In Kreuth fertigt der ehemalige Profi- Naturrodler Marcus Grausam hochwertige Rodel aus heimischer Esche. Mit den leicht zu lenkenden Gefährten fährt man auf der Bahn am Wallberg wie auf Schienen – und der Spaß ist ein ganz anderer als auf einem normalen Schlitten.

Text: Sissi Pärsch
Fotos: Christian Penning

Ein wenig ungläubig biegt man in die kleine Sackgasse ab. Vorne an der Naturkäserei hat es noch gewuselt, doch keinen Kilometer weiter zeigt sich das Bergsteigerdorf Kreuth von seiner stillen Seite. Auf der Loipe ziehen ein paar Langläufer bei perfekten Bedingungen ihre Runden. Die Häuser und Höfe setzen ein Rauchzeichen in die kalte Luft. Ansonsten präsentiert sich die Landschaft am Fuße des Hirschbergs entspannt verschlafen. Das Letzte, was man hier erwarten würde ist ein Shop. Mit Laufkundschaft kann man auf jeden Fall nicht rechnen.

Doch tatsächlich entdeckt man am Ende der Sackgasse eine kleine Hütte samt Schild: GL Rodelbau. Hier also baut und verkauft Marcus Grausam schnittige Schlitten – auch wenn er bei der Bezeichnung die Hände entsetzt über den Kopf zusammenschlagen würde. Der 42-Jährige war einer der besten Naturrodler Deutschlands, fuhr über zwei Jahrzehnte in der Nationalmannschaft und ist heute professioneller Rodelbauer. In seinem überschaubaren Verkaufsraum hängen Medaillen, Rennrodel und Bilder mit Schorsch Hackl an den Wänden. Auf dem Boden stehen Rodel in Reih und Glied. Dass das keine durchschnittlichen Modelle sind, wie man sie aus Verleihstationen kennt, fällt natürlich gleich auf. „Der größte Unterschied ist schon einmal, dass man sie lenken kann“, winkt Marcus ab. Das Prinzip des Rodelbaus, ergänzt er, sei zwar seit Jahrzehnten gleich „und da wird sich nicht mehr gewaltig etwas ändern“, aber Rodel ist dennoch nicht gleich Rodel.

Marcus greift nach einem Exemplar und beginnt zu erläutern: Die Holme sind besonders geschwungen, um maximalen Sitzkomfort zu ermöglichen. „Und die Gummilagerung zwischen Sitzbock und Kufen sorgt für Flexibilität, damit sich der Rodel auch besonders gut steuern lässt.“ Wie macht man das denn genau? Der Ex-Profi erklärt geduldig: Der Außenfuß drückt vorne gegen die Kufe, während man entgegengesetzt die Innenkufe mit einem kräftigen Zug am Gurtzeug anhebt. So kann man richtige Carving-Kurven hinlegen. Und das wollen immer mehr. Das Rodeln wird immer beliebter. Früher, klar, da war es das Größte. Man schnappte sich den Schlitten, den Bob, im Notfall eine Plastiktüte, rannte rauf und rutschte runter – bis am Ende des Tages der Hang deutliche Spuren trug: platt gewalzt, von kleinen Fußspuren zertrampelt, von den Kufen zerfurcht. Aber irgendwann ist man dem entwachsen und zieht dann erst wieder einen Schlitten, wenn die eigenen Kinder darauf sitzen.

Doch in den letzten Jahren gibt es immer mehr Rodelstrecken und immer mehr rodelnde Erwachsene. So auch auf der legendären Strecke am Wallberg. Zwei- bis Dreitausend Rodler sind an einem guten Wochenende hier unterwegs. Mit einem einfachen Hügelrutsch hat das aber nichts zu tun. Die Naturrodelbahn ist mit ihren 6,5 Kilometern eine der längsten und eine der knackigsten in Deutschland. Deshalb ist sie auch noch für einen Profi wie Marcus spannend. „Ich nehme öfter die erste Bahn hoch, um die unberührte Bahn für den Tag einzuweihen.“ Langweilig wird sie ihm nicht. „Im Gegenteil, sie ist durchaus anspruchsvoll und man sollte nicht naiv mit viel Tempo auf die Strecke gehen, speziell wenn’s eisig ist. Das gefällt mir natürlich besonders, aber andere kann es da schon aus der Bahn werfen.“ Einen Helm empfiehlt er, stabile Schuhe und gerne auch Grödel mit Spikes, um besser Bremsen zu können.

