Die Welt wird gerade radikal digital. Facebook, Google, Amazon, Apple – und mittendrin: eine Frau aus Kreuth. Steffi Czerny ist möglicherweise die bekannteste Unbekannte der weltweiten Digital-Szene. Weil sie lieber arbeitet, als sich selbst in Szene zu setzen. Dabei ist sie der Kopf und manchmal auch das Gesicht hinter einem der wichtigsten Events der Internet-Branche.

Text: Christian Jakubetz

Die Brennerin vom Tegernsee
Eine Kreutherin auf Reisen: Zu ihren diversen DLD-Konferenzen auf dem Globus wie hier in Singapur nimmt Steffi Czerny gerne mal musikalische Begleitung aus der Heimat mit.

Lassen wir erst einmal den Freistaat Bayern zu Wort kommen: „In einem globalen, alle Lebensbereiche durchdringenden technologischen und kulturellen Wandlungsprozess trägt Stephanie Czerny dazu bei, dass Bayern eine zukunftsorientierte Position selbstbewusst behaupten kann. Frau Czerny leistet auf dem Sektor der Digitalisierung Außergewöhnliches. Auch durch ihr gesellschaftliches Engagement hat sie sich hervorragende Verdienste um den Freistaat Bayern erworben.“ So begründete Ministerpräsident Markus Söder die Verleihung des Bayerischen Verdienstordens an die Kreutherin.

Etwas kompakter sieht das die US-amerikanische Zeitschrift „Wired“, so eine Art Bibel der Digitalszene: „Die ehemalige Journalistin leitet die einflussreichste europäische Technologiekonferenz DLD und zieht Referenten wie Mark Zuckerberg, Peter Diamandis und Marissa Mayer an.“ Das wiederum war für „Wired“ Grund genug, Stephanie Czerny (die übrigens kein Mensch so nennt, sie heißt überall einfach Steffi) im Jahr 2014 auf die Nummer 25 der weltweit einflussreichsten Digital-Influencer zu setzen. Steffi Czerny ist quasi in zwei Welten zuhause. Kreuth, der Tegernsee auf der einen Seite. Der Globus, die Technik-Welt auf der anderen Seite.

Ein später Herbsttag in der Münchner Arabellastraße, dem Hauptsitz von Hubert Burda Media. Ein Medien-Imperium, eines der größten in Deutschland. Steffi Czerny hat gerade eine Stunde Autofahrt von Kreuth nach München hinter sich. Von der Tegernseer Beschaulichkeit in die Betriebsamkeit der weltweit operierenden DLD Media GmbH (eine Burda-Tochter), der sie vorsteht. Dort hat sie ihr Büro, was schon alleine deshalb die treffende Formulierung ist, weil sie von den vermeintlichen Macht-Insignien anderer Medienmanager weiter entfernt ist als Kreuth vom Arabellapark
Ein kleiner Holz-Schreibtisch, eine winzige Besucher-Ecke, auf dem Schreibtisch ein Laptop, wenig überraschend: ein Apple-MacBook, das Standardgerät der Digitalszene. Und Bücher, enorm viele Bücher. Irgendwie hatte man sich das Büro einer Top-Influencerin der digitalen Welt anders vorgestellt. Aber was sagen schon Äußerlichkeiten wie ein Büro? Steffi Czerny lässt sich in einem der Sessel nieder, gerade erst hat sie Trips nach Singapur und Belgrad hinter sich, in ein paar Tagen wartet schon wieder die nächste Reise. Nicht, dass die Kreutherin ihre Trips um den Globus nicht mögen würde. Aber ihr Pensum strengt auch Menschen an, die deutlich jünger als die 64-jährige Czerny sind.

Ordensträgerin: Ministerpräsident Markus Söder verlieh Steffi Czerny im Sommer den Bayerischen Verdienstorden. Mehr geht nicht im Freistaat.

Die Ahnung, dass etwas ganz Großes entsteht

Eine Kreutherin als eine der wichtigsten Digital-Frauen der Welt – da drängt sich die Frage auf: Wie wird man das? Noch dazu ohne ausgeprägtes Technik-Interesse, wie Steffi Czerny selbst einräumt? Zwei Sachen sind es, die für Steffi Czerny ausschlaggebend sind: „Ich bin neugierig. Und ich erkenne schnell, ob etwas Potential hat.“ Beides waren Gründe, warum der Verleger Hubert Burda vor 20 Jahren die „analoge Hausfrau aus Kreuth“ (Selbstbeschreibung Czerny im Handelsblatt) zu seinem Digital-Scout machte. Die sich wiederum das Thema Internet auch erstmal erarbeiten musste. 1998 wusste man noch nicht allzu viel über das Netz, Steffi Czerny wusste noch weniger.

Also verlässt die Hausfrau und Mutter ihr Kreuther Idyll immer öfter und fliegt um die Welt. USA, natürlich. New York, Kalifornien. Aber auch ganz oft Tel Aviv, weil es in Israel eine pulsierende Tech-Szene gibt. Steffi Czerny lässt sich von der Intuition treiben, geht dorthin, wo sie glaubt, dass irgendwas Spannendes passieren könnte. Und hat Glück. Trifft immer wieder auf Leute, die (was man heute weiß) mit ihren Ideen die Welt verändert haben. In San Francisco beispielsweise stolpert sie eher zufällig in eine Pressekonferenz, in der ein bis dato weitgehend unbekannter Programmierer von seiner Idee erzählt, mit einer Software Seiten aus dem Internet für jedermann leicht abrufbar und „lesbar“ zu machen. Willkommen in der Wunderwelt des Browsers! Steffi Czerny ahnt: Hier passiert gerade was ganz Großes. Und steht damit in krassem Widerspruch zu den allermeisten Menschen, die im Medien-Deutschland der Jahrtausendwende das Sagen haben. Internet? Nicht Ihr Ernst, Frau Czerny!

