast du dein Kabarett. Meine Frau ist Ärztin am Krankenhaus, schon hast du die nächste Nummer. Ich habe also in der Corona-Hochphase genügend Stoff für ein Programm gehabt, manchmal leider auch zu meinem Bedauern. Trotzdem ist der Corona-Anteil in meinem Programm ziemlich gering. Irgendwann reicht es und die Leute haben von dem Thema die Nase voll.

Klingt zwar etwas nach Klischee, aber trotzdem: Du bist ja vielseitig. Kabarett, Musik, Schauspielerei. Und bei der Musik wechselst du von der bayerischen Nummer hin zu U2 („One“, im Duett mit Hannes Ringlstetter). Der Dorfmetzger Simmerl, der U2 singt: Bist das alles du oder ist da einfach nur der Wunsch, mal was auszuprobieren?
Bei „One“ war es so, dass der Hannes vorgeschlagen hat, die Nummer gemeinsam zu spielen. Und ich mag den Song sehr, sehr gerne. Also habe ich einfach gesagt: Ja, machen wir. Klar probiere ich gerne mal was aus, aber nüchtern betrachtet, hat mir diese Vielseitigkeit während der Coronazeit auch ein bissl den Hintern gerettet. Im Gegensatz zu den Kollegen, die „nur“ live auf der Bühne stehen, ist mir wenigstens das Fernsehen geblieben. Dieser Tanz auf mehreren Hochzeiten, das ist ein Luxus und das mache ich sehr gerne. Das hält mich auch frisch. Wenn ich mir überlege, ich würde „nur“ mein Kabarett machen und immer meine eigenen Witzchen erzählen, also ich weiß ja nicht. Aber klar, man muss schon aufpassen, dass man es nicht übertreibt.

Gibt es auch was, was du gar nicht kannst?
Malen! Geht überhaupt nicht bei mir!

Wie autodidaktisch bist du? Ich weiß, du warst auf einer Schauspielschule, zumindest das also musst du mal richtig gelernt haben. Aber der Rest, Musik, Kabarett?
Ich habe Gitarre schon auch gelernt, so richtig mit Unterricht. Aber ich versuche auch gerne einfach mal was. Von dem her würde ich sagen: eine wilde Mischung aus beidem, aus Lernen und Autodidaktik.

Wie nimmt dich dein Publikum war? Ist das ein Publikum, das sich das Gesamtkunstwerk Stephan Zinner anschaut? Oder eher jeweils quasi ein Teil­-Publikum für den Musiker, den Schauspieler, den Kabarettisten?
Nein, das glaube ich nicht. Das ist querbeet, was zu mir kommt. Klar passiert das auch mal, dass jemand sagt: Komm, jetzt schauen wir uns den an, der immer den Söder macht. Oder den Schauspieler. Ich mag das sehr, wenn ein Publikum so durchgemischt ist, auch vom Alter her.

Von Mundart bis zu U2: Der Musiker Stephan Zinner ist einer, der spielt, was ihm gefällt. Und dem Publikum natürlich auch.
Foto: Hans Lippert

Apropos Schauspieler: Kannst du unerkannt durch Fronten­hausen gehen? (Anmerkung d. Red.: Im niederbayerischen Frontenhausen werden die Verfilmungen der Krimis von Rita Falk gedreht, in denen Zinner den Metzger Simmerl spielt).
(lacht) Oh, in Frontenhausen, ja, könnte schwierig sein. Obwohl ich glaube, dass ich ein Erkennlevel habe, das noch ganz ok ist. Der Kollege Sebastian Bezzel (spielt die Hauptrolle des Dorfpolizisten Eberhofer, d. Red.) hat es da schon schwerer, der ist da auf einem ganz anderen Niveau. Und das nicht nur in Frontenhausen, in ganz Bayern, egal, wo er hinkommt. Ich kann mir schon vorstellen, dass das manchmal nervt. Bei mir ist es jedenfalls noch ganz gut auszuhalten.

In Frontenhausen kann man übrigens super Schwammerl suchen, das weiß ich.
Ja, sehr gute Wälder da! Und sehr nette Leute, wir werden da wirklich jedes Mal mit offenen Armen empfangen.

Findest du es nicht erstaunlich, dass ein krachend bayerischer Plot wie der Eberhofer auch außerhalb Bayerns so gut funk­tioniert? Wie überhaupt auffällig ist, dass man bayerisches Kabarett und Mundart­-Musiker auch in Berlin oder Hamburg gerne mag.
Das muss man auseinanderhalten. Da ist zum einen der Großstadtfaktor. Der Großstädter an sich ist ja schon einiges gewohnt. Und außerdem findest du in Großstädten eine wilde Mischung aus Einheimischen und Zuagroasten. Denen ist das wurscht, wenn sie mal einen Halbsatz nicht verstehen. Aber wenn du, sagen wir, auf dem brandenburgischen Land unterwegs bist, dann könnte es sein, dass das ein etwas schwieriger Abend wird. Überhaupt ist es nochmal ein Unterschied, ob du in der Großstadt oder auf dem Land auftrittst. Auch in Bayern. Auftritte in Trostberg oder Dingolfing, ich weiß nicht, ob das gleich so flutscht (lacht). Wenn ich in München auftrete, da habe ich schon alleine wegen der Größe der Stadt ein Publikum, das weiß, was jetzt gleich kommt.

Jetzt ist Tegernsee nicht gerade eine Großstadt, aber irgend­ wie ja dann doch wieder städtisch. Ist das ein Heimspiel für dich, weil die ganzen Münchner draußen am See sind?
Wenn ich mich richtig an meine Auftritte am See erinnere, dann war das auch ein gemischtes Publikum. Ein paar Zuagroaste, ein paar Einheimische. Und zwei oder drei Touristen hatten sich da auch verirrt, denen man dann halt mal ein paar Wörter erklären muss. Jedenfalls ist Tegernsee nicht auf einer roten Liste bei mir, auf der steht: Vorsicht, schwieriges Publikum. Passt scho!

Ich schaue dich jetzt schon während des ganzen Gesprächs an, versuche mir den Bart wegzudenken und will dann heraus­ finden, worin eigentlich deine optische Nähe zu Markus Söder besteht …
Keine Ahnung!

Und du sprichst keinerlei Fränkisch.
Fränkisch ist ja auch wirklich harte Arbeit, glaubʼs mir.

Was machst du, wenn Söder eines Tages Bundeskanzler wird? Dann bist du für alle Zeiten abgestempelt als Kanzler-­Double.
Dann wird’s Zeit, mit der Rolle aufzuhören. Obwohl, ich habe schon vor Jahren gesagt: Wenn der mal Ministerpräsident wird, dann ist Schluss. Das habe ich wohl versäumt.

Allmächd! Vielleicht war der fränkische Dialekt auf Dauer zu anstrengend, eventuell hat ihn auch dieses Interview nochmal zum Nachdenken gebracht. So oder so: Kurz nach diesem Gespräch und ebenso kurz vor Erscheinen dieser Ausgabe hat Stephan Zinner mitgeteilt, nicht mehr den Söder geben zu wollen. Der Ministerpräsident reagierte umgehend: „Schade, das war immer ein großer Spaß!“

Stephan Zinner, „Raritäten“, Fr., 7. Januar, 20.00 Uhr
Ludwig-Thoma-Saal, Rosenstr. 5, Tegernsee