Man würde Herbert Pixner ja gerne in irgendeine Kategorie einordnen. Doch so lange man auch nachdenkt, eine passende Beschreibung fällt einem nicht ein. Wenn es um den 45-jährigen Südtiroler geht, dann fallen gerne Begriffe wie „Weltmusik“ und „Ausnahmemusiker“. Beides nicht falsch, aber auch klischeebehaftet. Fragen wir den Mastermind des „Herbert Pixner Projekt“ also am besten selbst.

Interview: Christian Jakubetz

Das Herbert-Pixner-Projekt lebt von seinen kongenialen Mit-Musikern: hier Heidi Pixner (Harfe).
Foto: Schorle, Creative Commons Lizenz, CC BY-SA 4.0

Wir erwischen Herbert Pixner in seinem Haus in Südtirol. Naturgemäß immer noch in einem Video-Call. Aber auch nach eineinviertel Jahren Pandemie und einer beinahe ebenso langen Konzertpause ist dem Multitalent die Arbeit nicht ausgegangen. Langeweile kennt Pixner nicht.

Ich weiß, das ist eine klassische Neigung von Journalisten, für alles immer eine Kategorie, eine Umschreibung haben zu wollen. Mir fällt bei Ihnen leider nur keine ein. Können Sie mir helfen?
Prinzipiell kann ich das schon gut verstehen, wenn Menschen in Genres denken. Journalisten oder auch die Werbebranche tun sich natürlich leichter, wenn man klar zuschreiben kann: Der kommt aus dem Pop, der kommt aus dem Rock. Aber bei uns ist das schon schwierig. Man könnte das „Weltmusik“ nennen, aber der Begriff ist so überstrapaziert, so ausgelutscht. Volksmusik machen wir auch nicht. Am liebsten wäre es mir, man würde sagen: Die machen Musik.

Spricht etwas dagegen, zu sagen: Die machen einfach das, worauf sie Lust haben?
Nein, im Gegenteil. Bei uns stimmt das sogar, wir machen wirklich nur das, worauf wir Lust haben. Das geht auch deswegen, weil wir unabhängig sind, Wir haben unser eigenes Label, wir sind niemandem verpflichtet. Wir sind an keine Weisungen gebunden, wie viele andere Künstler, die immer ein bisschen das Messer im Rücken haben. Die haben so viele Vorgaben, die müssen verkaufsfähig sein, die müssen radiotauglich sein.

Wie erklären Sie sich dann Ihren beachtlichen kommerziellen Erfolg? Ihre Musik ist alles andere als radiotauglich, Sie machen keine Dreiminüter, Sie passen in kein Genre. Trotzdem bekommen Ihre Alben Gold und Platin und Ihre Konzerte sind regelmäßig ausverkauft.
Ich glaube, für uns zahlt es sich aus, dass wir die Dinge von Anfang an selbst in die Hand genommen haben. Wir haben das von null aufgebaut, als wir 2009 beschlossen hatten, dass wir jetzt versuchen, von unseren Konzerten, unserer Musik zu leben. Es gab ja niemanden, der uns „veranstaltet“ hätte. Also haben wir alles selbst gemacht, Locations angemietet und dann gespielt. Das ging so los, dass wir kleine Säle hatten, 50 oder 100 Leute. Und die brachten dann beim nächsten Mal ihre Freunde mit. So haben wir das über die letzten zwölf Jahre aufgebaut.

Das war‘s schon?
Nein, du musst schon auch etwas Glück haben, von den Medien wahrgenommen werden. Wir waren mal im Bayerischen Fernsehen, mal kam ein Magazin aus Hamburg, das hat dann wieder andere neugierig gemacht. Das ist schon sehr wichtig. Wenn man das nicht hat, wird es schwierig. Dann spielst du irgendwo im Untergrund, aber kommerziell geht nicht viel. Heute spielen wir in den schönsten und größten Konzerthäusern im deutschsprachigen Raum und wir wissen, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. Noch dazu, wo wir ja mit einer unkonventionellen Besetzung unterwegs sind.

