Was gibt es Besseres als das Gipfelglück beim Bergsteigen? Noch ein bisschen über den Gipfel hinauszusteigen, das Alpenpanorama von oben sehen, mit dem Gleitschirm. Unsere Autorin hat ihre Ängste überwunden. Sie ist geflogen und sie warnt: Achtung, Suchtgefahr!

Text: Ute Watzl
Fotos: Urs Golling

Gleitschirmfliegen am wallberg tegernsee

Nur vom Schirm getragen diesen Ausblick genießen, das ist Gleitschirmfliegen am Wallberg.

Schwerelos durch die Luft schweben, die Welt von oben sehen, nur den Kräften des Windes ausgesetzt – der uralte Traum vom Fliegen. Ein Traum, von dem es heißt, alle würden ihn träumen. Alle? Nein.

Ich nicht. Ich fühle mich wohler, wenn ich festen Boden unter den Füßen habe oder Wasser um mich herum. Wenn es ums Fliegen geht, empfinde ich ein ausgeprägtes Miss- trauen in den mir unbekannten Piloten, in die Technik und ins Equipment. Keine Spur von Neid, wenn ich Gleitschirmflieger am Himmel sah. Da wird mir mulmig. So mulmig wie sonst nur, wenn ich von allzu steilen Berghängen tief hinabschaue. Für mich stand fest: Fürs Gleitschirmfliegen bin ich nicht gemacht. Bis ich Peter Targatsch traf, der mir voller Überzeugung sagte: „Gleitschirmfliegen ist Genusssport.“

Peter Targatsch betreibt ihn seit 14 Jahren. Eigentlich suchte er eine Ersatzsportart, weil er als fast professioneller Mountainbiker körperlich an seine Grenzen gekommen war. Gleitschirmfliegen wollte er von da an mit dem Berg- gehen verbinden. Einen Gleitschirm-Rucksack gibt es heute schon ab drei oder vier Kilo Gewicht. Und der Abflug vom Gipfel ist allemal knieschonender als der Abstieg. Eigent-ich wollte er es mit dem Fliegen ruhiger angehen. Doch je öfter er flog, desto besser wurde er, umso öfter konnte er auch fliegen. Und das hat er dann auch gemacht. Heute arbeitet er als Fluglehrer und Prüfer. Aus dem Mountainbike-Profi wurde ein professioneller Gleitschirmflieger. Für die Seeseiten steige ich also mit Peter in die Wallbergbahn, die uns zum beliebtesten Startpunkt für Tegernseer Gleitschirmflieger hinaufbringt. Auch Peter kommt hier ins Schwärmen. „Der türkisblaue See, das Tal und das Bergpanorama – es ist einfach einer der schönsten Startplätze in den Alpen.“

Wer meistens hier fliegen möchte, sollte es auch hier lernen, rät Peter. Es ist sinnvoll die Wind- und Wetterverhältnisse der Gegend gut zu kennen, in der man diesen Sport vorrangig betreiben wird. Denn der Knackpunkt beim Gleitschirmfliegen ist das Wetter: Man ist ihm vollkommen ausgeliefert. „Es ist nicht möglich, bei einem Schlechtwettereinbruch einfach stehenzubleiben, sich unterzustellen, sich festzuhalten“, erklärt Peter und bringt den Vergleich zum Skifahren: „Beim Gleitschirmfliegen kann sich eine blaue Piste urplötzlich in eine schwarze Piste verwandeln, wenn man nicht aufpasst.“ Und der muss man dann gewachsen sein. Die größte Herausforderung ist nicht das Fliegen selbst, sondern die richtige Einschätzung, ob das Wetter dafür geeignet ist und für die geplante Flugdauer hält.

Startplatz für Gleitschirmflieger am Wallberg

Und jetzt: Laufen! Doch der Wind lässt uns schon schnell abheben.

