Wer zu viel schläft, ist einfach nur faul? So einfach ist das nicht. Schlafmediziner halten dagegen. Zeit, sich mit dem scheinbar nutzlosesten Daseinszustand des Menschen auseinanderzusetzen: dem Schlaf. Immerhin verbringen wir damit ein Drittel unseres Lebens. Warum der gute Schlaf so wichtig ist und was Chefarzt Prof. Dr. Peter Young jetzt rät.

Interview: Ute Watzl

Ginge es nach Prof. Dr. Peter Young, würden wir unserem Schlaf etwas mehr Bedeutung beimessen, statt ihn dem Leistungsstreben zu opfern.
Foto: Medical Park

Urlaub sei die beste Zeit um zu testen, wie viel Schlaf uns persönlich wirklich gut tut, sagt Prof. Dr. Peter Young, Chefarzt der Medical Park Klinik Bad Feilnbach, und er beklagt einen Missstand in unserer Leistungsgesellschaft: „Sich Schlaf zu gönnen, gilt als sozial inakzeptabel.“ Der Neurologe ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM), und er befürchtet, dass wir mit dieser Einstellung Erkrankungen provozieren, die durch zu wenig oder schlechten Schlaf entstehen.

Wer sich nun schon immer gefragt hat, warum er selbst immer mehr Schlaf braucht als all die anderen, warum es ihm einfach nicht gelingen mag, wie andere nach sechs Stunden Schlaf bestgelaunt und energiegeladen am Frühstückstisch zu sitzen und nebenbei dem Sonnenaufgang beizuwohnen, für den hat der Schlafmediziner eine eindeutige Botschaft: Widerstand ist zwecklos.

Herr Young, ich habe eine schlaue Fitnessuhr, die meinen Schlaf misst. Leider fühle ich mich am Morgen nicht immer so wie ich es sollte, wenn ich der Uhr Glauben schenken will. Können mir Fitnessuhren sagen, wie gut ich geschlafen habe?
Prof. Young: Diese Uhren messen die Bewegung des Schläfers in der Nacht und kommen damit auf etwa 70 Prozent Genauigkeit. Denn wir wissen, dass man sich in der Traumschlafphase fast gar nicht und im Tiefschlaf wenig bewegt. Die Frage ist aber eine ganz andere: Was habe ich davon, dass ich weiß, wie viel Traum- und wie viel Tiefschlafphase ich hatte? Das wichtigste können Sie sich doch selbst beantworten.

Fühle ich mich erholt?
Genau. Dafür brauche ich nicht so einen Tracker. Ich sage immer: Kümmere dich um deinen Schlaf! Hör auf deinen Körper! Nimm deinen Schlaf ernst!

Ruhe finden, Energie tanken und gesund aufwachen – wo wenn nicht am Tegernsee.
Foto: Egbert Krupp für TTT

Aber wie viel Schlaf braucht denn nun der Mensch? Wer viel schläft, lebt länger?
Empfohlen wird eine Schlafzeit von 7,5 Stunden pro Nacht in der Altersgruppe 30 bis 60 Jahre. Aber: Die benötigte Schlafzeit ist genetisch bedingt. Es gibt Kurzschläfer, die mit fünf Stunden Schlaf 90 werden und Langschläfer, die elf Stunden brauchen. Ich bin vorsichtig, diese 7,5 Stunden zu empfehlen. Der Kurzschläfer soll ja nicht denken: Wenn ich nur fünf Stunden schlafe, sterbe ich früher. Und dann zwingt er sich zu 7,5 Stunden Schlaf. Fast jeder weiß, was sein Schlafpensum ist. Wenn nicht, dann sollte er das herausfinden. Am besten im Urlaub, wenn er ausgeschlafen ist. Einfach ausprobieren: Mit wieviel Schlaf fühle ich mich gut? Und dann richte dein Leben danach aus – nicht umgekehrt! Lass dir nicht einreden, dass der erfolgreiche Mensch immer mit nur fünf Stunden Schlaf auskommt. Langschläfer sind nicht faul.

Man kann sich auch nicht an wenig Schlaf gewöhnen?
Nein. Man wird irgendwann körperliche oder seelische Symptome davontragen. Wenn Sie immer sechs Stunden schlafen, obwohl Sie acht bräuchten, um sich wohl zu fühlen, dann ist das, als würden Sie dauerhaft zu kleine Schuhe tragen. Das macht Ihre Füße kaputt. Zu wenig Schlaf macht Ihren Körper kaputt.