Wie viele Zuschauer hatten Sie denn in den vergangenen Jahren?
Wir haben über 100.000 Tickets verkauft. Aber das geht wirklich nur, wenn du dich weiterentwickelst und jedes Konzert zu einem besonderen Erlebnis machst.

Ihr Lebenslauf ist ebenfalls sehr unkonventionell. Sie haben als Senner gearbeitet und in den USA gelebt, als Moderator bei der RAI gearbeitet. Auf den ersten Blick könnte man zu dem Schluss kommen, die Dinge passen nicht wirklich zusammen. Und jetzt machen Sie Musik, bei denen die Dinge auf den ersten Blick auch nicht zusammenpassen. Spiegelt Ihre Musik auch Ihren Charakter wider?
Eigentlich schon. Wenn man Instrumente einfach mal in die Hand nimmt und sich ihnen autodidaktisch nähert, dann drückt man irgendwann auch die Dinge aus, die man erlebt hat. Und vermutlich ist das auch der Vorteil unserer unkonventionellen Besetzung. Man kann keine Noten dafür kaufen, man kann sich keine Anleihen irgendwoher besorgen. Wir haben gewusst, wir haben jetzt diese Besetzung und für die müssen wir jetzt schreiben. Dass wir mal Konzerthäuser bespielen, da hätte ich alles dagegen verwettet (lacht).

Welche Rolle spielen Ihre Mit-Musiker dabei?
Die sind sehr speziell, ein sehr wichtiges Element. Die Heidi (Pixner, die Harfenistin des Projekts) hat ihre sehr eigene Art zu spielen. Der Werner (Unterlercher) ist ein Bassist, der will einfach nur Bass spielen, das ist selten in der Bassisten-Szene. Ich wäre manchmal froh, wenn er mal ein Bass-Solo spielen würde, aber das will er einfach nicht (lacht). Wir zwei in der Mitte, der Manuel (Randi, Gitarre) und ich, wir können uns auf diesem Fundament dann austoben. Und der Manuel, er ist einfach ein Typ mit einer wahnsinnigen Ausstrahlung. Außerdem kenne ich kaum einen Gitarristen, der so vielseitig ist. Es gibt Jazz-Gitarristen, die spielen Jazz. Und Klassik-Gitarristen, die spielen Klassik. Metal-Gitarristen, die Metal spielen. Aber einen Gitarristen, der alles kann und das auf höchstem Niveau, das gibt es eigentlich so gut wie gar nicht. Manuel ist so einer.

Werner Unterlercher, der Bassist, möchte keine Soli spielen.
Foto: Schorle, Creative Commons Lizenz, CC BY-SA 4.0

Sie sagen, Ihre Stücke seien immer auch Geschichten, die Sie erzählen, das funktioniert ganz ohne Text. Wieviel Herbert Pixner, wie viel Authentizität steckt in diesen Geschichten?
Ich glaube schon, dass es ein Unterschied ist, ob du deine Stücke spielst oder Sachen von einem fremden Songwriter, die du dann halt einfach nur präsentierst. Wenn du da oben auf der Bühne stehst und hast etwas zu erzählen, dann musst du alles auspacken, was du hast. Und wir haben wirklich viel zu erzählen. Man hat alles Mögliche erlebt im Leben. Von tiefsten Tälern, von Lebensabschnitten, in denen es nicht mehr viel weiter nach unten hätte gehen können. Bis hin zu den Momenten, in denen du denkst: Besser geht’s jetzt nicht mehr. Jetzt hast du alles geschafft, was du dir jemals erträumt hast.

