Olympiasiegerin mit 20, eine riesige Titelsammlung, jahrelang die Nummer 1 der deutschen Skifahrerinnen: Man könnte meinen, dass das Leben von Viktoria Rebensburg nach dem Ende der aktiven Laufbahn zwingend irgendwas mit Skifahren zu tun haben müsste. Doch die Kreutherin denkt gar nicht daran, sich auf nur eine Sache festlegen zu lassen. Porträt einer Frau, die noch viel vorhat.

Text: Christian Jakubetz

Skistar Viktoria Rebensburg

Entspannt im Hier und Jetzt – und trotzdem voller Pläne: Viktoria Rebensburg hat einiges vor für die Zukunft.
Foto: Eurosport

Reden wir, bevor die eigentliche Geschichte losgeht, erstmal über Tennis. Über Boris Becker und Steffi Graf. Die beiden gewesenen Wunderkinder des deutschen Sports in den 80er und 90er-Jahren. Beide nahezu aus dem Nichts katapultiert in unvorstellbare Sphären, Kategorie: globale Superstars. Während die eine heute, nach allem, was man weiß, ein sehr zufriedenes Leben führt, ist der andere ziemlich abgekracht. Wie diese beiden (und etliche andere) Beispiele zeigen: Der Übergang von der Sport-Karriere in ein gelingendes Leben danach ist schwerer, als man sich das als Außenstehender vielleicht vorstellen kann.

Wenn man heute auf Viktoria Rebensburg trifft, dann begegnet man einer entspannten 33-jährigen, ziemlich gut gelaunten Frau, bei der man, wüsste man es nicht besser, nicht sofort vermuten würde, dass sie bis vor gar nicht allzu langer Zeit einmal eine der besten Skifahrerinnen der Welt war. Zugegeben, sie hatte es ein bisschen leichter bei diesem Übergang als andere Sportgrößen. Auch wenn die grundsätzlichen Parallelen nicht zu übersehen sind: sehr jung und einigermaßen unerwartet ins Rampenlicht getreten, Olympiasiegerin mit 20. Begeisterung löste dieser Olympia-Erfolg natürlich aus, Hysterien Gott sei Dank nicht. Aus Viktoria Rebensburg wurde kein nationales Kulturgut; wie sowas enden kann, das weiß man ja.

Dabei deutete zu Beginn der Laufbahn keineswegs alles auf eine olympische Goldmedaille hin, wie sie selbst sagt: „Eine Seriensiegerin war ich nicht.“ Die Erkenntnis, besser zu sein als sehr viele andere, die kam bei ihr eher spät, zumindest in den Dimensionen des Leistungssports gedacht. Mit 15, 16 Jahren stand sie am Scheidepunkt, entweder hopp oder top. Hätte auch hopp werden können, das räumt sie heute unumwunden ein. Das große Talent mit ganz normalen Anwandlungen, dazu gehören eben auch mal kleine Formschwankungen.

Die durchaus also sehr begabte Kreutherin, deren Ergebnisse eher wechselhaft waren – plötzlich ganz oben auf dem Treppchen, die Beste im olympischen Riesenslalom in Vancouver. Und damit beginnt eine Karriere, in der sie über Jahre zu den Besten der Welt gehörte. Gespickt mit Zahlen, die man nochmal lesen sollte, um sich die ganze Dimension zu verdeutlichen: Olympiasieg 2010, dann nochmal Bronze 2014. Zweimal Vize-Weltmeisterin, drei Titel als Junioren- Weltmeisterin zudem. 19 Weltcuprennen hat sie als Beste beendet, dazu dreimal den Disziplin-Weltcup im Riesenslalom gewonnen. Im Gesamtweltcup holte sie sich zweimal Bronze. Kurz gesagt: Viktoria Rebensburg hat eine große Karriere hinter sich.

Kreuth statt Las Vegas und London

Das ist eine Sache, die man erstmal meistern muss: den Übergang vom hoch erfolgreichen Leistungssport zu einem wie auch immer gearteten Leben danach. Bei dem sich die Olympiasiegerin für einen dritten Weg entschieden hat: Weder ist sie in Las Vegas aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit weitgehend entschwunden, noch hat sie den Becker-Weg eingeschlagen.

