Den eigenen Körper spüren, die Natur bewusst erleben – beim meditativen Wandern geht man plötzlich ganz neue Wege, die auch zu sich selbst führen. Seeseiten-Autorin Susanne Mayr hat es für uns ausprobiert.

Text: Susanne Mayr / Fotos Urs Golling

Susanne Mayr wandert meditativ am Tegernsee

Foto: Urs Golling

Die Luft ist noch kühl und das Gras noch feucht, als ich an diesem frühen sonnigen Morgen aufbreche. Ich treffe mich gleich mit Nicole Saric, Inhaberin der Eventagentur „Meet in Motion“ und werde mit ihr wandern gehen. Aber nicht einfach nur wandern, denn Saric bietet ihren Kunden noch etwas mehr an: bewusstes Wandern. Was das heißt, merke ich schon nach wenigen Metern.

Wir starten am Parkplatz des Golfplatzes in Bad Wiessee und wollen einen der Wege zur Holzeralm gehen. Ich kenne diese Gegend gut, bin schon viele Male hier gewandert. Doch heute soll alles anders werden. Bereits bei den ersten Schritten erklärt Nicole Saric, worauf es ankommt. Auf das bewusste Gehen, das Spüren der Füße auf dem wechselnden Untergrund, das Wahrnehmen des Atems und der Natur um uns herum. Wir wandern eine Weile still nebeneinander. Ich entwickle bald meinen eigenen Rhythmus aus Atmung und Schritten. Es tut gut, so ruhig zu gehen und den Gedanken freien Lauf zu lassen. Eine Idee, die immer mehr Anklang findet: Experten raten auch gestressten Großstädtern zum meditativen Gehen. Und keine völlig neue Idee: Das haben, so sagt man, schon die Benediktinermönche getan.

Bereits eine Stunde bewusste Bewegung soll reichen, um in echte Entspannung zu kommen. Klingt so einfach, ist es aber nicht: „Vielen Menschen fällt es inzwischen schwer, einfach nur still zu gehen und nachzudenken“, sagt Nicole Saric. Was tun dagegen? Expertentipp von Nicole Saric: sich beim Gehen einfach umsehen. Die Wiese, der Wald, der Weg. Alles hat Besonderheiten. Wenn man bewusst darauf achtet, fallen einem viele neue Dinge auf. So ist man zwar beschäftigt, findet aber dennoch Ruhe.

Guten Morgen, lieber Morgen!
Als wir an einer Lichtung mit Seeblick ankommen, sieht die Expertin den perfekten Platz für erste Meditationsübungen. Noch etwas unsicher, was da auf mich zukommt, stehe ich nun mit Blick auf die aufgehende Sonne und den darunter glitzernden See und begrüße den Morgen. Mit weit ausgebreiteten Armen nehme ich das Licht, die Luft und die morgendliche Energie in mich auf und fühle mich tatsächlich gleich munterer und kraftvoller.

Einfach wandern, sonst nichts: Nicole Saric (links) und Seeseiten-Autorin Susanne Mayr. Meditation gehört dazu: Der hektische Alltag soll für einige Momente ausgeblendet werden.
Foto: Urs Golling

Wir wandern weiter, es geht einen Waldweg bergauf. Wir laufen Seite an Seite, jeder für sich. Beim meditativen Wandern wird nicht gesprochen, es geht darum, jeden Schritt zu genießen und die eigene Bewegung von den Zehenspitzen bis zum Scheitel wahrzunehmen. Auch der Atem spielt eine große Rolle. Er soll frei fließen und nicht kontrolliert werden.

Wie viele Übungen man auf dem Weg macht, dazu gibt es keine Vorgaben. Es ist mehr eine Gefühlssache. Nicole Saric weiß, dass man die Leute mit solchen Dingen nicht überfordern darf: „Es geht nicht darum, jetzt plötzlich spirituell zu werden“, erläutert sie, „sondern den hektischen Alltag für einen kurzen Moment auszublenden.“ Auch gibt es keine strengen Regeln, welche Übungen man ausführen sollte. Die Palette reicht von leichten Yogaübungen über Tai Chi bis hin zu Life Kinetik oder einfacher Meditation.

Sieht man einen Platz, den man besonders schön oder geeignet findet, setzt man sich, legt sich ins Gras oder bleibt einfach kurz stehen. Obwohl man das auf jeder Wanderung ausführen könnte, und auch für sich selbst, ist eine anfängliche Anleitung hilfreich.

Unser Weg zur Holzeralm geht wie im Flug vorbei. Es scheint, wenn man mit sich selbst und der Umgebung beschäftigt ist, läuft es sich leichter und unbeschwerter. Oben angekommen nehmen, wir im Schneidersitz Platz, die Hände liegen mit den Handflächen nach oben auf den Oberschenkeln. Mit den Fingern führen wir ein sogenanntes Mudra aus, eine bestimmte Handhaltung aus dem Yoga. Nimmt man zum Beispiel Zeigefinger und Daumen zusammen, verbessert das den Energiefluss, berühren sich Mittelfinger und Daumen, fördert das die Geduld. Der Ringfinger steht für Stabilität und Sicherheit, der kleine Finger für Intuition und Gefühl.

Wir sammeln uns einen Moment in dieser Haltung, bevor wir unser Gipfelerlebnis gemeinsam genießen. Jetzt darf auch wieder gesprochen werden. Obwohl die bewusste und gewollte Stille wirklich schön war.

Und am Ende: gemeinsame Entspannung. Mit einfachen Methoden wird ein maximaler Effekt erzielt.
Foto: Urs Golling

Lust auf mehr? Hier sind Tipps und Literatur

  • Wählen Sie zum meditativen Wandern keine stark frequentierten Wanderrouten. Oder gehen Sie diese am frühen Morgen oder unter der Woche.
  • Packen Sie eine Matte oder ein Sitzkissen für die Übungen ein und ziehen Sie bequeme Kleidung an, in der Sie sich gut bewegen können.
  • Rund um den Tegernsee gibt es zahlreiche schöne Wanderungen und viele Kraftorte. Eine kleine Übersicht dazu finden Sie auch auf www.tegernsee.com/der-natur-ganz-nah .
  • Weitere Übungen und Anleitungen finden Sie in „Meditatives Wandern“ von Norbert Parucha. Allegria Verlag, 8,99 Euro, zum Beispiel bei Buchhandlung Kolmansberger in Rottach-Egern.

Nicole Saric betreibt die Event Agentur „Meet in Motion“ und bietet auch Meditatives Wandern, Gipfelyoga oder Life Kinetik in freier Natur für Gruppen und Firmen an. Als bewusst geplante Einheit, z.B. ergänzend zu Tagungen, wird Stress reduziert und die Konzentration und Leistungsfähigkeit der Teilnehmer wieder gestärkt. Infos unter www.meetinmotion.de .

Seeseiten, Frühling 2019.