Was fast zwangsweise zu der Frage führt: Sind Sie ein mutiger, ein risikofreudiger Mensch?
Ich würd’ schon sagen, dass ich mutig bin. Und auch risikobereit. Wobei, ich habe immer auch einen Plan B, einen Notausgang. Aber es gab auch Situationen, da war klar: Alles auf Rot! Wenn es dann gut ausgeht, dann kommen natürlich alle und sagen: Haben wir ja gleich gewusst, dass du das packst.

War aber nicht immer so, oder?
Nein, ich erinnere mich gut an die Zeit, als wir begonnen haben. Als wir belächelt wurden. Als es hieß: Ihr habt keine Texte, ihr stellt vier Stühle auf die Bühne, ihr habt keine richtige Bühnenshow – was soll denn das sein?

Und dann – keine Selbstzweifel?
Doch, aber man hat ja auf der anderen Seite auch seine Vorbilder, bei denen man sich denkt: Da funktioniert es doch auch! Wenn die es schaffen, ohne Licht, ohne Mikros, ohne große Show in Konzerthäusern zu spielen, dann kann ich das auch. Aber dann brauchst du langen Atem und die Energie, sowas durchzuziehen, ohne darauf zu hören, was andere sagen. Klar, es gibt eine Handvoll Leute, mit denen du sprichst und die dir wichtig sind. Beim Rest: links rein und rechts wieder raus.

Das Publikum hat immer mitgezogen?
(lacht) Ach, so ein bisserl Provokation macht ja auch Spaß. Ganz am Anfang, als wir noch in bayerischen Wirtshaus-Sälen gespielt haben, da sind schon mal Leute nach dem zweiten oder dritten Stück gegangen und haben gesagt: „So einen Sch… hör ich mir nicht an!“ Da haben wir gewusst: Wir haben nicht alles falsch gemacht.

Ist das nicht auch ein Problem der Erwartungshaltung? Mir kommt es so vor, dass die Leute immer dann, wenn jemand aus Tirol kommt und traditionelle Instrumente dabeihat, sofort denken: Ah, sowas wie Andreas Gabalier, da kommt jetzt der nächste Volks-Rock’n’Roller. Und dann kommt gar kein Gabalier …
Bei uns war es eher umgekehrt.

Wie geht das denn?
Das liegt daran, dass ich eher aus der traditionellen Volksmusikszene komme. Ich habe mich intensiv mit der alpinen Volksmusik und ihren Ursprüngen beschäftigt, hab mich gefragt: Wieso klingt jetzt der Landler in einem Tiroler Tal so und am Tegernsee wieder anders? Und dann haben die Konzertbesucher von uns natürlich auch traditionelle Volksmusik erwartet. Das hat nicht jedem gefallen, dass wir was anderes gemacht haben. Für die waren wir dann die Verräter.

Gitarrist Manuel Randi beherrscht sowohl Pop, Rock und Jazz.
Foto: Schorle, Creative Commons Lizenz, CC BY-SA 4.0

Und wie ist das heute?
Das ist vorbei. Heute machen auch viele junge Künstler einfach ihr Ding. Aber damals, vor 20 Jahren, das war schon speziell manchmal. Heute kommen oft Menschen auf mich zu, die keine Musiker sind und die auch nicht auf eine bestimmte Richtung festgelegt sind, die hören Jazz, Klassik oder Rock. Und wenn die dann sagen, das was ihr macht, das ist schön, das berührt mich, dann ist das für uns die größte Motivation weiterzumachen.

Wie schafft man es denn, Menschen mit Musik zu berühren?
Auf jeden Fall nicht mit kalter Technik. Wenn jemand auf der Bühne steht und zeigt, wie schnell er spielen kann, das ist nicht interessant. Spannend ist es, Menschen zu berühren, die nicht wissen, wie eine Akkordfolge aufgebaut ist und sich auch nicht dafür interessieren.

