Gesunde Ernährung ist buchstäblich in aller Munde. Weswegen wir nachgefragt haben: Von Dr. Jochen Henn wollten wir wissen, wie man sich hier am Tegernsee gesund und ausgewogen ernähren kann. Selbst dann, wenn in unserer Region gerade Hochsaison der Feste ist.

Text: Susanne Mayr

Foto: Jochen Henn privat

Herr Dr. Henn, Wie schafft man es, sich in Zeiten zunehmender Umweltbelastungen noch gesund zu ernähren?
Eine optimale Ernährung ist tatsächlich selbst in unserer wunderschönen Voralpenlandschaft nicht mehr so leicht. Durch die Industrialisierung unserer Nahrungsmittel geht der Nährstoffgehalt immer mehr zurück. Dies lässt sich gut durch Messung der Mikronährstoffe im Blut belegen. Wir finden in der Praxis oft zu niedrige Werte für Vitamine, Mineralien, Spurenelemente, Aminosäuren und Fettsäuren, wodurch chronische Krankheiten bis hin zu oft unerklärlichen Erschöpfungs- und Müdigkeitssyndromen entstehen können.

Aber wie kann man das ändern, wenn doch offensichtlich die Nahrungsmittel das Problem sind?
Sollten wir alle nicht wieder mehr Verantwortung für die eigene Ernährung übernehmen und kritischer bei der Auswahl der Produkte sein? Das bedeutet aber auch, öfter wieder selbst zu kochen und zu backen mit sauberen, natürlichen Zutaten ohne chemische Zusatzstoffe. Frische, unverarbeitete, saisonale und regionale Produkte schmecken nicht nur besser, sondern sind eindeutig gesünder als Fertigprodukte und Fastfood. Dass zu viele Kohlenhydrate, die oft versteckt in den Nahrungsmitteln lauern, insbesondere Zucker und gesüßte Getränke, dick und krank machen, ist bekannt und kann dennoch nicht genug betont werden. Viel bessere Alternativen sind Gemüse mit vielen Ballaststoffen, gesunde kaltgepresste Öle und Eiweiße pflanzlicher und tierischer Herkunft. Klares frisches Wasser kommt bei uns glücklicherweise aus dem Wasserhahn und muss nicht in Plastikflaschen im Supermarkt gekauft werden.

Was ist aus unserer Gegend besonders gesund?
Wir haben hier den großen Vorteil einer Naturlandschaft ohne industrielle Schadstoffbelastung. Die Region ist bekannt für saubere Luft, saubere Gewässer und für eine Landwirtschaft, die sich den guten alten bäuerlichen Traditionen verpflichtet fühlt. Können Sie uns ein paar Beispiele nennen? Eiweiß von Bio-Hühnereiern ist für den menschlichen Körper eine perfekte Aminosäurenquelle, Eigelb mit seinem Lecithin hilft beim Aufbau von gesunden Zellmembranen. Ungespritztes Obst und Gemüse sind reich an sogenannten sekundären Pflanzenstoffen wie z.B. Polyphenolen, die als Antioxidantien schädliche freie Radikale abfangen und damit eine Art Anti-Rost-Programm darstellen.

Waldfeste und Biergärten locken mit bayerischen Spezialitäten. Können wir das unbedenklich genießen?
Unter ernährungsphysiologischen Aspekten ist das natürlich nicht die gesündeste Art. Vorsichtig sollte man beim Grillen sein, denn verbranntes Fett ist definitiv eine Belastung für unseren Stoffwechsel. Aber auch ich liebe Waldfeste, die einfach zur bayerischen Lebensart gehören. Wenn der Körper reichlich mit Vitalstoffen versorgt ist, kann man auch ohne schlechtes Gewissen bei solchen besonderen Gelegenheiten Grillhendl und Steckerlfisch genießen.

Haben Sie noch einen speziellen Tipp für den Sommer?
Wir bereiten zuhause gerne frische Smoothies mit Kräutern und Wildpflanzen aus dem Garten zu, wie Brennnessel, Giersch, Gänsekresse, Spitzwegerich, Löwenzahn- und Birkenblättern. Dazu kann man Obst wie z.B. einen Apfel geben, und es in einem Mixer mit sehr hoher Umdrehungszahl zerkleinern, damit die Pflanzenzellwände geknackt werden und Chlorophyll verfügbar wird. Das entgiftet, entsäuert den Körper und versorgt ihn mit Vitalpower. Aber bitte nur Pflanzen verwenden, die man ganz genau kennt! Wer sich dafür interessiert, hat die Möglichkeit, einen Kurs beim Kräuterpädagogen zu belegen.

Gibt es noch eine klassische Ernährungsregel, an die wir uns halten sollten?
Es lohnt sich, öfter eine Essenspause einzulegen. Es ist sehr hilfreich, zwischen den Mahlzeiten mindestens 5 Stunden nichts zu essen, um seinem Körper eine optimale Verstoffwechselung und Verdauung zu gönnen. Auch Intervallfasten hat sich sehr bewährt, d.h. frühes Abendessen und spätes Frühstück mit einer Nahrungskarenz von 15 bis 16 Stunden.

Jochen Henn

Dr. med. Jochen Henn M.A. ist Internist und Experte für biologische Medizin mit eigener Praxis in Tegernsee. Dort berät er seine Patienten auch zum Thema Ernährung.
Praxisgemeinschaft Tegernsee

Seeseiten, Sommer 2018.