Stattdessen: Die Kreutherin ist die Kreutherin geblieben. Kein Bling-Bling, keine Allüren, die Viktoria Rebensburg, die einem im Jahr 2022 begegnet, ist nicht viel anders als die, die sich vor 12 Jahren aufmachte, Olympia und die Skiwelt zu erobern. Außer, dass sie jetzt ein bisschen älter und einigermaßen hochdekoriert ist. Und wenn es einen Menschen gibt, zu dem Show und Social-Media-Glitzer nicht die Spur passen würde – dann ist es Viktoria Rebensburg.

Viktoria Rebensburg

So kennt sie die Sportwelt: auf den Brettern, die jahrelang ihre Welt bedeuteten.
Foto: Peter Kornatz

Die Kreuther Bodenständigkeit ist es auch, die ihr das Leben „danach“ erleichtert hat. Die Kreuther wiederum wissen, was sie an ihrer Vicky haben: Kurz nach dem Ende ihrer Karriere ernannte ihr Heimatort sie zur Ehrenbürgerin. Und dass sie seit 2022 Markenbotschafterin der Region Tegernsee ist, das ist dann fast schon wieder konsequent.

Olympiasiegerin mit 20, Ehrenbürgerin mit 31; man denkt da fast zwangsläufig an das Bonmot des gewesenen Fußballers Mehmet Scholl: „Gerade mal 25 und schon keine Ziele mehr“, hat Scholl nach dem Gewinn der EM mit der Nationalmannschaft gesagt. Selbst wenn man die damals handelsübliche Ironie rausrechnet, ein Stück Wahrheit ist da schon dran: Was macht man, wenn man so jung alles erreicht hat?

Viktoria Rebensburg amüsiert sich über den Scholl-Spruch, hat aber viel zu wenig Zeit, um ihn für sich und ihr Leben auch nur als halbwegs passend zu empfinden. Schließlich ist sie gerade dabei, dieses gar nicht mehr so neue Leben einzurichten. Dazu gehört die Erkenntnis, dass die Zeit des Spitzensports vorbei ist. Dass man für immer Olympiasiegerin bleiben wird, ein solcher allein aber kein Garant für gar nichts ist. Siehe nochmal Boris Becker. Der hat drei Wimbledon-Trophäen gewonnen, aber irgendwann muss man vermutlich aufhören, sich ausschließlich darüber zu definieren.

Kreuth statt London

Die Gefahr abzuheben, die reduziert sich, wenn man statt in London in Kreuth bleibt. Und dort, ganz unspektakulär, Ausbildungen absolviert. Aktuell zum Stoffwechsel-Coach, sie hat aber auch schon eine Weiterbildung als Skilehrerin hinter sich. Klingt wie ein schlechter Witz, ist allerdings ganz leicht zu erklären: Zum einen „geht es da viel um Didaktik, um die Frage, wie man sein eigenes Wissen weitergibt.“ Und zum anderen unterrichtet eine Olympiasiegerin natürlich auf einem ganz anderen Level.

Da ist die Sache mit der Stoffwechselberatung schon komplexer. Klar, als Leistungssportlerin hat sie sich von Haus aus mit dem Thema Ernährung beschäftigt. Ein Unterschied ist es dennoch, ob man sich seinen Ernährungsplan genau anschaut und sich an die Tipps von Trainer und anderen einigermaßen hält – oder ob man andere berät und sich auch mit der wissenschaftlichen Seite des Stoffwechsels beschäftigen muss. Was ein solcher Coach macht?

Eigentlich, sagt sie, sei das ganz einfach. Man bringe den Stoffwechsel eines Menschen auf Vordermann und damit den ganzen Menschen. Denn Stoffwechsel, auch Metabolismus genannt, ist die Grundlage aller lebenswichtigen Vorgänge im Körper. Alle biochemischen Vorgänge, die innerhalb der Zellen ablaufen, zu kennen und interpretieren zu können, das ist schon ein bisschen mehr als einen Ernährungsplan aufzustellen. Stattdessen: „Ein Zusammenspiel aus Körper, Geist und Seele.“ Geht‘s dem Stoffwechsel gut, geht es auch dem Menschen gut. Und umgekehrt: Geht es dem Menschen gut, beeinflusst das auch den Stoffwechsel.

