Es gibt nicht allzu viele Menschen, die wissen, wer Hans Jürgen Buchner ist. Haindling dagegen kennen sie alle. Oder zumindest: fast alle. Ein Gespräch über die musikalischen Wurzeln von Haindling, Franz Josef Strauß und warum er sich speziell am Tegernsee auf den Gebrauch von Alphörnern freut.

Interview: Christian Jakubetz

Hans-Jürgen Buchner alias „Haindling“
Foto: Veranstalter

Der niederbayerische Multi-Instrumentalist und Autodidakt verkörpert mit seiner gleichnamigen Band wie kaum ein anderer das bessere musikalische Bayern. Das auch deswegen, weil Buchner in seine Kompositionen alle Einflüsse reinpackt, die ihm gefallen. Weltmusik nennt man das heute. Andere würden sagen: einfach Haindling. Unterhaltung mit Hans Jürgen Buchner: ein ausgesprochen freundlicher 74-jähriger Mann, der sich Zeit nimmt. Sehr viel Zeit sogar. Kein Termindruck, keine anderen Verpflichtungen? „A woher“, lacht Buchner, „man muss es ja nicht übertreiben.“ Niederbayerische Gelassenheit von einem, der sich und der Welt nichts mehr beweisen muss. Also, dann lassen Sie uns reden.

Herr Buchner, mein erstes Haindling-Konzert war Mitte der Achtziger. Damals gab es Strauß, die geplante Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf und CSU-Mehrheiten deutlich jenseits der 50 Prozent. Und Haindling war eine Art Gegenkultur. Heute ist Bayern…ja, wie ist es eigentlich, was hat sich in den letzten drei Jahrzehnten verändert?
Mei, natürlich ist die Zeit vergangen. Und Gott sei Dank haben wir heute keine WAA. Aber es gibt ja noch sehr viel mehr Probleme. Die betreffen nicht nur Bayern, sondern die ganze Welt. Deswegen machen wir bei unseren Konzerten auch eine Anti- Plastik-Show. Plastik in den Weltmeeren, das ist ein riesiges Problem. Und es gibt weiter militärische Bedrohungen, es gibt unvernünftige Menschen und unvernünftige Politiker. Da gibt es also genügend Stoff für uns.

Also eher globale Probleme als bayerische Weltsicht?
Nein, natürlich hat sich auch Bayern verändert. Es ist vor allem ungemütlicher geworden. Die Menschen werden mehr, die Umgehungsstraßen werden mehr, überall muss etwas weggerissen werden, überall werden Bäume gefällt. Das war früher lockerer. Aber unsere Konzerte sind ja keine politischen Veranstaltungen… obwohl…Sie waren doch damals dabei, wie war das, haben Sie das als politische Veranstaltung empfunden?

Nein, aber Sie und das Publikum standen zumindest für sehr klare Haltungen. Heute würde man das „Filterblase“ nennen…
Sagen wir mal so: Wir haben nicht unbedingt die dümmsten Leute im Konzert (lacht). Und Haindling ist auch keine Party-Band. Wir hinterlassen zwar gute Laune und fröhliche Menschen. Aber ich bin ja kein Teenie-Idol und mache mir meine eigenen Gedanken.

Hier mal am Klavier – aber auch an etlichen anderen Instrumenten fit: Hans-Jürgen Buchner alias Haindling ist Multi-Instrumentalist.
Foto: Armin Zacherl

Ihr Publikum hat sich auch verändert und ist ein bisschen älter geworden. Der WAA-Gegner von damals ist heute möglicherweise Zahnarzt oder Geschäftsmann. Nehmen Sie das auch so wahr oder ist der Haindling- Fan von heute derselbe wie vor 30 Jahren, nur dass er 30 Jahre älter ist?
Unser Publikum ist gemischt. Wir haben viele Besucher, die waren schon damals in unseren Anfängen dabei. Ich erlebe inzwischen aber auch viele, die sagen: Mit deiner Musik bin ich aufgewachsen. Das ist also schon die nächste Generation. Und dann gibt es auch noch Besucher, die einfach nur neugierig sind und die sehen wollen, was bei einem Haindling-Konzert passiert. Also, es ist ein durchweg gemischtes Publikum. Und jetzt kommen auch wieder vermehrt jüngere Besucher.