Mit jedem Höhenmeter wächst die Anspannung

Heute ist das Wetter stabil. Trotzdem: Mit jedem Höhenmeter, den die Wallbergbahn aufsteigt, wächst meine Anspannung. Ich blicke in die Tiefe, um meine Schwindelfreiheit zu testen. Oben angekommen, lenkt mich noch der erstklassige Ausblick auf den Alpenhauptkamm hinter der Wallbergkapelle von meinem Vorhaben ab. Doch dann stehe ich am Startplatz, vor mir die steile Wiese, dahinter den See in Tiefblau vor Augen. Andere Flieger heben vor mir ab, bunte Schirme schweben ins Bild. Sie suchen Thermik, um in ihr aufsteigen zu können. Bei mir steigt erstmal nur der Puls.

Peter erklärt mir, was ich gleich zu tun habe. Und das ist ausgesprochen wenig: Den See im Blick behalten und nicht nach unten schauen, ein, zwei große Schritte nach vorn und dann auf Kommando laufen. Was nicht geht, ist einfach stehen bleiben, denn dann kann es zum Sturz von Pilot und Passagier kommen, weil der Schirm schon aufgespannt ist. Wer sich hier den Gurt anschnallt, sollte sich also auch sicher sein, dass er fliegen möchte.

Während Peter den Schirm ausbreitet und mir Helm und Gurt anlegt, fachsimpelt er über mangelnde Thermik. Wie es aussieht, wird es heute nicht einfach werden, über den Gipfel des Wallbergs hinaus aufzusteigen, um über ihn hinweg nach Süden auf die Bergketten zu sehen. Mir ist das in dem Moment herzlich egal, ich will den Start hinter mich bringen und endlich wissen, wie ich auf den Flug reagiere.

Doch dann geht alles so schnell, dass ich kaum Zeit habe, mich um meine Ängste zu kümmern. Peter steht plötzlich hinter mir. „Und jetzt laufen!“, ruft er sein Kom- mando. Der dritte Schritt geht schon ins Leere. Unfassbar, ich hänge tatsächlich frei in der Luft, meine Füße unter mir baumeln 1000 Höhenmeter über dem Tegernseer Tal, und wir halten auf den Tegernsee zu, einfach so. Von Höhenangst keine Spur. Peter steuert nach rechts, wir schweben über den Bergwald auf der Suche nach Thermik.

Mein Körper entspannt sich und ich fange tatsächlich an, den Flug zu genießen. Davon ermutigt, beginnt Peter zu rollen, was bedeutet, dass wir uns in Schräglage drehen. Und das hat direkte Auswirkung auf meinen Adrenalinpegel. Dem Schirm komplett ausgeliefert werde ich willkürlich hin und her geschwenkt. Und ich weiß nicht, ob mich das ängstigt oder ob ich das schon ziemlich cool finde. Fast hätte ich mir ein bisschen mehr davon gewünscht. Ich bekomme eine leise, ganz leise Ahnung davon, wie facettenreich Gleitschirmfliegen sein kann, von der Genussvariante über ambitioniert bis hin zum Extremen.

Gleitschirmfliegen am Tegernsee

Dem Himmel so nah. Die anfängliche Anspannung löst sich schnell auf.

Die einen betreiben es als knieschonende Abstiegsvariante für Berggeher, die anderen als Streckenflieger. Sie fahren mit der Bahn hoch und versuchen von Berg zu Berg die längst mögliche Strecke mit dem Gleitschirm zurückzulegen. Und dann gibt es noch die Akrobatik-Flieger, die möglichst anspruchsvolle Manöver fliegen. Während man beim Akro- und Streckenfliegen die Extreme sucht, geht es beim herkömmlichen Gleitschirmfliegen ruhig zu, so wie bei uns. Wir fliegen immer tiefer. Zeit, diese Perspektive auf die Landschaft unter mir ganz bewusst zu verinnerlichen und abzuspeichern: der Blick über den See und Gmund hinweg bis nach München, die Weißach unter meinen Füßen, Schloss Ringberg und das Kreuther Tal – wer weiß, wann sich mir die Gelegenheit noch einmal bietet. Moment, habe ich das jetzt wirklich gedacht?