Viktoria Rebensburg

Ein Teil des neuen Lebens: Für Eurosport kommentiert die Olympiasiegerin jetzt Skirennen.
Foto: Eurosport

Rund ein Jahr lang wird diese Ausbildung dauern, was danach kommt: Man wird sehen. Unter Druck setzen will sie dabei nicht. Es seien schließlich gerade mal zwei Jahre, seit sie ihre aktive Laufbahn beendet hat: „Das klingt auf den ersten Blick nach einer langen Zeit, aber gemessen an dem, wie lange ich aktive Rennläuferin war, ist das ja eigentlich nichts.“

Und diese Suche nach „meinen eigenen Standbeinen und eigenen Themen“, die geht eben nicht von heute auf morgen. Was am Ende stehen soll, ist ein Mix: „Neue Sachen, klar“, sagt sie, „aber auf der anderen Seite möchte ich dem Sport ja weiter verbunden bleiben.“ Nachvollziehbar, weil: Wenn man etwas mal auf derart hohem Niveau gemacht hat, dann wäre es verschenkt, wenn man selbst und auch andere von diesem enormen Können nicht profitieren würden.

Eine dieser interessanten Kombinationen könnte dauerhaft ihr Kommentatoren-Job bei Eurosport werden: Die Ski-Expertin Rebensburg trifft auf die Moderations-Novizin Viktoria. Die ersten beiden Saisons ist für beide Seiten gut gelaufen, die Feedbacks waren gut. So gut, dass es auch in diesem Winter die Kommentatorin Viktoria Rebensburg zu hören und sehen geben wird. Der Seitenwechsel hat für sie immer noch ihren Reiz. „Wir haben“, schmunzelt sie, „früher ja auch mitbekommen, was da so gesagt worden ist – und wir haben die eine oder andere Aussage auch mal belächelt.“

Plötzlich wird man da also selbst kritisch beäugt: Ist die als Kommentatorin so gut wie als Athletin? Bisher funktioniert es einwandfrei, was auch daran liegt, dass Viktoria Rebensburg von ausgewählter bayerischer Freundlichkeit ist. Andere, womöglich frühere Konkurrentinnen in die Pfanne hauen? Nicht ihr Ding. Spannend war es für sie in jedem Fall: „Zu sehen, wie sich ein einzelner Sportler über eine ganze Saison weg entwickelt, das hatte ich ja früher nicht.“

Auch abseits der Skipiste also bleibt Viktoria Rebensburg sich selbst treu. Sich und ihren hervorstechenden Charaktereigenschaften: Ehrgeiz, Disziplin, Ausdauer. Neben der Ausbildung zur Skilehrerin, zum Stoffwechsel-Coach und ihrem Job als Kommentatorin hat sie zudem noch einen Bachelor in Sportmanagement hinter sich. Vielleicht auch ein Grund dafür, warum sie vom Publikum nie als eine Wiedergängerin der gefühligen „Gold-Rosi“ Mittermeier wahrgenommen wurde. Letztere konnte man sich immer gut auf Skiern und auf Almen vorstellen, eher weniger dagegen als Coach und Bachelor.

Trotzdem: Sport macht nach wie vor einen großen Teil ihres Lebens aus. Ski natürlich, aber daneben noch ganz viel anderes. Man sieht Viktoria Rebensburg inzwischen sehr viel und sehr gerne auf dem Rad, sie geht gerne wandern, ist oft in den Bergen. Dazu Tennis, Klettern, ein bisschen Wassersport. „Sport“, sagt sie, „das war immer meine Leidenschaft und wird es auch immer bleiben.“ Das Problem: So viel toller Sport, so wenig Zeit.

Was sie auch mitnimmt in dieses Leben nach der Karriere: eine Mentalität, die sie sich als Wettkämpferin zugelegt hat. Die da lautet, bloß nicht zu sehr verkrampfen und verkopfen. „Klappt meistens schon ganz gut“, lacht sie. Gefühl und Intuition, das ist ihr genauso wichtig wie Wissen und Ausbildung. Das neue Leben ist dem alten also gar nicht so unähnlich: „Ich war so eine Art Bauch-Skifahrerin. Immer, wenn ich das gemacht habe, war ich auch gut.“

Was als nächstes kommt, ist nicht bis ins letzte Detail geplant, zumindest nicht auf die lange Distanz. Persönliche Weiterentwicklung, das bleibt ihr Ziel. Was das mit einem machen kann – wer wüsste das besser als eine Frau, die es von der 16-jährigen talentierten Skifahrerin plötzlich in die Weltspitze geschafft hat?

Und noch einen neuen Job hat Viktoria Rebensburg ab 2023: Sie wird Kolumnistin bei den Seeseiten. In vier Ausgaben wird sie Ihnen, liebe Leser und Leserinnen, ihr geballtes Wissen zum Thema Stoffwechsel präsentieren.

Viktoria Rebensburg wird Kolumnistin bei den Seeseiten.
Foto: Bogner