Digitales Leben hat manchmal auch mit Fußball zu tun: Steffi Czerny mit FC Bayern-Boss Karl Heinz Rummenigge.

Mit Hubert Burda hat sie allerdings einen gewichtigen Verbündeten. Er lässt Steffi Czerny machen, vertraut ihrem Instinkt und ihrem im Wochentakt größer werdenden Netzwerk. Wer wichtig ist in der digitalen Welt, steht schnell in Steffi Czernys Notizbuch. Mark Zuckerberg, der Facebook- Gründer, Marissa Meyer, die langjährige Google- und Yahoo-Managerin. Man kennt sich. Einige sogar richtig gut. Mit Marissa Meyer besucht sie ein Waldfest in Kreuth, umgekehrt ist sie Gast bei deren Hochzeit. Aus dem Notizbuch und dem großen Netzwerk entsteht 2005 die DLD-Konferenz. Innerhalb weniger Jahre wird aus der DLD eine GmbH, mit Veranstaltungen auf dem ganzen Globus.

Das Münchner Ursprungs-Event ist schon lange auch ein Gradmesser für die eigene Bedeutung: Invitation only, nur mit Einladung! Wer drin ist, darf sich auf seine eigene Bedeutung ganz schön was einbilden (wer nicht, muss sich auch nicht grämen, die Plätze sind ziemlich knapp). Eine Erfolgsgeschichte, die noch lange nicht zu Ende ist. Und die jeden Tag aufs Neue geschrieben wird. Unter anderem: bei Waldspaziergängen in Kreuth.

In Kreuth wird der Kopf erst wieder richtig frei
Einen Widerspruch sieht Steffi Czerny nicht zwischen Kreuth und Kalifornien, zwischen Neureuth und New York. Weil sie das eine braucht, um das andere machen zu können. „Man kann erst ein Kosmopolit sein, wenn man versteht, was vor der eigenen Haustür passiert“, sagt sie. Weil man nur so mit beiden Beinen auf dem Boden stehe. Erdung, das sind für Steffi Czerny so einfache wie ritualisierte Dinge. Der tägliche Waldspaziergang in Kreuth beispielsweise. Immer die gleiche Route. Das gehört dazu. Zum Freibekommen des Kopfes, zum buchstäblichen Durchlüften. Ohnedies ist die Kosmopolitin Czerny auf ihre Art schon wieder oberbayerischer als viele andere: Besitzerin des Jagdscheins und einer ebensolchen Lizenz zum Fischen, das hat auch nicht jeder zuhause. Dass sie nebenher nahezu jeden der heimischen Vögel an ihrem Gesang bestimmen kann, gehört zu den weiteren Eigenheiten der Steffi Czerny.

Mittendrin statt nur dabei: Wenn Steffi Czerny in ihrer digitalen Welt unterwegs ist, sind hochkarätige Gesprächspartner meistens nicht fern. Hier beispielsweise der renommierte New Yorker Medienprofessor Jeff Jarvis und Digitalministerin Dorothee Bär (Bundeskanzleramt).

Natur und Highend-Technik: Für Steffi Czerny gehört beides dringend zu einem guten Leben. Wobei sie sich nach wie vor wenig aus Technik macht. Zumindest für jemanden, der laut ordentlichem Klischee eigentlich lauter Dinge besitzen müsste, die gerade eben erst die Schmieden des Silicon Valley verlassen haben. Sprachsteuerung findet sie toll, weil es das Leben so viel einfacher macht. Vor allem auf den morgendlichen Autofahrten von Kreuth in den Arabellapark: „Man lässt das Telefon einfach per Sprachbefehl jemanden anrufen, das macht das Auto für mich jeden Tag auch zu einem bequemen Büro“. Kein Gedanke ans Aufhören 64 ist Steffi Czerny in diesem Jahr geworden, vielfach dekoriert, nach wie vor eine unumstrittene Größe in der Digital- Szene. Und immer noch gesegnet mit der unbändigen Lust, diese Welt neu zu entdecken. Und nach wie vor scannt sie jeden Besucher sehr genau, ist im Gespräch schnell, fordernd, von bestechendem Verstand und alles in allem der Typ Mensch, den man in früheren Zeiten mit dem wunderbar altmodischen Begriff „belesen“ bezeichnet hätte. Ans Aufhören jedenfalls denkt sie nicht: „Wie lange ich das noch mache? Keine Ahnung. So lange ich Lust habe.“ Sagt es, steht auf und entschwindet. Die Zeit ist knapp, es gibt noch viel zu tun. Nächstes Ziel: New York.

Ein Stück Heimat im Münchner Büro: ein Wegweiser nach Kreuth.

Die Digital Life Design (DLD) zählt zu den wichtigsten Digital-Konferenzen weltweit. Neben der Digitalkonferenz DLD in München werden zudem Konferenzen in New York, Brüssel, Tel Aviv und Singapur veranstaltet. Seit 2017 gibt es mit DLD Campus eine neue Konferenz-Reihe, die an Universitäten stattfindet. Darüber hinaus zählen internationale Network-Events wie etwa in Palo Alto, London, Istanbul, Barcelona, Moskau, Los Angeles, Rio de Janeiro und Peking zum Portfolio der DLD Media GmbH, deren Geschäftsführerin Steffi Czerny ist. Die nächste DLD in München findet vom 19.–21. Januar 2019 statt. Zahlreiche Videos der Konferenz gibt es u.a. unter www.dld-conference.com/videos zu sehen. DLD steht übrigens für: Digital, Life, Design.

Seeseiten, Winter 2018.