Wenn man gelernter Tischler ist, ein Feuerwehrabzeichen in Bronze besitzt, Fußball auf gehobenem Niveau gespielt hat und ein Planungsbüro leitet – was läge näher, als Kabarett zu machen? Stefan Kröll bringt all das unter einen Hut und findet das nicht mal ungewöhnlich. Naheliegend, dass Kröll eher Kabarett aus dem echten, bayerischen Leben macht und der Selbstbespiegelung der Berliner Politblase nicht viel abgewinnen kann. Dann lieber Auftritte in einem ordentlichen Landgasthof, sagt er im Gespräch mit den Seeseiten.

Interview: Christian Jakubetz

Stefan Kroll Kabarettist Interview Seeseiten Tegernsee

Spiel‘s noch einmal, Stefan: Das Klavier hat bei Stefan Krölls Auftritten eine große Rolle. Weil es Abwechslung ins Programm bringt und man sich auch mal dahinter verschanzen kann.
Foto: kabarett-kroell.de

Freitagnachmittag, 15 Uhr, kurz nach Feierabend. Für andere Wochenende, für den Autodidakten, Tausendsassa und generell sehr schaffensfreudigen Stefan Kröll lediglich die Zeit, in der er sich anderen Dingen widmet als dem Planungsbüro. Dem Kabarett beispielsweise. Das neue Programm geht in die finale Überarbeitung, daneben stehen endlich wieder Auftritte an.

Herr Kröll, froh wieder auf der Bühne stehen zu können? Oder fühlt sich das nicht auch gerade ein bisschen surreal an?
Das hat sicher was Surreales. Es fühlt sich alles sehr vorsichtig an. Das Tempo ist langsamer. Das ist so ein Rantasten. Das macht das ganze etwas eigenwillig, aber die Freude überwiegt trotzdem.

Sie stehen eigentlich in einem ordentlichen Berufsleben, haben ein eigenes Planungsbüro. Wie kommt man da auf die Idee, nebenher Kabarett zu machen? Zumal das nebenher ja gar nicht so nebenher ist. Sie stehen ja doch ziemlich oft auf der Bühne.
Das war eine stufenweise Entwicklung. Klar, ich war schon in der Schule immer einer von denen, die für den Spaß zuständig waren. Einer, der die Lieder vom Fredl Fesl alle auswendig gekonnt hat. Trotzdem habe ich dann erstmal einen anständigen Beruf gelernt. Aber irgendwann hat es sich ergeben, dass ich mit meiner Schwester auf Hochzeiten aufgetreten bin. Nichts Wildes, einfach ein paar Lieder gesungen. Und dann hat mir ein Freund mal gezeigt, was ein Hochzeitslader so macht. Der hat gesagt: Das wär‘ was für dich. Ja, und dann war ich plötzlich mit 23 Jahren Hochzeitslader (eine Art Vorläufer des „Weddings Planners“, der insbesondere bei der Feier für gute Laune und Unterhaltung sorgt; d. Red.).

Einfach so?
Hat sich halt so ergeben. Ich habe das dann 19 Jahre lang gemacht. Und dabei wahnsinnig viel gelernt. Wie man mit Leuten in Live-Situationen umgeht, wie man von null auf hundert ein Publikum unterhält. Das ist ja bei Hochzeiten so: Du stehst auf der Bühne und dann geht es sofort los. Das hat mir dann so viel Spaß gemacht, dass ich angefangen habe, eigene Nummern zu schreiben. Eine Frühform von Kabarett sozusagen. Und aus dem heraus habe ich dann mal mein erstes Kabarett-Programm geschrieben, die Arbeit als Hochzeitslader zurückgefahren und bin dann nahtlos gewechselt – vom Wirtshaus in die Kleinkunst.