Vielleicht wird es ja im Alter besser? Angeblich brauchen ältere Menschen sowieso weniger Schlaf.
Ältere brauchen etwa eine halbe Stunde weniger Schlaf, nicht so viel weniger, als wir oft meinen. Aber die Schlafarchitektur verändert sich im Alter, der Anteil von Tiefschlaf nimmt ab, der leichte Schlaf nimmt zu. Und sie wachen häufiger auf.

Umgekehrt: Altert man schneller, wenn man wenig schläft?
In gewisser Weise ja, denn die kognitive Leistung leidet unter dauerhaften Ein- und Durchschlafstörungen. Vorsichtig ausgedrückt: Es kann ausschlaggebend für eine eventuelle Demenzerkrankung sein. Das ist nicht gesichert, aber es gibt Hinweise darauf. Auch das Herz-Kreislaufsystem bildet bei chronischen Schlechtschläfern Krankheiten aus wie Herzinfarkt, Bluthochdruck, Schlaganfälle, die üblicherweise im Alter auftreten. Insofern ja, chronisch schlechter oder zu wenig Schlaf beschleunigt das Altern.

Ich könnte doch mit Schönheitsschlaf gegenhalten, wenn es ihn gibt.
Zu wenig Schlaf geht auch mit Symptomen einher wie Depression und Erschöpfung. Schönheit wird ja in der Regel nicht mit Erschöpfung verbunden. Wer dauerhaft schlecht schläft, dem sieht man es meist an. Ob er schöner ist, wenn er mehr schläft, das kann ich nicht beurteilen. Aber erholter bestimmt, und er hinterlässt damit sicher auch einen besseren Eindruck.

Schläft man denn besser allein oder in Gesellschaft des Partners?
Das ist abhängig von verschiedenen Faktoren. Auf einer gemeinsamen Matratze zu schlafen – das ist schlafphysiologisch schlechter als auf getrennten Matratzen. Die Bewegungen des einen übertragen sich auf den anderen. Daher empfehlen wir die getrennten Matratzen im Doppelbett. Ein anderes Thema ist: Ein Schnarcher sollte sich behandeln lassen, um den eigenen und den Schlaf des Partners oder der Partnerin nicht zu stören. Und zu guter Letzt: Laut zwei kleiner Studien bevorzugen es Männer, wenn ihre Partnerin mit im selben Zimmer schläft. Bei Frauen ist dieses Bedürfnis nicht so ausgeprägt.

Vielleicht weil Frauen sowieso schon schlechter schlafen als Männer? Stimmt das denn?
Die chronischen Ein- und Durchschlafstörungen treten bei Frauen häufiger auf als bei Männern. Den Grund dafür kennt man nicht. Aber sicher ist: Bei Frauen im Klimakterium kann sich durch die Hormonumstellung das Schlafverhalten verändern hin zu häufigerem Erwachen.

Es ist Vollmond. Ist es seine Schuld, wenn ich heute wieder schlechter schlafe?
Es gab tatsächlich eine relativ große Studie in Schweden, in deren Verlauf das Schlafverhalten der Probanden während verschiedener Mondphasen in einem Schlaflabor beobachtet wurde. Im Ergebnis zeigten die Personen leicht signifikant kürzere Phasen an Tiefschlaf und Traumschlaf. Diese sind am wichtigsten für die Erholungsfunktion des Schlafs.

Gemeinsam mit Dr. Martin Balz von der Deutschen Stiftung für Schlafmedizin, Prävention und Rehabilitation arbeitet Prof. Dr. Peter Young an einer Studie zur optimalen Schlafunterlage. Demnächst werden unterschiedliche Schlafunterlagen an Probanden im Medical Park Bad Feilnbach und in Bad Wiessee getestet. Durch einen regelmäßigen Austausch mit der Tegernseer Tal Tourismus GmbH stärken Dr. Balz und Prof. Young mit ihrer Arbeit zusätzlich die Kompetenzen der Region im Gesundheitsbereich. Mit dem zertifizierten Heilklima, den stärksten Jod-Schwefel-Quellen Deutschlands und drei der renommiertesten Rehakliniken Europas ist das Tal bereits bestens aufgestellt.

Dr. Martin Balz von der Deutschen Stiftung für Schlafmedizin, Prävention und Rehabilitation berät die Region Tegernsee.
Foto: privat