Nach 15 Minuten ist der Flug vorbei – leider!

Zu schnell jedenfalls ist der Flug nach etwa 15 Minuten vorbei. Leider haben wir keinen Auftrieb gefunden, der das Vergnügen in die Länge gezogen hätte. Die Flugdauer lässt sich in diesem Fall nur wenig beeinflussen. Ohne Auftrieb fliegt man recht konstant rund 40 km/h und sinkt dabei jeweils einen Meter in der Sekunde. Im Winter, wenn der Boden mit Schnee bedeckt ist, dauert der Flug vom Wallberg maximal 10 Minuten. Wegen der weißen Fläche im Tal, gibt es dann keine warme Luft, die aufsteigen könnte. Ohne diese Thermik kann der Gleitschirm nicht aufsteigen.

Im Frühjahr dagegen erleben Gleitschirmflieger das Gegenteil, wenn der Boden sich bereits erwärmt, aber die Luft noch kühl ist, steigt die aufgeheizte Luft besonders gut vom Boden nach oben, und der Flieger mit ihr. Gute Piloten können dann den ganzen Tag fliegen. Sie springen von Thermikquelle zu Thermikquelle, von Berg zu Berg. Der Weltrekord liegt da bei 600 Kilometer am Tag, in den Alpen kommen gute Flieger auf etwa 300 Kilometer. Im Sommer und Herbst ist die Thermik etwas moderater.

Peter gibt noch einmal Anweisungen für die Landung: Aus dem Sitz wieder aufrichten, die Arme vor den Körper und am Boden ein zwei Schritte mitlaufen. Überraschend sanft bekomme ich wieder den Boden unter die Füße, die Landung ist nicht mal im Ansatz ein Springen, genauso wenig wie der Start.

Tandemflüge wie diesen kann jeder machen, der nicht zu schwer ist und bei Start und Landung ein paar Schritte gehen kann. Wer selbst fliegen lernen möchte, der hat mittlerweile die Qual der Wahl bei den Flugschulen. Flugschüler absolvieren zunächst einen fünftägigen Grundkurs an einem Übungshang: erste Aufziehübungen, um den Schirm über sich zu bekommen, der Umgang mit den Steuerleinen, der richtige Körpereinsatz, dann erst die ersten Hüpfer, bis hin zu Flügen von zehn bis 15 Sekunden.

Begleitend besucht der Schüler einen Theoriekurs. Gänzlich frei ist man nämlich doch nicht in der Luft. Statt an Vorfahrts- muss man sich an Vorflugregeln halten, dazu Luftrecht und vor allem viel Meteorologie. „Wer fliegen lernen will, muss sich viel mit dem Wetter beschäftigen“, sagt Peter.

Erst dann beginnen die ersten Höhenflüge vom Berg, begleitet per Funk von Fluglehrern am Start- und am Landeplatz. Nach 40 Flügen, 20 Stunden Theorie sowie praktischer und theoretischer Prüfung ist der Flugschein sicher. So weit gehen meine Pläne nicht. Aber ich gebe zu: Heute blicke ich anders hinauf zu den Gleitschirmfliegern am Wallberg. Ein bisschen Neid ist jetzt doch dabei.

Die Auswahl an Gleitschirmflug-Anbietern am Wallberg ist groß.vEin Tandemflug kostet dort ca. 160 Euro. Wer das Gleitschirmfliegen lernen möchte, muss schon ein wenig ansparen, so zwischen 5000 bis 7000 Euro, davon kostet die Ausbildung 1500 bis 2000 Euro, dazu das Gurtzeug, Rettungsschirm und der Gleitschirm.

Mehr Infos gibt es hier:

Fürs Tandemfliegen
Fürs Fliegenlernen

Gleitschirmfliegen am Wallberg

Nach der sanften Landung steht fest: Das war sicher nicht mein letzter Flug.