Er ist gerade mal 27 – und wenn von ihm die Rede ist, dann überschlagen sich die Kritiker ebenso wie das Publikum begeistert ist. Der Platz reicht hier nicht, um all die Hymnen auf ihn unterzubringen. Belassen wir es also bei der kürzesten, treffendsten und dennoch beinahe schon wieder untertreibenden Feststellung: „Ein Ausnahmetalent“. Das liest man fast überall da, wenn es um Emmanuel Tjeknavorian geht. Ein Seeseiten-Gespräch über den Unterschied zwischen Zufriedenheit und Glück und darüber, warum man es ohne obsessive Züge vermutlich nie an der Spitze schafft.

Interview: Christian Jakubetz

Emmanuel Tjeknavorian Violinist

Virtuos auf der Violine, in Zukunft aber eher mit dem Taktstock des Dirigenten zu sehen: Emmanuel Tjeknavorian.
Foto: Lukas Beck

Hallo, wie geht es Ihnen: ein simpler Satz zur Begrüßung, aus dem man zweierlei heraushört. Erstens: Emmanuel Tjeknavorian ist ein ausgesprochen freundlicher und vollständig allürenbefreiter Mensch. Er hat zweitens diesen unverkennbaren Dialekt, der ihn sofort als Wiener ausweist. Und man ahnt: Das wird ein interessantes Gespräch, bei dem man viel über Musik und Menschen lernt.

Herr Tjeknavorian, sorry, dass ich das Gespräch mit einer ganz banalen Frage beginnen muss …
(lacht) … Sie wollen wissen, wie mein Nachname ausgesprochen wird?

Nein, viel simpler: Sie sind als Violinist unterwegs, Sie arbeiten zunehmend mehr als Dirigent, Sie nehmen Alben auf, spielen Konzerte, Sie moderieren in Österreich eine eigene Radio-Sendung. Sagen Sie, wann machen Sie das alles? Auch Ihr Tag kann doch nur 24 Stunden haben.
Ich habe den ganz großen Vorteil, dass ich ja sonst nichts mache …

Verzeihen Sie, jetzt muss ich lachen. Das ist wirklich die lustigste Antwort, die ich von einem vielbeschäftigten Menschen jemals gehört habe.
(erneutes Lachen) Naja, was ich damit meine: Ich habe noch keine eigene Familie. Ich muss keinen Haushalt führen. Ich habe das Privileg, ein Management zu haben. Und ich habe ein Sekretariat. Das ist der größte Luxus, den man als Musiker haben kann. Ich kann mich also ausschließlich der Musik widmen. Das heißt, ich darf mich morgens sieben Uhr nach dem Aufwachen mit der Frage beschäftigen: Welches Tempo wollte Beethoven in seiner Symphonie haben?

Aber das ist ja kein Geburtsrecht gewesen, oder?
Nein, natürlich nicht, ich musste mir das hart erarbeiten. Wenn man allerdings mal acht Stunden wegrechnet, in denen man versucht zu schlafen, dann bleibt an einem normalen Tag genug Zeit, um das unterzubringen, was ich schaffen möchte. Aber Sie haben natürlich recht: Wenn ich neben meiner Musik noch „weltliche“ Dinge machen müsste, dann, um es auf österreichisch zu sagen, würde sich das nicht ausgehen.

Emmanuel Tjeknavorian Violinist und Dirigent

Leidenschaft Dirigieren: „Das war schon immer mein Traum“ sagt Emmanuel Tjeknavorian.
Foto: Oliver Borcher

Bei Ihnen kommt allerdings auch noch etwas anderes dazu. Sie denken ja nicht nur über musikwissenschaftliche Grundsatzfragen nach und darüber, was Beethoven hätte gemeint haben können. Sondern Sie spielen ja auch noch auf allerhöchstem Niveau Geige. Auf dem Level wird es vermutlich kaum reichen, wenn man einmal am Tag für eine Stunde die Violine rausholt und sich ein bisschen warmspielt.
Nein, natürlich nicht. Im Gegenteil, für meinen aktuellen Tagesablauf würde ich gerne den Begriff absurd verwenden. Ich wache um 7 Uhr auf, um dann zu üben und zu studieren. Und dann lege ich die Geige um 22 Uhr wieder weg. Daneben noch Rumfliegen, Reisen, Hotels, Auftritte. Das ist dann alles nicht so einfach.

