Das wird für beide Seiten ein spannender Abend: Für Lisa Smirnova, weil sie seit über einem Jahr nicht mehr auf der Bühne stand. Für das Publikum des Internationalen Musikfests am Tegernsee, weil es endlich wieder Live-Musik hören kann. Und das noch dazu von einer Pianistin von Weltruf. Lisa Smirnova hat schon Orte wie die Carnegie Hall in New York bespielt und es gibt Kritiker, die heben sie auf eine Stufe mit Musikern wie Glenn Gould. Grund genug, ihr ein paar Fragen zu stellen.

Lisa Smirnova Tegernsee Seeseiten

Lisa Smirnova mag Klassik ganz unkonventionell.
Foto: Joyce Rohrmoser

Frau Smirnova, Berge und Wasser wie am Tegernsee, das kennen Sie ja u.a. von Ihrem Studium in Salzburg. Gibt es die perfekte Musik, die Berge und Wasser beschreibt?
Die Berge und das Wasser sind in der Natur so perfekt, dass es die beste Musik nicht schafft, dies auszudrücken. Den­noch ist mir sofort ein Stück eingefallen, das das Wasser fantastisch beschreibt: „Une Barque sur l’Océan“ aus den „Miroires“ von Ravel. Mit den Bergen habe ich mich da schwerer getan, konnte dann aber auch hier an ein Werk denken und zwar an das Lied „Aufenthalt“ von Schubert.

Sie beschäftigen sich intensiv mit „Konzertdesign“, u.a. um laut Eigenbeschreibung „einen Zugang für ein neues, mutiges und kulturinteressiertes Publikum zu schaffen.“ Was darf man sich darunter vorstellen?
Es geht darum, das Erlebnis „klassische Musik“ von Grund auf aufzurütteln und neu zu denken. Niemand stellt die großartigen Werke von Mozart oder Beethoven in Frage und dennoch glaube ich, dass sie heute kaum mehr das Pu­blikum erreichen, das sie eigentlich verdienen. In meinen Augen hat es zwei Ursachen. Zum einen hat der seit nunmehr fast 200 Jahren etablierte Präsentations­rahmen eines klassischen Konzerts keinen Bezug mehr zum modernen Leben. Selbst kulturinteressierte Menschen unter 60 Jahren können mit diesem „Ritual“ der bür­gerlichen Kultur sehr oft gar nichts anfangen und hören klassische Musik im Auto, statt in Konzerthäuser zu gehen, wo solche Gepflogenheiten herrschen.

Zum anderen vermarktet die Musikindustrie in ihrer Agonie zunehmend künstlerische Leistungen zweifelhafter Quali­ tät, wodurch das Interesse für das Wesentliche auf längere Sicht noch mehr stagniert. Gegen diese Zustände möchten, ich und meine Mitstreiter der Gruppe „FormatArt“, die wir kürzlich gegründet haben, eintreten und aufzeigen, wie es anders geht, ja, gehen muss. Und in Zeiten der von Corona noch beschleunigten Digitalisierungsprozesse erst recht.

Lisa Smirnova sorgt sich um die Zukunft ihrer Branche.
Foto: Sandra Cvitkovac

Nach den langen Monaten der Pandemie – wie fühlt es sich an, langsam wieder auf die Bühne zurückzukehren?
Ich muss zugeben, dass bei mir statt Freude auf die Büh­ne zurückzukehren, eine sehr große Sorge um die Zukunft unseres Berufs überwiegt. Durch das Missmanagement der Verantwortlichen und das de facto Berufsverbot für die Künstler, das wir immernoch haben, wurde der gesamte Markt praktisch zum Erliegen gebracht. Es ist davon aus­ zugehen, dass er sich nicht bemerkenswert erholen kön­nen wird. Das bedeutet, dass sowohl die Veranstalter als auch die Musiker in absehbarer Zeit nicht in dem Ausmaß agieren können, wie sie es vor der Pandemie taten. Da sind wirklich neue Wege gefragt und keiner weiß zurzeit, wie genau sie aussehen werden.

In der Rockmusik wird gerne gefragt: Beatles oder Stones? Sie würden wir gerne fragen: Mozart oder Bach? 
Sehr schwere Frage … bitte beides, wenn möglich!

Angenommen, Sie müssten spontan ein Fünf-Minuten-Stück aus dem Genre Rock/Pop als Zugabe auf der Bühne spielen – welches wäre das?
„Yesterday“ von den Beatles.

Fr., 16. Juli, 18.00 Uhr und 20.00 Uhr
Lisa Smirnova und das New Classic Ensemble Wien
32. Internationales Musikfest am Tegernsee, Seeforum, Nördliche Hauptstraße 35, Rottach-Egern

Lisa Smirnova New Classic ensemble

Seit Monaten endlich wieder auf der Bühne: Lisa Smirnova mit ihrem New Classic Ensemble Wien.
Foto: Joyce Rohrmoser