Auf den ersten Blick hört sich das absurd an: Baden – in einem Wald? Dabei ist das sogenannte Waldbaden kein PR-Gag, sondern gerade einer der ganz großen Gesundheits-Trends. Seeseiten-Autorin Susanne Mayr hat es ausprobiert und ist mit einem Experten zum „Baden“ gegangen – in den Wiesseer Wald.

Text: Susanne Mayr

Die Brennerin vom Tegernsee

Foto: Christian Verlag

Geh einfach ins Grün des Waldes und du wirst Heilung erfahren, allein indem du dort bist und atmest”, wusste schon Hildegard von Bingen. Diese Idee aus dem Mittelalter lebt gerade wieder neu auf: In Japan wird das Shinrin Yoku, was übersetzt „Ein Bad im Wald”, kurz Waldbaden heißt, schon länger wieder praktiziert. Und nicht nur das: Es gibt sogar den Begriff „Forrest Medicine”, also Wald-Medizin.

Alles Einbildung? Nein, weil sich die Effekte messen lassen. Schon bei einem kurzen Waldspaziergang von zehn Minuten verbessert sich die Stimmung, die Herzfrequenz verlang – samt sich und die Atmung wird ruhiger. Studien ergaben, dass das Stresslevel bei regelmäßigen Waldspaziergängen signifikant sinkt, dass häufige Aufenthalte in der Natur die Krankheitszeiten verkürzen und weniger anfällig für Infekte machen.

Ortstermin im Franzosenwald in Bad Wiessee. „Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden und tauscht bei ihnen seine Seele um.” Ich lausche dem Gedicht „Die Wälder schweigen” von Erich Kästner und sitze dabei an einen dicken Stamm gelehnt auf dem Waldboden. Das Gedicht liest mir Michael Huber vor, Waldpädagogik-Beauftragter des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Holzkirchen. Er war lange Jahre als Revierförster im Tegernseer Tal tätig und begleitet heute unter anderem Schulklassen in den Wald. „Dort, wo die Gräser wie Bekannte nicken und wo die Spinnen seidne Strümpfe stricken, wird man gesund” – die poetischen Zeilen runden die erste von einigen Achtsamkeitsübungen ab, die der leidenschaftliche Waldgänger mit mir macht. „Der Wald bietet uns soviel Gutes”, weiß er, „aber man muss sich darauf einlassen.” Das merke ich auch bei der ersten Übung, bei der es darum geht, mit geschlossenen Augen einige Minuten innezuhalten. Das klingt so einfach, ist es aber nicht. Es dauert ein paar Momente, bis ich es tatsächlich schaffe, mich darauf einzulassen. Es duftet nach Moos und Holz, der Wind rauscht in den Blättern, Bienen summen und Vögel zwitschern. Nach und nach stellt sich eine angenehme innere Ruhe ein.

Die Brennerin vom Tegernsee

Der Seeseiten-Experte: Michael Huber ist Waldpädagogik-Beauftragter und lange Jahre als Revierförster im Tegernseer Tal tätig. Foto: Michael Huber privat

„Doktor Wald“ beruhigt und schult die Sinne

„Es geht darum, die Sinne wieder zu schulen und die Aufmerksamkeit nur auf diese eine Sache zu legen”, erzählt Huber, der in diesem Jahr zum Thema „Doktor Wald” unterwegs ist. „Der Wald wirkt wie ein Dämpfer auf Lärm und Licht und schafft so eine ganz eigene Atmosphäre. „Es stimmt, von der Straße und sogar vom scharfen Ostwind, der heute über den Tegernsee bläst, merkt man hier nicht viel mehr als ein Astrascheln. Die Geräusche von Autos kommen wie aus der Ferne und das helle blendende Sonnenlicht bricht sich fast magisch zwischen den grünen Blättern und nur wenig davon gelangt bis zum nadelbedeckten Boden.