Ich ertappe mich öfter in Konzerten dabei, dass jemand auf der Bühne ein Solo spielt, und das macht er bestimmt auch ganz toll, aber es packt mich nicht. Und dann reicht manchmal ein Riff oder ein Akkord und ich denke mir: Toll! Auch wenn ich überhaupt keine Ahnung habe, was genau daran toll ist. Erklären könnte ich es jedenfalls nicht. Aber das muss ich ja auch nicht, oder?
Stimmt! Wenn man das so einfach berechnen könnte, was Menschen berührt, dann hätten wir auch alle die gleichen Häuser. Im Sport kannst du alles messen, in der Musik nicht. Du kannst der schnellste Gitarrist der Welt sein, das bedeutet nichts. Mir geht’s auch oft in Konzerten so: Ich sitze im Publikum, da steht ein ganz virtuoser Gitarrist auf der Bühne – und nach dem dritten Stück denke ich mir, jetzt habe ich alles gehört, was er kann, jetzt spiel mal was, was mich hier drin packt (zeigt aufs Herz). Nach einer halben Stunde langweilt er mich, dann habe ich alles gehört. Und ich frage mich: Jetzt war die Akrobatik, aber wann kommt die Musik?

Wie merken Sie in Konzerten eigentlich, ob Sie Ihr Publikum mitgenommen haben? In Rockkonzerten ist das ja vermutlich eher einfach, wenn alle mitgehen und am Ende „Zugabe“ schreien. Aber bei Ihrer Musik?
Das merkt man von der ersten Sekunde an. Da spielen sehr viele Komponenten rein. Das geht bei der Organisation los und endet bei der Tontechnik noch lange nicht, alles Faktoren übrigens, die wir als Musiker gar nicht beeinflussen können. Und wenn dann das Konzert losgeht, spürst du die Atmosphäre.

Woran?
An Kleinigkeiten. Beispielsweise, wenn ein Stück ausklingt. Wenn dann zwei, drei Sekunden Stille ist, sich keiner räuspert oder hustet, dann weißt du: Jetzt haben wir sie, jetzt sind sie alle wirklich dabei. Das hängt natürlich auch davon ab, wo man gerade ist. Man weiß ja in etwa, was funktioniert und was nicht. Und wenn von einem Publikum dann so gar nichts zurückkommt … obwohl, wir haben das auch schon gehabt, dass wir Konzerte gespielt haben, bei denen wir gedacht haben, auweh, das wird nix heute. Und dann stehen die am Ende alle auf und du musst ein paar Zugaben spielen. Da denkt man sich dann schon: Hättet ihr das nicht vielleicht zwei Stunden früher machen können (lacht)?

Sie waren jetzt lange Zeit zwangsweise nicht mehr auf der Bühne. Wie haben Sie diese Zeit verbracht?
Ich habe das große Glück, mittlerweile mein eigenes Studio zuhause zu haben. Ich habe dann Projekte gemacht, die ich sonst vermutlich nicht geschafft hätte. Zum Beispiel das neue Album mit den Berliner Symphonikern (Symphonic Alps live). Da hatten wir die Aufnahmen von 23 Konzerten. Die hatten wir erstmal nur mitgeschnitten, ohne weitere Pläne. Proben konnten wir nicht, spielen erst recht nicht. Also bin ich in die Studio-Arbeit eingetaucht. Das hat sehr viel Spaß gemacht, mich dort weiterzuentwickeln und aus diesen 23 Mitschnitten ein Album zu mischen. Hat auch lange gedauert, ich habe sechs Monate dafür gebraucht. Wir freuen uns aber sehr darauf, wenn es jetzt wieder losgeht, dafür gibt es dieses Jahr kein neues Album. Aber ich glaube, die Leute freuen sich einfach auf Live-Musik, auf Konzerte und irgendwas anderes als Corona.

Herbert Pixner Projekt
Geplant Do., 5. August, 20.00 Uhr
Gut Kaltenbrunn – Open Air

Das Konzert wurde auf kommendes Jahr verschoben.