Mit einem richtigen Rodel ist der Spaßviel größer als mit einem Schlitten
Wer den Spaß am Rodeln entdeckt, der will früher oder später gern mehr, meint Marcus. „Mit dem lenkbaren Rodel ist das noch einmal ein ganz anderes Erlebnis. Im Grunde macht es erst so richtig Spaß, wenn man die Kurven carven kann und man seine Füße nicht ständig in den Boden rammen muss.“ Und so finden immer mehr Leute zu Marcus Grausam in die kleine Sackgasse in Kreuth – so wie jetzt gerade ein Paar aus der Schwäbischen Alb, das zögerlich die Tür öffnet und in die Hütte schielt. Ja, sie sind schon richtig, das ist der Shop von GL-Rodelbau. Die beiden erzählen, wie sie nun schon den zweiten Winter begeistert am Wallberg auf die Strecke gehen und dass „jetzt einfach ein richtiges Gefährt her muss.“

Bei Marcus freilich verlief die Rodellaufbahn ein wenig anders. Als 1984 die Weltmeisterschaft auf der Bahn in Kreuth-Klamm stattfindet, steht er als 8-jähriger Knirps mit großen Augen da und denkt: „Das will ich irgendwann auch mal!“ Als das Naturrodeln dann ein paar Jahre später im Schulsport angeboten wird, ist er angefixt. Er trainiert fleißig, nimmt als 17-Jähriger beim ersten Weltcup-Rennen in Südtirol teil und reist zu den Bahnen der Welt. An seinen Geräten tüftelt er schon damals. „Da bleibt dir eigentlich gar nix anderes übrig,“ winkt er ab. „Als Naturrodler bist du dein eigener Servicemann.“ Sein handwerkliches Geschick hat nicht geschadet. Wie der Vater erlernt auch Marcus den Schreinerberuf. „2000 habe ich dann angefangen, erste Rennrodel selbst zu bauen. Doch da ist natürlich die Nachfrage begrenzt und so hat es sich immer mehr in die Freizeit- und Sportrodel-Richtung entwickelt.“ Die Nachfrage steigt stetig. Schon 2003 macht er einen Schnitt – und sich mit dem Rodelbau selbständig.

Gefertigt werden die Rodel aus Esche, die von Waldbauern aus der Umgebung stammt: „Sie ist elastisch, bricht nicht leicht und ist haltbar“, erklärt Marcus und demonstriert die Beweglichkeit des Holzes. Die Esche trocknet zunächst zwei bis drei Jahre, bevor sie zu „Kleinholz gemacht wird“, wie Marcus mit einem Lächeln sagt.


Wer mag, kann seinen Rodel auch in Pink haben

Jährlich bearbeitet er im Sommer Holz für 300 Rodel. Daraus entstehen dann die Sitzböcke, Holme und Kufen. Auch die Lackierung nimmt er meist im Sommer vor, weil sie einige Wochen benötigt, um zu trocknen. Die große Auswahl an Farben bei Marcus ist ungewöhnlich. „Natürlich sind die Naturfarben sehr beliebt, aber auch Blau und Anthrazit mögen die Leute – nur das Pink kommt nicht so gut an.“

Im Winter werden die einzelnen Teile dann zusammengefügt. Die Bänder und Ösen und die Sitzdecke, die aus LKW-Plane gefertigt wird. Sie ist überraschend komfortabel, sehr robust und wird auch nicht nass. „Die Gurtbänder, die oft verwendet werden, saugen sich gerne voll und man hat einen nassen Hintern.“ Und die Sitzdecken kann man bei Marcus auch individuell mit Wunschmotiven bedrucken lassen, ob mit dem Firmenlogo, dem Hochzeitsbild oder dem Konterfei des Hundes. Das Paar aus der Schwäbischen Alb stutzt kurz. Wäre der Besuch in Marcus’ Shop nicht so spontan ausgefallen, hätten sie sich vielleicht für eine individuelle Sitzgestaltung interessiert. „Aber“, lacht der Herr, „einen Hund haben wir nicht und ich weiß auch nicht, ob ich meinen Hintern auf ein Bild von uns setzen möchte.“ So entscheiden sie sich schließlich für die klassische Variante. Die Sonne strahlt mit ihnen um die Wette, als sie ihre neuen Rodelerrungenschaften in das Auto laden. Und jetzt? „Geht’s natürlich gleich auf die Strecke“, sagen sie und verabschieden sich aus der kleinen Sackgasse in Kreuth in Richtung Wallberg.

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Die Rodel von Marcus Grausam gibt es in unterschiedlichen Größen und kosten zwischen 189 und 319 Euro., GL-Rodelbau, In der Haslpoint 11, Kreuth, www.gl-rodel.de