Ist das nicht eine andere Geschichte – von einer von Spontaneität geprägten Art hin zu einem strengen „Abspielen“ eines fertigen Programms, an das man sich halten muss, ob man will oder nicht?
Spontaneität ist ja auch beim Kabarett gefragt. Da ruft mal einer was dazwischen oder es fällt etwas um, solche Sachen. Je sicherer du da im Text bist, desto eher kannst du spontan reagieren. Das mache ich natürlich nicht bei der Premiere. Bei der Premiere bleibe ich stur am Text. Aber die Hochzeitsladerei war eine gute Übung. Du bekommst über die Leute meistens nichts Spannendes erzählt. Eher sowas wie: Du, sag doch mal über den Gast da irgendwas, beispielsweise, dass seine Tante so nett ist. Dann musst du dir schnell eine lustige Geschichte ausdenken. Das ist nicht viel anders, wenn ich ein Kabarett-Programm schreibe. Du hast eine Idee, die ist vielleicht noch nicht der Burner. Und dann näherst du dich an, aus verschiedenen Blickwinkeln und irgendwann hast du dann deine fertige Geschichte.

Und dann?
Schreibst du es auf und lernst es auswendig.

Dann sollte jeder Kabarettist erst mal als Hochzeitslader arbeiten, oder?
Kabarett und Hochzeitslader, das verträgt sich leider nicht so optimal.

Stefan Kroll Kabarettist Interview Tegernsee

Geschichten aus dem richtig wahren Leben: Stefan Kröll will weder belehren noch moralisieren. Stattdessen verlässt er sich darauf, dass das tägliche Leben schon Stoff genug für einen Kabarett-Abend bietet.
Foto: kabarett-kroell.de

Warum?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kritiker, denen ein Stück von mir nicht gefallen hat, meine „Vergangenheit“ als Hochzeitslader gerne dazu nutzen, um zu schreiben: Das mag vielleicht im Wirtshaus funktionieren, was der Kröll da macht – aber das ist doch kein Kabarett! Da nehmen dich leider einige nicht ganz ernst, die sagen dann, der Kröll, das ist und bleibt ein Wirtshaus-Komödiant.

Muss es immer dieses ARD-Besinnungs-Kabarett sein, bei dem irgendjemand den neuesten Koalitionsvertrag auseinandernimmt? Und es bleibt ja auch die Frage: Wollen Sie überhaupt politisches Kabarett machen?
Nein! Dazu müsste ich politisch viel stärker interessiert sein, das ist also gar nicht mein Anspruch. Ich sitze lieber mittendrin bei den Leuten und schaue, wie deren Alltag so ist. Da sind Hochzeiten die perfekte Übung. Wenn da die Leute ein bissel was getrunken haben, dann fangen die an zu brodeln. Und du triffst immer wieder auf die gleichen Typen. Ich habe ungefähr 130 Hochzeiten gemacht und ich kann Ihnen sagen: Typen wiederholen sich, du triffst immer wieder auf die gleichen!

Echt? Wie sieht dann die Typologie bayerischer Hochzeiten aus?
Da gibt‘s zum einen immer den ganz Leisen. Der trinkt etwas Alkohol und dann dreht er auf. Der hüpft dann alleine auf der Tanzfläche rum, was er sonst nie im Leben machen würde. Andere werden eher etwas aggressiv, wieder andere werden Plaudertaschen. Und dann gibt es solche, denen merkst du selbst nach einer Flasche Wein gar nix an. Diese Beobachtungen kann man nutzen, das ist einfach Lebenserfahrung. Die Leute, die zu mir ins Kabarett kommen, die laufen dann eher auf meiner Wellenlänge. Mein Humor ist deren Humor. Und umgekehrt.