Wir machen weitere Übungen. Ich befühle und umarme blind einen Baum, um anschließend zu versuchen, ihn auch mit offenen Augen wieder zu erkennen. Bei einer anderen Übung laufen wir barfuß über den Waldboden, was viel an- genehmer ist, als zuerst gedacht. Die weichen Nadeln piksen kaum, das Moos ist kühl und weich und selbst wenn mal ein Ast oder ein Tannenzapfen auf dem Boden liegt, federt der Waldboden weich nach. Es ist herrlich, buchstäblich so geerdet zu werden. Ich bin jetzt richtig angekommen im Wald und entdecke viele Dinge, an denen ich sonst eher achtlos vorbei gehe: Die Spechthöhle im umgestürzten Baum, den Fuchsbau unter einer Wurzel, und es wird klar, dass dies hier ein unglaublich reicher Lebensraum ist. In jeder Hand voll Boden befindet sich Pilzgeflecht, unter jeder Rinde wuseln Asseln, Käfer und Würmer. Und wie viele Vogelarten ich gehört habe, kann ich kaum zählen. Mein Stresslevel, angesichts nahender Abgabetermine, einem kranken Kind und dem anderen täglichen Wahnsinn ziemlich hoch, ist plötzlich einer wunderbaren Gelassenheit gewichen.

Wie und wo genau das in der letzten Stunde passiert ist, weiß ich nicht. Die Wissenschaft erklärt das mit der Mischung aus ätherischen Ölen, die die Pflanzen verdunsten, den entspannen – den Waldgeräuschen und der beruhigenden Wirkung der Farben in der Natur. Aber so ganz geklärt ist immer noch nicht, warum uns die Natur soviel Kraft gibt und uns entschleunigt. Bewiesen ist allerdings, dass das Immunsystem und der Stoffwechsel mehr als positiv auf den Wald reagieren, was in den letzten Jahren sogar dazu führte, dass Rehazentren und Krankenhäuser diverse Behandlungen nach draußen verlagern. Regeln für das Waldbaden gibt es keine. „Man sollte den Naturgenuss nicht schon von vornherein reglementieren”, so Michael Huber. „Nur, der Wald ist kein Freizeitpark und seine Besucher sollten sich respektvoll und nicht zu laut in der Natur bewegen, keinen Müll hinterlassen und nichts zerstören.”

Ob auf verschlungenen Pfaden oder befestigten Wegen – im Tegernseer Tal laden rund 180 km² Waldfläche dazu ein, sich von der guten Wirkung selbst zu überzeugen. Es lohnt sich wirklich. „Man kann die Natur auf einem anderen Weg erfahren, als etwas Lohnendes, wenn man sie in Ruhe auf sich wirken lässt”, sagt Michael Huber. Und es ist eigentlich ganz einfach. Man muss nur in den nächsten Wald gehen.

Achtsamkeitsübungen im Wald

Stille Einkehr
Suchen Sie sich einen schönen Baum, setzen Sie sich zu seinen Füßen, lehnen den Rücken an und legen Sie eine Hand oder auch beide nach hinten auf den Stamm. Schließen Sie die Augen und lassen die Atmosphäre für 2 bis 5 Minuten auf sich wirken. Starten Sie erst danach ihren Spaziergang durch den Wald.

Waldmeditation
Stellen, setzen oder legen Sie sich mitten in den Wald, und versuchen Sie an nichts zu denken. Spüren Sie Ihre Atmung, lassen Sie diese tief und langsam werden. Ideal wären fünf Minuten.

Im Tegernseer Tal

Waldbaden
Heimatführerin Sonja Still geht mit Besuchern zum Waldbaden. Informationen und Anmeldung über alle Tourist-Infos oder unter www.sonja-still.de

Wald erleben
Der Erlebnis- weg „Naturschauspiel Kreuth” der sich an der Ost- und Westseite der Weißach befindet lädt zum entdecken und verweilen ein. Infos: www. naturschau- spiel-kreuth.de Auf dem „Walderlebnispfad Lärchenwald” der von Tegernsee auf die Point führt werden heimische Vogel- und Baumarten spielerisch erklärt.

Inspiration zum Lesen

In „Waldbaden – Das Praxisbuch” erklärt Autorin Esther Winter die Wirkung der Waldtherapie und die Heilkraft vieler Bäume. Christian Verlag 19,99 €, z.B. bei Buchhandlung Ilmberger in Bad Wiessee

Über Heilkraft, Mythen und Kulturgeschichte unserer Bäume geht es in “Baum & Mensch”, Ulmer Verlag, 29,90 €, z.B. bei Buchhandlung Kolmansberger in Rottach-Egern

Seeseiten, Herbst 2018.