Günther Frühmorgen schreibt bayerische Krimis der anderen Art. Ohne Blutvergießen, mit viel Musik aus den 1970er- Jahren im Hintergrund und noch dazu im Dialekt. Erst schrieb er nur Bairisch, nun wagte er sich sprachlich auch ins Ruhrgebiet und Allgäu vor. Gerade erschien, nach „Katzendraller“ und „Spionin Escora“ sein drittes Buch: „Hochwasser“. Und auch in diesem Buch spielt, wie schon in der Vergangenheit, das Tegernseer Tal eine gewichtige Rolle. Anlass für einen Ratsch bei einer Tasse Kaffee und selbstgemachtem Datschi.

Text: Sonja Still

Die Brennerin vom Tegernsee

Herr Frühmorgen, nach Katzendraller, benannt nach einem Wasserstrudel in der Isar, klingt Hochwasser recht einfach – oder hat auch dieser Titel einen doppelten Boden?
William Faulkners Mississippi-Hochwasser in Wild Palms hat mich herausgefordert, ich wollte schaun, ob ich sowas für die Isar und den Inn hinkriege. Als Buben kämpften wir in gigantischen Hochwassern in alten blechernen Badewannen, in kleinen Schlauchbooten, Kentern und Richtig-Gewaschen- Werden inklusive. Details sind mir enorm wichtig, wer weiß schon, dass ein Hochwasser raschelt wegen dem Sand, der über rollende Steine reibt, dass herausragende Spitzen überschwemmter Büsche unentwegt zittern, quasi angstvoll. Und so geht’s auch meiner Hauptfigur. Der junge Schreiner Berti in Hochwasser meint, er hätte seinen Plan als Auftragskiller. Dann eckt er an, strudelt, kommt in eine Gegenströmung, wird gewaschen, geläutert – auch weil eine Frau sein Herz dazu berührt. Dem entsprungenen Häftling Xare geht es ähnlich, der wilde Mann endet ganz poetisch. Meine Romane sind neo-pikaresk, es geht um Schelme. Gerade die 70er sind typisch für sie. In ihrer unberechenbaren, verwirrenden, spontanen, überrumpelnden Art strudeln sie in viel Hochwasser.

Und was macht Franz Josef Strauß im Hochwasser?
Strauß war einer der Urväter der EU, er propagierte als einer der ersten leidenschaftlich die euro päische Idee. Als Student jobbte ich 1972 als Postbote in der Holledau, bekam da allerhand mit vom Unmut der Hopfenbauern, die in einer grenzenlosen EU um ihre wirtschaftliche Existenz fürchteten. Tatsächlich ertönten an Stammtischen auch Attentats- Ideen, und FJS bekam Morddrohungen. Ich habe mich bemüht, Strauß authentisch und sehr sympathisch zu zeichnen. Die meisten meiner Romanfiguren gab es so in Wirklichkeit, und sie gaben sich auch so wie in meinen Büchern.
Ähnlich wie Alfred Hitchcock in seinen Filmen tauchen auch Sie als Person in Ihren Büchern mindestens einmal auf. Was ist die Intention oder auch die Motivation dahinter?
Hitchcock fuhr gerne Bus in seinen Filmen, diese walk-on appearances ließ er sich nicht nehmen, schon, damit er nahe bei seinen Filmgöttinnen war.

Also wollten Sie nahe dran an der Hanni und der Delia in Hochwasser sein?
Freilich.

Das ist alles?
Kurt Vonnegut Jr. hatte sich in seinen Romanen in den 70ern gern als Autor drin, der mit seinen Figuren in Clinch gerät. Irgendwann stieg ich auch als Autor in meine Romane ein, als Figur, vermeintlich als Commander in meinem Early Morning Racing Team. Ziemlich schnell ende ich als Demiurg im Graben, aber ich habe auf dem Weg meinen anderen Figuren Stoff für ihr eigenes Leben gegeben: Je dilettantischer ich mich benehme, umso wiefer werden die.
Sie platzieren Ihre Krimisimmer in den 1970er Jahren. Was ist da soviel anders?
Menschen waren 1974 allgemein noch nicht angepasst wie heute. Es gab keine Medienvorgaben, kein Angepasstsein, jeder war sein eigenes unbekanntes, waghalsiges Testmuster von Erleben. Intuition und Telepathie waren wesentlich in der Zeit vor Handys, Navis und Facebook-Vernetzung. Und: Selbstironie gab es noch, ein Unterbewusstsein von Maßstab gegenüber der Welt und anderen. Und Scham, man hat sich noch geschämt. Hierbei war man seine eigene Instanz, es gab keine Shitstorm- Internet-Communitiy, die Hauptsache war, gegen jede Art von System zu sein. Bezeichnenderweise war das Wort des Jahres 1972: aufmüpfig. „Lustig” war noch etwas, wozu man aktiv beitrug, anders als konsumierbarer „Spaß”.

Wie mühsam ist es, die Dialoge im Dialekt zu schreiben?
Zusammen mit meiner Lektorin, Heidi Stetter, bemühte ich mich um eine konsequent richtige Schreibweise des bairischen Dialekts. Diphthonge und Apostrophierung sind klar eine Herausforderung. Aber man lernt es schnell zu schreiben und zu lesen. Verhochdeutscht sind bairische Dialoge so was von peinlich, dämlich und daneben. Dialekt ist die direkte Verbindung von Herz, Himmel und Erde, und Romanfiguren fangen erst damit an zu leben, wenn sie gscheid reden und denken.

Hochwasser – bayerischer Kriminalroman der anderen Art. Aus einem Attentatsvorhaben eines 19-jährigen Schreiners und eines Polizeikommissars auf Franz-Josef Strauß wird komödiantisch seine dilettantische Entführung. Daneben gibt es den obligatorischen Banküberfall auf eine Hypo. Ganz normal provozieren/fabrizieren die Figuren etwas Unberechenbares, um irgendwas Lustiges oder Spannendes zu erleben.

Seeseiten, Winter 2018.