Stichwort Humor: Die einen sind bitterböse, zynisch bis zur Schmerzgrenze. Andere wiederum haben eher einen liebevollen, menschenfreundlichen Humor. Der ganz frühe Sigi Zimmerschied, der war ja bitterböse. Sein Passauer Kollege Martin Frank wiederum (siehe Seeseiten-Interview in Ausgabe 63/Winter 2020), der ist von einer Leichtigkeit, bei dem meint man, dass er Menschen grundsätzlich mag. Bei Zimmerschied wäre ich mir da nicht sicher. In welcher Kategorie sehen Sie sich?
Eher bei Martin Frank. Ich bin zwar ein Fan von Zimmerschied, er ist eine ganz große Figur im Kabarett. Aber bei der Schärfe, die er hat, da muss man schon schlucken. Und wenn du bei ihm im Publikum sitzt, da musst du ja fast schon Angst haben. Der geht ja manchmal einfach quer durchs Publikum und zieht sich dann auch mal einen raus. Das ist schon heftig. Also, ich bin eindeutig ein Menschenfreund. Ich will nicht dauernd den Finger in irgendwelche Wunden legen, sondern eher auf skurrile Sachen aufmerksam machen. Die mir übrigens genauso passieren.

Haben sich die Zeiten nicht auch einfach geändert? Ich meine, das mit dem Dreiklang Presse, Kirche, CSU, das gibt‘ s ja fast nirgends mehr. Sogar Passau wird von einem SPD-Oberbürgermeister regiert…
Ah geh, echt?

Ja, mit einer kurzen Unterbrechung schon seit 1990. Vielleicht ist also gar nicht mehr die Zeit des Kabaretts der strengen Weltbilder.
Da ist was dran. Früher war Kabarett der „Scheibenwischer“, das war Dieter Hildebrandt. Das war sicher ausgezeichnetes Kabarett. An dem hat sich aber auch alles und jeder messen lassen müssen. Wenn jemand etwas banalere Späße über das echte Leben gemacht hat, dann hat die Kabarett-Polizei sofort gesagt: Das ist jetzt aber kein Kabarett, das ist Unterhaltung!

Stefan Kroell Kabarett Interview Seeseiten Tegernsee

“Ich sitze lieber mittendrin bei den Leuten und schaue, wie deren Alltag so ist.”
Foto: kabarett-kroell.de

Und heute?
Hat sich nicht so viel geändert. Für viele ist immer noch Hildebrandt oder heute „Die Anstalt“ Kabarett, alles andere nicht. Können die machen, ist mir aber egal. Bei mir steht halt Kabarett drüber, weil es das am ehesten beschreibt. Wenn einer kommt und sagt: Der Kröll, das ist ein netter Kerl auf der Bühne, aber das ist doch nie Kabarett, was der macht, dann ist das so. Damit komme ich klar.

Es gibt ja auch kein Gesetz, in dem steht, dass Kabarett immer politisch sein muss.
Stimmt. Ich hätte nur ein Problem damit, wenn man das, was ich mache, als „Comedy“ bezeichnet.

Ganz was anderes: Sie sind ja Autodidakt, haben ein Planungsbüro, sind gelernter Tischler und sind auch im Besitz eines Feuerwehrabzeichens in Bronze. Und Klavier spielen Sie auch. Wo haben Sie das denn gelernt?
Angefangen habe ich damit, dass ich es mir selber beigebracht habe. Inzwischen nehme ich Unterricht, schaffe es allerdings nicht, da wirklich jede Woche hinzugehen. Das Gute an meinem leicht wackeligen Spiel ist, dass mein Publikum keinen perfekten Pianisten von mir erwartet. Die verzeihen mir, wenn ich mal daneben liege. Gestern Abend beispielsweise, da waren immer Fliegen auf der Bühne, da bin ich völlig rausgekommen. Ich spiele ja alles auswendig, weil mit Noten habe ich es nicht so. Dann habe ich den Teil noch mal von vorne begonnen – und niemand regt sich auf.

Warum spielen Sie überhaupt Klavier auf der Bühne?
Ich finde den Wechsel zwischen Text und Musik sehr gut. Außerdem hat so ein Klavier auch was Schützendes. Ich kann dahinter eine Art Trutzburg aufbauen. Und man kann die Darstellungsweise auf der Bühne variieren. Da steht dann halt nicht jemand zwei Stunden auf der Bühne und erzählt irgendwas. Es gibt nur wenige, die das können. Bei der Monika Gruber beispielsweise, da funktioniert das. Für mich wäre das nichts.

