Zwei „Role Models“ für erfolgreiche Frauen im Tal, die eine in der Politik, die andere in der Wirtschaft. Landtagspräsidentin Ilse Aigner und die Verlegerin Christiane Goetz-Weimer ließen sich mühelos als Belege für eine „Alles ist gut“-Theorie verwenden. Und trotzdem sagen beide: Es ist noch viel zu tun, sehr viel. Eine Begegnung mit zweien die wissen, dass man nur übers Handeln zur Veränderung kommt.

Text: Christian Jakubetz / Fotos: Urs Golling

Zwei Frauen mit Führungsqualitäten beim Spaziergang am See.

Talk is cheap, sagt man in den USA gerne, wenn man leise Verachtung für theoretische Endlos-Debatten zum Ausdruck bringen will. Reden ist billig, es kommt aufs Machen an. Vermutlich würden die Präsidentin und die Verlegerin das sofort unterschreiben. Schon alleine deswegen, weil die eine sonst nicht die politisch erste Frau des Freistaats und die andere nicht Verlegerin wäre.

Am Tegernsee treffen sie sich nicht nur, weil sie Duz-Freundinnen sind. Sondern auch, weil Ilse Aigner hier ihren Stimmkreis hat und weil sie dem Ludwig-Erhard-Gipfel der Weimer Media Group schon seit Anfang an eng verbunden ist. Und auch, weil sie als erfolgreiche und selbstbewusste Frauen immer noch nicht die Regel sind.

Keine Steinzeit-Feministinnen

Die Stellung der Frau als solche: Es gibt vermutlich nicht viele Themen, die man mit so gutem Recht als paradox bezeichnen darf. Weil: In der Theorie wird sich selten jemand finden, der ernsthaft Frauen den gleichberechtigten Zugang zu allen gesellschaftlichen Bereichen verwehren will. In der Praxis aber? Ilse Aigner und Christiane Goetz-Weimer sind keine Steinzeit-Feministinnen, bei dem Thema werden trotzdem beide für ihre Verhältnisse – nennen wir es: energisch.

Trifft man beide am Tegernsee, dann kommen die Belege dafür, dass die Welt in Sachen Gleichberechtigung immer noch verschoben ist, ziemlich schnell. Die Landtagspräsidentin kann vom immer wiederkehrenden Phänomen erzählen, dass in männerdominierten Runden die Aufmerksamkeit groß ist – wenn Männer sprechen. Sind dann Frauen an der Reihe, sinkt das Interesse und steigt umgekehrt proportional der Lärmpegel.

Und Goetz-Weimer, ehemals Redakteurin der Männerbastion FAZ, kann auswendig Zahlen aufzählen, wie es beispielsweise mit dem Frauenanteil in Führungsetagen von Dax-Unternehmen aussieht. Um es kurz zu fassen: nicht gut, gar nicht gut. Nur so viel: In der Hälfte dieser Unternehmen ist die Männerquote im Vorstand bei sagenhaften 100 Prozent.

Gockelei ist nur was für Gockel

Man staunt dann, als Mann sowieso, über Zustände des Jahres 2022. Und man(n) fragt Ilse Aigner: Frau Landtagspräsidentin, sind Männer wirklich so furchtbar? Statt einer diplomatischen, präsidialen Antwort springt ein „Ja!“ aus ihr heraus. Eines von der Sorte, bei dem keine Zweifel bleiben, dass es aus tiefster Überzeugung kommt. Dann ein kurzer Lacher: „Nein, nicht alle. Und ich will auch gar nicht behaupten, dass sie das bewusst machen.“ Gelerntes Verhalten, sozusagen. Da dürfen Frauen, das wünscht sich die Landtagspräsidentin, durchaus auch mal robuster auftreten.

Robust ist allerdings eine Kategorie, die man Männern anerkennend zubilligt. Frauen hingegen wird eine gewisse Robustheit gerne mal auch eher nachteilig ausgelegt. Falls hier der Eindruck entsteht, zwei sehr robuste Frauen würden in eine ideologisch aufgeladene Schlacht ziehen: Christiane Goetz-Weimer lacht mindestens so viel wie sie redet (und das ist ein durchaus beachtliches Pensum).

Ilse Aigner wiederum ist einer der nettesten Menschen, die man sich vorstellen kann, auch wenn „nett“ in der Politik keine Kategorie ist und für eine Landtagspräsidentin schon gleich gar nicht.

Zwei Vorbilder für andere Frauen: Landtags-Präsidentin Ilse Aigner und Verlegerin Christiane Goetz-Weimer beim Seeseiten-Gespräch in den Räumen der Weimer Media Group in Tegernsee.

