Kosmopolitisch – und heimatverbunden. Hört sich erstmal unvereinbar an. Für Tamara Comolli, Unternehmerin aus Rottach-Egern, ist das kein Widerspruch. Im Gegenteil: Ohne die Heimat Tegernsee gäbe es das Weltunternehmen Tamara Comolli nicht. In der Welt unterwegs und am See zuhause – wie geht das überhaupt? Ein Besuch vor Ort.

Text: Christian Jakubetz

Die Brennerin vom Tegernsee

Tamara Comolli am Seeufer: Die Welt gesehen – und trotzdem immer ihrer Heimat verbunden / Foto: Tamara Comolli

Was ist Heimat? Für einen kurzen Moment blitzen Tamara Comollis Augen auf – und man ahnt, wie es vor ihrem geistigen Auge im Zeitraffer abläuft: von Gibraltar und Frankreich, wo sie die Kinderjahre verbringt, nach Rottach-Egern. Gymnasium Tegernsee, die Jahre bis zum Abitur, der erste Kuss, die erste zarte Jugendliebe, all diese Dinge eben. Besuche im Weinhaus Moschner, legendäre Faschingsbälle. „Das sind Sachen, die sich einbrennen ins Gedächtnis“, erzählt sie. Und das ist dann eben Heimat. Nicht einfach ein Ort, nichts, was sich in einem Dokument oder einem Ausweis belegen ließe. Mehr ein Gefühl als eine Sache.

Wir treffen Tamara Comolli an einem dieser typischen Tage im Tegernseer Tal mit Schlender-Atmosphäre – strahlend blauer Himmel, leichte Brise. So entspannt wie der Tag am See sich präsentiert, so begrüßt uns auch Tamara Comolli in ihrer Boutique in der Seestraße in Rottach-Egern. Ihr Look: offene, lange blonde Haare, dezente Seebräune. Ihr besonderes Talent: den Dingen eine unbeschwerte Eleganz zu verleihen. Wie der Schmuck, so die Frau: klassisches Understatement. Aber leicht ist schwer was. Soll heißen: Vermutlich ist es ganz schön anspruchsvoll, zu glänzen ohne zu protzen.

Die Brennerin vom Tegernsee

Für ihre Kollektionen reist Tamara Comolli häufig um die Welt. Hier lässt sie sich gerade in Indien inspirieren. / Foto: Tamara Comolli

Da wundert es nicht, dass eines ihrer gerne verwendeten Wörter „Authentizität“ ist. Die ursprüngliche Schönheit der Dinge freilegen, ihren Kern, ihre Heimat. Und mal ehrlich: Klingt der Name Tamara Comolli nicht so, als hätte ihn sich eine Hipster-Agentur für ein Label ausgedacht, beispiels- weise, sagen wir, für exquisiten Schmuck? Die Frage beantwortet sich ganz einfach: falsch gedacht, Tamara Comolli heißt wirklich so.

So viel zur Authentizität.

Es gibt noch ein zweites Lieblingswort, dass Tamara Comolli oft und gerne benutzt: Understatement. Dass sie auch sonst öfter mal wortweise ins Englische verfällt („Das wäre wirklich appreciated“), hat nichts mit Attitüde zu tun, sondern mit ihrer Lebensgeschichte: Tamara Comolli kam erst als Zehnjährige von Frankreich an den Tegernsee.

Was die Gelegenheit gibt, mit ihr über das Thema „Heimat“ zu sprechen. Schließlich ist es weder einfach noch alltäglich, sich als französisch- und englischsprechendes junges Mädchen plötzlich an einen der oberbayerischsten Flecken der Welt zu gewöhnen. Weil Tamara Comolli aber so ist wie sie ist, fällt ihr das nicht schwer. Es dauert nicht lange, bis sie richtig dazugehört, ganz so, als wäre es nie anders gewesen.