Warum das, haben Sie eine Ahnung?
Inzwischen gibt es ja die Freitags-Proteste von Schülern für mehr Klimaschutz. Wir haben schon vor 20 oder 30 Jahren Lieder zum Thema gemacht, jetzt ist das Thema halt richtig akut. Ich habe auch mal ein Lied gemacht, das hieß „Der Mensch muss zum Mars“. Und auch das ist jetzt hochaktuell, momentan wollen ja alle auf den Mars. Früher hat man die Themen in vielen meiner Lieder vielleicht nicht so ernst genommen. Ich habe auch mal ein Lied gemacht, da geht es um den Anstieg des Meeresspiegels und über die Fidschi- Inseln, die es dann nicht mehr gibt. Das Lied ist lange her, aber heute lacht da keiner mehr drüber. Die Leute wissen inzwischen, um was es geht. Es hat sich vieles bewahrheitet, über was ich damals gesungen habe. Leider.

Wobei, ökologisches Denken ist ja heute kein Außenseitertum mehr. Sondern eher Mainstream.
Ja, da hat sich schon was geändert. Wenn ich heute zu meinem Bäcker gehe und meine Semmeln kaufe und die dann in meine mitgebrachte Stofftasche haben möchte, dann sagen die da sofort: Ah ja, gut! Bewusstsein ist schon da, aber in der täglichen Praxis hapert es noch. Da ist viel Lobbyismus im Spiel.

Und natürlich die eigene Bequemlichkeit. Es ist ja niemand wirklich gegen Umweltschutz. Zumindest theoretisch.
Ja, und ich finde es unglaublich, dass man Leute, die immer wieder auf die Probleme hinweisen und dagegen aktiv sind, als Bremser und Blockierer hinstellt.

Auf der anderen Seite: Fast 20 Prozent Grünen-Stimmen bei der letzten bayerischen Landtagswahl, das hätten Sie sich Mitte der Achtziger doch auch kaum vorstellen können…
Man sieht daran, dass diese Anliegen bei ganz vielen Menschen in den Köpfen angekommen sind. Wenn dann auch die CSU mal was davon in ihr Programm aufnehmen und umsetzen muss, dann ist das doch ganz wunderbar.

Wir reden hier gerade so viel von Veränderung, da bleibt die Frage nicht aus: Wie haben Sie sich denn selbst verändert?
Ich? Bin immer noch derselbe! Und das Lustigste: Wenn ich in der Zeitung was lese über einen 70-jährigen, dann denke ich mir immer: Mei, der oide Mo! Nur, um dann festzustellen, dass ich selbst jetzt 74 bin. Aber ich fühle mich wesentlich jünger. Obwohl, das wird vermutlich allen so gehen. Trotzdem, ich habe immer noch Spaß an meiner Arbeit, da ändert sich nix. Vielleicht war ich früher etwas wilder. Und dass ich mal einen Bayerischen Verdienstorden bekomme, hätte ich mir auch nicht träumen lassen. Ich kenne ja auch ein paar Menschen in der bayerischen Politik, die Ilse Aigner beispielsweise, und auch mit Horst Seehofer habe ich öfter geredet, beispielsweise über den Donauausbau. Und in der Bayerischen Staatskanzlei läuft in der Warteschleife Musik von mir. Ich find’s gut, wenn man miteinander redet.

Hätte der junge Haindling in den Achtzigern solche Gespräche auch mit Franz Josef Strauß geführt?
(lacht) Naaa…, ich glaub, das wäre nicht gegangen. Er war sehr von sich überzeugt und sehr wirtschaftsorientiert. Und er hat geglaubt, dass beispielsweise wir in den damaligen Anti-AKW-Bewegungen alle ein bisschen dumm sind. Das war schon eine sehr ignorante Haltung. Also, mit Strauß wohl eher nicht, aber mit Stoiber beispielsweise habe ich ein paar wirklich gute Gespräche geführt. Der hat sogar dafür gesorgt, dass wir mal beim Neujahrskonzert der bayerischen Vertretung in Berlin spielen durften.