Stellen Sie sich also am besten zwei selbstbewusste Frauen vor, denen jede Gockelei fremd ist. Und das nicht nur, weil es sich bei ihnen schon aus biologischen Gründen nicht um Gockel handeln kann. Die beiden untereinander wiederum verstehen sich prächtig, eine angenehme Atmosphäre, hier sitzen zwei, die sich schätzen. Da macht es auch nichts, wenn man mal nicht einer Meinung ist.

Bei allen Debatten darüber, woran nun was liegen könnte und wie man das ändert – das Duo vom See belegt zumindest, dass es neben der Theorie auch eine ausgesprochen wirksame zweite Methode gibt: Machen, handeln und den eigenen Anspruch selbstbewusst formulieren. Selbst dann, wenn man unbestritten als Frau immer noch ein Stück schneller, besser, weiter sein muss, wenn man dorthin kommen will, wo Männer auch langsamer, schlechter, kürzer landen würden.

Jahrelang geschult in Männerdomänen

Bei Ilse Aigner war das schon immer Teil ihrer persönlichen und politischen DNA. Ohne großen Aufhebens mal eben vermeintlich festgefügte Strukturen auf den Kopf stellen: Angefangen von der jugendlichen Ilse in Bad Aibling, die vom Gymnasium auf die Realschule wechselt und dann eine „Lehre“ als Radio- und Fernsehtechnikerin absolviert. Ein „Männerberuf“, damals, Anfang der 80er, noch viel mehr als heute.

Und dann noch vier Semester Weiterbildung zur staatlich geprüften Elektrotechnikerin. Verbürgt ist, dass sie diese Ausbildung allein unter etwa 100 Männern als Beste abgeschlossen hat, vermutlich ein viel wirksameres Statement als jede Sonntagsrede zum Thema Gleichberechtigung. Danach wechselt sie zu Eurocopter in Ottobrunn, kümmert sich dort um die Entwicklung von Systemelektrik für Hubschrauber.

Das zieht sich als Maxime durch das ganze Leben der 57-Jährigen. Wo ansonsten Männer das Sagen und alles andere auch hatten, war und ist Aigner mittendrin. Auf ihre Art, die anders, aber nicht weniger deutlich ist. Kleines Beispiel: Ob sie denn dann auch mal laut werde, wenn Männer in ihrer Anwesenheit demonstratives Desinteresse zeigen, möchte man gerne wissen. Nein, sagt sie, es reiche aus, immer leiser zu werden oder einfach mal gar nichts mehr zu sagen. Sagt sie mit einem Blick, der wenig Zweifel daran lässt, dass man lieber nicht dabei sein möchte, wenn Ilse Aigner mal leise wird. Durchsetzungsfähigkeit gehört halt einfach dazu, wenn man nach oben will. Und „arbeiten, arbeiten, arbeiten und ein bisschen Glück“.

Der Unterschied zwischen einem Handwerks-Betrieb und der FAZ? Nicht allzu groß

Bei allen Unterschieden, einiges haben Ilse Aigner und Christiane Goetz-Weimer gemein. Beispielsweise die Erfahrung, wie man sich in Männerbastionen durchsetzen muss. Was die Elektro- und Fernsehtechnik im Handwerk und ein CSU-Bezirksverband in der Politik ist, das stellt die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, die alle Welt nur FAZ nennt, im deutschen Journalismus dar. Eine weibliche Herausgeberin gibt es dort bis heute nicht und niemand dort würde ernsthaft protestieren wollen, würde man die FAZ als einen immer noch ziemlich männerdominierten Laden beschreiben.

Als Redakteurin des Blattes setzt sich Goetz-Weimer dennoch durch, ehe sie später zur Verlegerin, zur Unternehmerin wird. Heute veranstaltet die Weimer Media Group nicht nur den Ludwig-Erhard-Gipfel, sondern beheimatet zahlreiche Publikationen aus Politik und Wirtschaft, darunter u.a. The European, Börse am Sonntag, Markt und Mittelstand oder Wirtschaftskurier. Zudem führt Goetz-Weimer seit 2001 den Ch. Goetz Verlag, in dem Sachbücher aus Wirtschaft und Politik, aber auch belletristische Sammelbände und Biografien erscheinen.