Man könnte also meinen: eine beinahe ganz normale Geschichte eines Teenagers, der ein bisschen spät, aber immerhin dann doch eine Heimat gefunden hat. Doch so einfach ist es nicht. Weil Tamara Comollis Geschichte auch die Geschichte einer in jungen Jahren Zugereisten ist, die erst einmal wieder in die Welt hinaus reisen musste, um wirklich heimkehren zu können.

Die Brennerin vom Tegernsee

Teamwork: Die Tegernseer Schmuckstücke entstehen nicht im Alleingang, Tamara Comolli schätzt die Expertise von Menschen aus der ganzen Welt./ Foto: Tamara Comolli

Irgendwann also ist es so weit. Die Schülerin Tamara Heymann – ihr Mädchenname, unter dem sie heute immer noch viele Menschen im Tal kennen – legt ihr Abitur ab. Zwar hängt sie viel stärker am Tegernseer Tal als an irgendeinem anderen Ort zuvor. Aber auf der anderen Seite: eine junge Kosmopolitin mit ausgeprägtem Freiheitsdrang, da ist klar, dass sie nicht eine Lehre bei der örtlichen Bank macht. Sie will mehr, will die Welt sehen, auch wenn das zu Lasten ihrer Heimatverbundenheit geht. Also zieht sie in die Stadt nach München, studiert, wird später in Düsseldorf Unternehmensberaterin. Eine gute Schule für das, was die spätere Firmenchefin ausmacht: unternehmerisches Denken, Umgang mit betriebswirtschaftlichen Kennzahlen.

Disziplin und Ausdauer. Unternehmensberater schalten ihr Handy auch am Wochenende nicht aus und arbeiten eher 70 als 35 Stunden in der Woche.

Heimat wird zum Luxusgut
Und: Unternehmensberater leben eher wenig zu Hause. Heimat wird zum Luxusgut. Doch weil ihre Mutter weiter am Tegernsee wohnt, reißt die Verbindung dorthin nie ab. Privat allerdings zieht es die junge Beraterin erst einmal weit weg. Sehr weit weg sogar: Sie lernt einen Amerikaner kennen, heiratet ihn, reist mit ihm zeitweise in die USA und hat einen neuen Namen: Comolli.

In den USA lässt sie bald den Beraterjob bleiben. Stattdessen widmet sie sich dem, was schon immer eine heimliche Leidenschaft war: Edelsteine. Was kann man aus Steinen machen, wie wird ein Stein buchstäblich zum Schmuck – stück? Dafür interessiert sie sich sehr viel mehr als für den bisherigen Job. Aus der Rottacher Gymnasiastin, der Münchner Studentin und der Düsseldorfer Beraterin wird: die deutschstämmige US-Schmuckdesignerin. Was sich so einfach hinschreibt und so simpel klingt, ist erst einmal harte Arbeit. „Klinkenputzen, Leute von meinen Sachen über- zeugen“, beschreibt Tamara Comolli ihre Anfangszeiten. Die USA sind immer noch ein Land der beinahe unbegrenzten Möglichkeiten für beinahe jeden. Umgekehrt warten die USA allerdings auch nicht gerade auf eine junge Frau aus Oberbayern, die gerne Schmuck designen will. Tamara Comolli schafft es dennoch. Die ersten Messen, die ersten Abnehmer. Es könnte also alles ganz fantastisch laufen. Eine dieser Aufsteiger-Geschichten, die sie drüben in den USA so lieben

Es gibt da allerdings noch eine kleine Sache:

Heimweh. Natürlich könnte man auf den ersten und womöglich auch zweiten Blick sagen, dass es da jemand geschafft hat: Studi- um, Beraterin, verheiratet in den USA, auf dem Weg zur Designerkarriere. Wenn da nicht immer wieder Gefühle mit im Spiel wären. Und Erinnerungen. An Rottach-Egern, an den Tegernsee. Tamara Comolli fällt ihre Mutter ein, wie sie „mit den Lockenwicklern auf dem Kopf und einem Kopftuch“ durch die Gegend gefahren ist. Daran, wie ihre Mutter zum Einkaufen in den Supermarkt gefahren ist und ihr Auto unversperrt auf dem Parkplatz stehenließ, weil: Warum sollte man hier seinen Wagen verschließen? „Heile Welt“, nennt Tamara Comolli das heute. Ein Gefühl, das sich für sie nie geändert hat.

