Was einen Stummfilm zum Leben erweckt, ist die Musik. Da ist es nur legitim, ihr eine Bühne vor der Leinwand zu geben – und ihrem Komponisten. Der Wiesseer Thomas Rebensburg hat im 100. Todesjahr Ludwig Ganghofers dessen tonloser Roman-Verfilmung „Der Klosterjäger“ neues Leben eingehaucht und so sein Repertoire um eine neue Erfahrung erweitert: der Stummfilmmusik.

Text: Ute Watzl | Foto: Urs Golling

Komponist Thomas Rebensburg

Genau 100 Jahre nach der Verfilmung des Ganghofer-Romans „Der Klosterjäger“ komponiert Thomas Rebensburg die passende Musik dazu.
Foto: Urs Golling

Einen Stummfilm zu vertonen, das ist eine Nische, eine ungewöhnliche Aufgabe, im Jahr 2020 zudem. Warum das so schwer ist? Die Figuren spielten völlig überzeichnet, sagt Thomas Rebensburg. Sie müssen mit Mimik und Gestik die verbale Ebene kompensieren. „Hört man dazu aber die passende Musik, dann verliert die Handlung an Übertreibung.“

Das ist auch für den routinierten Komponisten eine neue Erfahrung. Kurz- und Dokumentarfilme, die Rebensburg bereits vertont hat, sind das eine. Die klassische Filmmusik folgt anderen Gesetzen. „Der Tonfilm hat Atmosphäre, Geräusche, Dialoge“, so Rebensburg. „Er bietet zum Verstehen alles, was der Zuschauer braucht.“ Die Filmmusik unterstreicht nur noch die Stimmung und die Gefühle der Protagonisten, baut Spannung auf, bleibt dabei aber häufig im Hintergrund. Stummfilme dagegen, da ist die Musik alles, nicht nur einfach eine akustische Untermalung.

Beim Kunst- und Kulturverein Rottach-Egern sind sie froh, dass sich Rebensburg der komplexen Aufgabe angenommen hat. Von ihm erhielt der Wiesseer Komponist den Auftrag, anlässlich des 100. Todestages Ludwig Ganghofers den Stummfilm „Der Klosterjäger“ zu vertonen. Die Verfilmung des gleichnamigen Ganghofer-Romans jährt sich im November, zur geplanten Uraufführung der neuen Komposition, ebenfalls zum 100. Mal. Doch da das Ganghofer-Jahr auch zum Corona-Jahr wurde, wird den Kulturschaffenden gerade eine Menge Flexibilität abverlangt.

Der Mann für die Musik

Dass die Wahl zum Komponisten für dieses Projekt auf Thomas Rebensburg fiel, lag auf der Hand. Denn wenn es darum geht, das Tegernseer Kloster sowie seine Geschichte und Geschichten musikalisch in Szene zu setzen, dann ist Rebensburg der Mann. Aufgewachsen in Kreuth und später am Tegernseer Gymnasium, hatte er schon als Jugendlicher in der Tegernseer Kantorei als Sänger mitgewirkt, der Chorleiter war sein Klavierlehrer. Die Kirchenmusik für die Kantorei prägte ihn von Beginn an musikalisch, und sie schenkte ihm später so manche Gelegenheit, sich als Komponist auszuprobieren – mal mit einem Requiem, mal mit einer Messe – und brachte ihn schon mit jungen Jahren in die Nähe der Tal- und Klostergeschichte.

Seine Beschäftigung damit fand 1996 einen ersten Höhepunkt, als das Tegernseer Kloster sein 1250-jähriges Gründungsjubiläum feierte. Zu diesem Anlass komponierte er das abendfüllende, multimediale Oratorium „De Fundatione“ über die Klostergeschichte. „Das machte mich im Tal als Komponist bekannt“, sagt Rebensburg – und es etablierte ihn als musikalischen „Klosterexperten“.

Komponist Thomas Rebensburg

Rebensburg setzt sich vors Keyboard und erspielt sich Szene für Szene.

Nun also „Der Klosterjäger“, ein Stummfilm. Der spielt zwar nicht am Tegernsee, sondern am Königsee, aber es gibt durchaus Parallelen. Die Geschichte von Ganghofers Roman ist schnell erzählt: Ein Sudmann (Salzsieder) des Klosters kann seine Pacht und die Behandlung seiner kranken Tochter nicht zahlen. Da kommt ihm der Auftrag eines wohlhabenden Nachbarn gelegen, dessen Frau ebenfalls erkrankt ist: Er solle ihm für eine Summe Geld einen Steinbock schießen, was im Revier des Klosters strengstens verboten war. Dem Herz des Steinbocks wurden heilende Kräfte zugesprochen und so versprach er sich dadurch nicht nur Geld, sondern auch Heilung für seine eigene Tochter.

Der Klosterjäger Haymo ertappt den Sudmann auf frischer Tat und wird von ihm niedergestochen. Tragischerweise hatte sich dessen Schwester zuvor in den Klosterjäger Haymo unsterblich verliebt und pflegt ihn nun gesund. Sie gerät in Gewissenskonflikt: Soll sie ihren eigenen – vermeintlichen – Bruder anzeigen? Und: Kann sie ihm verzeihen? Diese Frage steht am Beginn diverser Irrungen und Wirrungen, die die Lebensgeschichten der Figuren durchziehen, aber durch weise Führung des Klosterpropsts zu einem versöhnlichen Ende geführt werden. „Vergebung ist dabei ein zentrales Element im Film“, sagt Rebensburg.