Denkt man sich dann nochmal ein paar Jahre zurück, dann ahnt man auch als Außenstehender schnell: Als Frau sich
im Männerverein FAZ zu behaupten, das erfordert neben journalistischer Expertise eine Menge Durchsetzungskraft (und gute Nerven).

lse Aigner im Gespräch mit den Seeseiten

Von der Auszubildenden als Elektrotechnikerin an die Spitze des Landtags: Ilse Aigner.

Das alles ist schon eine ganze Zeit her, man könnte also meinen: Es war einmal. Aber die Baustelle besteht weiterhin.

Wieso muss man, obwohl sich in den letzten Jahrzehnten die Dinge erheblich gewandelt haben, im Jahr 2022 überhaupt noch über Gleichberechtigung und gesellschaftliche Teilhabe reden? Sollte das nicht längst selbstverständlich sein und ist es das nicht auch – nach 16 Jahren Amtszeit einer Bundeskanzlerin und angesichts auch der nunmehr zweiten bayerischen Landtagspräsidentin? „Darüber reden müssen wir tatsächlich nicht mehr“, sagt Christiane Goetz-Weimer, „aber miteinander reden, das ist entscheidend“. Wobei die Verlegerin hier eine Freundin klarer Worte ist: „In der Praxis haben die Kerle lange genug Zeit gehabt, etwas in den Chefetagen zu ändern.“ Die vieldiskutierte Quote mag sie nicht, zumindest im Grundsatz. Aber sie zeigt Wirkung, das ist für sie das Entscheidende.

Die Pragmatikerin Ilse Aigner setzt auf den „Machen statt reden“-Ansatz: „Und dafür brauchen wir Vorbilder“. Eine Aussage, hinter der auch Christiane Goetz-Weimer steht.

Auf der anderen Seite: In der Praxis ist es immer noch schwer genug, das scheinbar Selbstverständliche umzuset-
zen. Auch der von Christiane Goetz-Weimer und der Weimer Media Group veranstaltete Ludwig-Erhard-Gipfel ist immer noch eine einigermaßen männerlastige Veranstaltung. Und das, obwohl die Veranstalter es lieber anders hätten, doch: Die Top-Positionen in Politik und Wirtschaft sind immer noch überwiegend Männersache, wo also solle man denn bitte schön dann die Frauen hernehmen? Eine rhetorische Frage, klar. Aber eine, die das Dilemma aufzeigt.

Aber eigenartig ist das schon. Da sind sich, zumindest in der Theorie, fast alle einig, dass es mehr Frauen in Spitzenpositionen braucht. Dann dürfte es doch in der Praxis nicht scheitern, genau das auch hinzubekommen. Warum das doch nicht gelingt? Manche Frauen wollen nicht, manche fühlen sich dann, wenn sie sich zu einem Engagement in der Politik entschließen, von den dort vorherrschenden Strukturen nicht willkommen, glaubt Ilse Aigner.

Kein Phänomen der Politik alleine: Wenn Christiane Goetz-Weimer sich beim Unternehmerverband engagiert, sitzt sie dort im Vorstand allein unter Männern. Zumindest am Tegernsee allerdings hat man sich ja schon immer bemüht, eher Teil einer Lösung denn eines Problems zu sein. Und deswegen stehen sie im April beide auf der Bühne, beim Top-Treffen der Top-Leute. Ilse Aigner, die Landtagspräsidentin. Und Christiane Goetz-Weimer, die Verlegerin und Gastgeberin des Ludwig-Erhard-Gipfels.

Manchmal ist es dann eben doch so einfach.

Der Ludwig-Erhard-Gipfel findet am 21. und 22. April 2022 statt, die Schirmherrschaft hat Ministerpräsident Markus Söder übernommen.

Auch in diesem Jahr kommt eine Vielzahl prominenter Teilnehmerinnen und Teilnehmer ins Tegernseer Tal, die ihresgleichen sucht. Neben der schon erwähnten Landtagspräsidentin Ilse Aigner rechnen die Veranstalter u.a. mit Ministerpräsident Söder, den Parteivorsitzenden Friedrich Merz (CDU), Lars Klingbeil (SPD) und Christian Lindner (FDP) sowie Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) und Alt-Bundespräsident Joachim Gauck.

Highlight bei den Vertretern der Wirtschaft: die beiden BionTech-Masterminds Uğur Şahin und Özlem Türeci.

Die alljährliche Veranstaltung, von der unter anderem die Medienpartner ntv, RTL Mediengruppe und FOCUS Online
umfassend berichten, gilt als das „Stelldichein der Wirtschaft“ (Handelsblatt). Da das endgültige Programm bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht feststand, empfiehlt sich ein Blick ins Netz: www.ludwig-erhard-gipfel.de