Eine eingespielte Truppe: Mit einem Teil seiner Band „Haindling“ spielt Hans-Jürgen Buchner schon seit Jahrzehnten zusammen.
Foto: Sandra Vitting

Kommen wir zu Ihrer Musik: Sie haben ja auch mal die „Vier Jahreszeiten“ vertont und in den typischen Haindling- Sound verpackt. Steckt da viel Arbeit dahinter, ist dieser Sound gewollt – oder war er einfach mal da und ist es immer noch?
Bei den „Vier Jahreszeiten“ habe ich für eine österreichische TV-Serie die Anfrage bekommen, ob ich den Vivaldi in den Haindling-Sound bringen könnte. Da habe ich mir zuerst gedacht: Das ist ein Wahnsinn! Ich habe ja mit dem 11. Lebensjahr aufgehört, nach Noten zu spielen. Aber ich fand das trotzdem sehr interessant. Und dann habe ich mir von Anne-Sophie Mutter und von Nigel Kennedy deren Aufnahmen der „Jahreszeiten“ besorgt und dann per Gehör jede einzelne Stimme rausgehört.

Und das alles ohne Noten?
Ich habe mir bestimmt jedes Stück dreißigmal angehört, bevor ich überhaupt mit den Aufnahmen angefangen habe. Dann habe ich mir meine Instrumente gepackt, Trompeten, Tuba, Klavier – und habe das aufgenommen. Rein nach Gehör.

Wann haben Sie denn bemerkt, dass Sie diese Gabe haben und dass Sie der geborene Autodidakt sind?
Früh. Ich habe im Internat mit 11 Jahren mit dem klassischen Klavierunterricht aufgehört, dann nur noch improvisiert und mir dann zu meinem 13. Geburtstag eine Trompete gewünscht. Damit habe ich Zugang zu den Blasinstrumenten gefunden. Ich war erst ein großer Fan von Louis Armstrong und habe dessen Sachen nachgespielt. Dann hörte ich gerne „Weather Report“ und habe mir ein Saxophon besorgt.

Und damit entstand Haindling?
Nein, ich wollte zwar schon eine Band gründen, aber damals wollten alle nur Jimi Hendrix spielen. Und ich war überhaupt nicht gitarrenlastig, auch wenn ich eine Gitarre hatte. Deswegen habe ich mir ein Vierspur-Aufnahmegerät besorgt und meine ganze Musik selbst gemacht, so wie Mike Oldfield das damals auch vorgemacht hat. Dann habe ich mir erste Bänder selbst aufgenommen und bayerischen Gesang dazu gepackt. Der bayerische Gesang war mir sehr wichtig. So ging das damals langsam los…

Auf einer durchschnittlichen Haindling-Bühne stehen wahnsinnig viele Instrumente…
(lacht) Bei mir daheim stehen noch wesentlich mehr.

Spielen Sie die dann auch alle?
Nein, manche spiele ich jahrelang nicht. Und dann sehe ich wieder so ein Instrument, da stolpere ich drüber und denke mir: Das könntest du mal wieder spielen. Ich komponiere gerade eine Film-Musik, da verwende ich ein Instrument, das war nur einmal bisher bei mir zu hören, auf „Haindling1“. Das ist jetzt 35 Jahre her.

Wenn Sie auf Tour gehen, dann spielen Sie ja eigentlich kein klassisches Best-of…
Nicht nur, aber es sind einige Sachen Pflicht. „Paula“, „Lang scho nimma gsehn“ oder „Du Depp“ beispielsweise, die hören die Leute gerne und das spielen wir auch gerne. Wenn ich in ein Elton John-Konzert gehen würde, würde ich ja auch „Your Song“ und die anderen alten Sachen hören wollen. Aber es stimmt schon, wir improvisieren auch mal oder spielen Stücke, die es noch gar nicht auf Platte gibt. Und ich erzähle viele Geschichten auf der Bühne. Das unterscheidet uns dann schon von klassischen Best-of-Konzerten.

Was dürfen wir denn den Tegernseern ausrichten, bevor Sie dort auftreten?
Wir freuen uns, dass wir mal wieder nach Oberbayern kommen, dass wir in dieser schönen Landschaft spielen dürfen. Und sagen Sie ihnen, dass wir sie mit unseren Alphörnern passend zur Kulisse ordentlich beschallen werden.

Das Gespräch mit Hans-Jürgen Buchner führten wir anlässlich seines Gastspiels auf Gut Kaltenbrunn in Gmund im August 2019.

Seeseiten, Sommer 2019.