Das und die vielen emotionalen Elemente, denen die Protagonisten ihre Wesenszüge verdanken, die sich musikalisch sehr gut formen ließen, machten für den Komponisten den Reiz des Films aus. Und so setzte er sich vor Keyboard und Computer und erspielte sich Szene für Szene, Figur für Figur: Passt die Stimmung? Erklärt die Musik die Handlung? Jedem Protagonisten verpasste Rebensburg ein musikalisches Leitmotiv, eine Melodie, wenn man so will, oder manchmal auch eine Akkordfolge, mit der der Komponist die Charaktere in Dur oder Moll einfasst.

Passend zur Situation und Emotion werden die Motive der Figuren zwar im Filmverlauf leicht verändert, bewahren aber ihren Wiedererkennungswert nicht zuletzt dank der Instrumente: Der Klosterjäger bekommt – natürlich – das Horn. Leichtigkeit und Frohsinn der jungen, verliebten Gittli erklingen als Klarinette und Flöte. „Das mag plakativ sein“, so der Komponist. „Aber der Kontrabass hat einfach nichts mit ihr zu tun.“

Musik kompensiert das „Overacting“

Musikalisch betrachtet ist ein Stummfilm wie ein Ballett. Jedenfalls aus Sicht von Thomas Rebensburg. „Ballett ist auch eine stumme Aktion auf der Bühne.“ Um die Handlung vollständig erfassen zu können, muss der Komponist sie mit der passenden Musik zum Leben erwecken. Musik, die variantenreich und fast schon plakativ daherkommt, vordergründiger als die Filmmusik, wie wir sie heute kennen.

Szene aus Der Klosterjäger

Thea Steinbrecher und Viktor Gehring in “Der Klosterjäger”(1920)
Foto: DFF

Rebensburg hat das Komponieren von der Pike auf gelernt. Welchen Aufgaben widmet sich heutzutage ein Komponist ganz konkret? Sprechen wir doch meist von Filmmusikern, Songwritern und Produzenten. Wir sind alle tagtäglich von morgens bis abends von Musik umgeben, im Radio, im Fernsehen, im Konzertsaal, im Kino, sogar im Kaufhaus oder im Fitnessstudio“, fasst Rebensburg zusammen. „Diese ganze Musik muss komponiert, arrangiert und produziert werden. Von uns Komponisten.“

So hat Rebensburg beispielsweise in zwölf Jahren als musikalischer Leiter der beliebten Weihnachtstournee „Heilige Nacht“ zahlreiche bekannte Werke an die jeweilige instrumentelle Besetzung angepasst und für das Singspiel am Nockherberg für Regisseur Marcus Rosenmüller und Komponist Gerd Baumann einzelne Stücke arrangiert. Aber ein mehr als einstündiges Werk zu schaffen, etwas Eigenes, bei dem ihm obendrein völlig freie Hand gelassen wurde, das war ihm mal wieder ein Bedürfnis. Etwa ein halbes Jahr hat er nun daran gearbeitet.

Und es mag zynisch klingen – aber Coronakrise und Lockdown kamen ihm dabei ganz gelegen. Drei Monate intensives Arbeiten ohne Ablenkung durch andere Termine. An manchem Takt sitzt Rebensburg schon mal Stunden oder einen ganzen Tag, um ihn dann am nächsten Tag wieder zu verwerfen. „Am Ende ist so eine Komposition wie eine gesprochene Rede“, sagt Rebensburg. Sie drehe sich genauso um ein Thema, sei eine Aneinanderreihung von Sätzen und Argumenten, die einander in einem Fluss erklärten. Ein Gedanke ergibt den nächsten, die Stimmung hebt und senkt sich. Es gibt Höhepunkte und Gegenrede. „Je besser das Thema, umso leichter fließt die Rede – oder eben die Komposition.“

Bei all den Klosterthemen und der Kirchenmusik, Rebensburg ist ein Grenzgänger zwischen Unterhaltung und ernster Musik. Er vermag bestens zu jonglieren mit einer Vielzahl von Genres – von Klassik und Kirche über Film bis hin zu Werbung und Schlager. „Mich interessiert alles.“ Wenn er sich selbst ein musikalisches Thema geben müsste, dann sähe das wohl so aus: „Hoffnungslos optimistisch in Dur gehalten, im Wechsel mit einem Mollseptakkord für die Spur Melancholie“, sagt er und lacht.

Der Klosterjäger
Freitag, 21.11, 18.00 Uhr und Samstag, 22.11, 18.00 Uhr
Seeforum, Nördl. Hauptstr. 35, Rottach-Egern

Ludwig Ganghofer

Ludwig Ganghofer war der Autor des Romans „Der Klosterjäger”. Vor genau 100 Jahren starb der Schriftsteller, 2020 ist also aus gutem Grund das „Ganghofer-Jahr“. Ganghofer wurde am 7. Juli 1855 in Kaufbeuren geboren. 1919 verlegte er seinen Wohnsitz nach Tegernsee in die Villa Maria, wo er am 24. Juli 1920 verstarb. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof der Kirche St. Laurentius in Rottach-Egern, neben dem von Ludwig Thoma./em>