Und wie bringen Sie das alles unter einen Hut? Kabarett, Planungsbüro, Feuerwehr, Klavierunterricht?
Ich habe ja eine Familie auch noch …

Dann stellt sich die Frage umso mehr.
Ich war schon immer so. Ich habe früher auch sehr viel Fußball gespielt. Ich habe dann auch mal vier Jahre höherklassig gespielt in Rosenheim. Weil ich das einfach wollte. Weil ich wissen wollte: Schaffe ich das? Für so ein Ziel nimmt man dann auch einiges in Kauf. Ich hatte also noch nie viel freie Zeit, in der ich mir überlegen hätte müssen, was ich mit ihr anfange. Ich fühle aber sehr wohl, wenn die Dinge so dicht aneinandergedrängt sind.

Und was sagt die Familie dazu?
Die kennt das nicht anders. Meine Kinder haben das auch nie hinterfragt, warum ich drei- oder viermal in der Woche nicht da bin.

Wäre es eine Option für Sie, sich für einen Fulltime-Job als Kabarettist zu entscheiden?
Hätten Sie mich das vor zwei Jahren gefragt, hätte ich gesagt: Ja klar, jetzt schauen wir mal, wie das wird. Dann kam Corona und ich war heilfroh um mein Planungsbüro. Jetzt wird es etwas leichter mit der Pandemie und ich würde es gerne machen wie damals beim Fußball: Ich möchte einfach mal schauen, wie weit ich komme. Dann kann ich mir später sagen, dass ich es ernsthaft versucht habe, Kabarett zu meinem Beruf zu machen. Ich bin aber Realist genug, dass ich mir eine Hintertür offen lasse. Wenn es nicht klappt, fahre ich wieder zweigleisig. Da fällt mir kein Zacken aus der Krone.

Sie schreiben gerade an einem neuen Programm? Muss man da irgendwie auch was mit Corona machen oder ist das eher ein Unwort?
Das C-Wort lasse ich weg! Niemand will 20 Euro zahlen, damit dann jemand nochmal aufrollt, was da passiert und wer da was falsch gemacht hat. Davon abgesehen ist das eines der schwierigsten Themen, um sich zu positionieren. Und in einem halben Jahr juckt es niemanden mehr, ob der Söder heute irgendwas richtig oder falsch entschieden hat. Das ist dann durch, da haben wir schon wieder andere Probleme.

Um was geht es dann?
Das Programm heißt „Aufbruch“ und das soll es auch sein: Ein Stück, das die Leute motiviert und gleichzeitig zum Lachen bringt. Ich will nach vorne denken, nicht hinten raus.

Ist das Leben für Kabarettisten schwieriger geworden, weil auch beim Kabarett nicht mehr alles von der Kunstfreiheit gedeckt ist?
Ist es sicher, das hat aber auch viel mit den sozialen Medien zu tun. Man wird stärker beäugt. Aber mich betrifft es insofern weniger, als dass ich generell etwas vorsichtig bin und es für mich rote Linien gibt, die ich nicht überschreite. Ich mache keine Gags nur dafür, dass ich einen schnellen Lacher bekomme.

Macht es eigentlich einen Unterschied, wo Sie auftreten? Mer- ken Sie es, ob Sie in der Oberpfalz sind oder am Tegernsee?
Den größten Unterschied macht die Spielstätte aus, nicht unbedingt der Ort. Auf dem Land, in einem Landgasthof, da kommen meine Leute, die wissen, wie ich ticke und umgekehrt. In einem Stadttheater wird‘s selten laut, in einem Bierzelt, wenn die schon die eine oder andere Maß getrunken haben, ist das was anderes. Da ist es egal, in welcher Region du gerade bist.

Stefan Kröll – „Goldrausch 2.0“
Sa, 9.10.21 um 20.00 Uhr
Ludwig-Thoma-Saal, Rosenstr. 5, Tegernsee