Die Brennerin vom Tegernsee

Die Faszination für den Flamenco inspirierte das Design des ikonischen Mikado Flamenco Armbands. / Foto: Tamara Comolli

Der Entschluss steht also fest: zurück in die Heimat. Mit im Gepäck hat sie ein Unternehmen, das gerade so richtig zu laufen beginnt. In den USA ist Tamara Comolli auf einem guten Weg, Deutschland und Europa müssen erst noch erobert werden. Eine Zeit, in der die Dinge komplexer wer – den: Das Unternehmen Tamara Comolli wächst und agiert bald weltweit. Die Unternehmerin Comolli hingegen fühlt sich ihrer Rottacher Heimat immer mehr verbunden. Irgendwann haben sie es geschafft, beide, die Unternehmerin und die Privatfrau. Das Unternehmen boomt und etabliert sich buchstäblich auch zuhause. In Gmund schafft sie 60 hochwertige Arbeitsplätze, in Rottach-Egern eröffnet sie eine eigene Boutique. Und Tamara Comolli wird in einem privaten Gespräch eine Bezeichnung zugeteilt, die ihr besonders viel bedeutet: Man nennt sie eine Einheimische. „Als ich mit meiner Familie damals hierher kam“, erinnert sie sich, „waren wir ein bisschen die Exoten und wurden schräg angeschaut.“

Unterwegs ist Tamara Comolli nach wie vor viel. Zwar hat sie sich für ihr Unternehmen inzwischen einen strategischen Partner aus Hongkong gesucht, unverändert aber ist sie der Mastermind, der kreative Kopf. Und das von inzwischen sieben Boutiquen in der ganzen Welt und 120 Plätzen weltweit, an denen Tamara Comolli verkauft wird. Das bedeutet zwangsweise auch, dass es ohne Reisen nicht geht.

Europa, Asien und USA in vergleichsweise kurzer Zeit, das ist immer noch eher die Regel als die Ausnahme. „Aber da- nach kommt man immer wieder zurück – und das ist dann Heimat für mich“, beschreibt sie ihre Lebensweise.

Das Handy wird mittlerweile am Wochenende ausgeschaltet und die wöchentliche Stundenzahl aus Beraterzeiten empfindet sie auch nicht mehr als unbedingt erstrebenswert. In einem ist sie sich sicher: „Hier möchte ich alt werden.“ Könnte irgendetwas ihre Meinung noch ändern? Kurze Pause, Tamara Comolli, die normalerweise umgehend druckreife Statements abgeben kann, muss nachdenken. Für eine am Ende dann doch ganz einfache Antwort: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier etwas passieren würde, weswegen ich nicht mehr wiederkommen würde.“

Tamara Comolli lebt mit ihrer Familie am Tegernsee. Ihr Unter – nehmen, die Tamara Comolli Fine Jewelry GmbH mit Hauptsitz in Gmund, betreibt eigene Stores in Europa und den USA und zählt da- rüber hinaus 120 Juweliere weltweit zu ihren Partnern. Im Tegernseer Tal können die Schmuckstücke von Tamara Comolli in ihrer Boutique in der Seestraße 59 in Rottach-Egern bewundert und natürlich auch erworben werden.

Tamara Comolli lebt mit ihrer Familie am Tegernsee. Ihr Unternehmen, die Tamara Comolli Fine Jewelry GmbH mit Hauptsitz in Gmund, betreibt eigene Stores in Europa und den USA und zählt da- rüber hinaus 120 Juweliere weltweit zu ihren Partnern. Im Tegernseer Tal können die Schmuckstücke von Tamara Comolli in ihrer Boutique in der Seestraße 59 in Rottach-Egern bewundert und natürlich auch erworben werden.

Seeseiten, Herbst 2018.