Darf man für so ein Leben „normal“ sein und in konventionellen Kategorien denken?
Idealerweise sollte man Musiker dann werden, wenn man ein bisschen verrückt ist. Im positiven Sinne. Bei mir war Musik immer eine Obsession. Das war eine Idealvoraussetzung, um Musiker zu werden – und ist gleichzeitig eine große Herausforderung.

Aber nur mit der von Ihnen beschriebenen Disziplin allein ist es doch auf Ihrem Niveau vermutlich auch noch nicht getan.
Also, ich bin sehr froh, dass mein Vater …

… der Dirigent Loris Tjeknavorian …
… mir schon als Kind nahegelegt hat: Ohne Disziplin wäre es sinnlos, Musik auf diesem Niveau machen zu wollen. Aber wie Sie sagen: Disziplin ist nicht genug.

Was ist es dann? Auch über Grenzen deutlich hinausgehen?
Ich sage Ihnen ein Beispiel: Es kommt bei meinen Kollegen und mir immer wieder mal vor, dass wir an einer Passage, die im Konzert nicht mal eine Sekunde dauert, zwölf Stunden arbeiten und üben. Das muss man sich vorstellen: zwölf Stunden für eine einzige Sekunde. Aber wenn diese eine Passage dann wirklich gelingt im Konzert, ist das so ein Glücksgefühl, von dem man lebt. Schwer zu beschreiben, ich weiß.

Ist das der eine Moment, in dem alles zusammenkommt, Glück und Zufriedenheit?
Das sollte man unterscheiden. Glücklich darf man sein, sollte man sogar nach einem gelungenen Auftritt sein. Zufrieden nicht, man kann immer etwas besser machen.

Wann haben Sie diese obsessive Ader für sich entdeckt?
Schon als Kind. Es gibt Videos von mir, wie ich als Dreijähriger tobe und mich ekstatisch bewege zu Beethovens Musik. Ich bin beispielsweise jetzt gerade bei engen Freunden im Waldviertel in Österreich und wollte nach den wahnsinnigen letzten Wochen ein paar Tage mal gar nichts machen. Und dann nehme ich doch die Geige wieder raus, weil ich ja auch ein Pflichtbewusstsein habe und mir denke: Du hast ein paar Konzerte nächste Woche, die musst du gut absolvieren. Dann übe ich ein bisschen und während dieses Prozesses komme ich in einen Flow, spiele länger als ich wollte und dann ist alles wieder gut. Trotzdem, mein mittelfristiges Ziel für die kommenden Jahre ist, dass ich immer wieder mal ein paar Wochen ganz ohne Musik habe.

Momentan stecken Sie eher in einer Doppelbelastung. Sie treten nicht nur als Violinist auf, sondern dirigieren zunehmend. Frage eins: Haben Sie nicht die Befürchtung, in Ihrer „Kerndisziplin“ schwächer zu werden oder zumindest zu stagnieren, wenn Sie sich auf zwei statt einer Sache konzentrieren? Und Zusatzfrage: Wieso überhaupt dirigieren, verträgt sich das miteinander? Das ist doch etwas gänzlich anderes, als ein Instrument zu spielen.

Ich habe als Kind nichts anderes gekannt als zu dirigieren, das war für mich immer das Selbstverständlichste auf der Welt. Es war schon immer mein Traum, Dirigent zu werden. Aber man wird ja nicht einfach mit sieben oder acht Jahren Dirigent. Man muss, das ist Tradition, ein Instrument lernen. Da habe ich für mich die Geige entdeckt und mich in sie verliebt. Ich bin heute noch verliebt in die Geige. Trotzdem, das Dirigieren war immer die große Leidenschaft. Wenn ich früher nach einem langen Schultag nach Hause gekommen bin, habe ich mich in meinem Zimmer eingesperrt, den Taktstock genommen, damit herumgefuchtelt und mir vorgestellt, wie toll es wäre, jetzt ein Dirigent zu sein.

Tjeknavorian Radiosendung

In seiner Radiosendung spricht Emmanuel Tjeknavorian mit seinen Gästen viel, aber nicht nur über Musik. Hier beispielsweise mit der ehemaligen Microsoft-Chefin und aktuellen E.ON-Geschäftsführerin Dorothee Ritz.
Foto: Ursula Magnes

Die Geige als Pflichtfach also?
Ach nein, das mit der Geige lief gut. Ich will jetzt nicht sagen: „überraschend gut“. Ich hatte gute Lehrer, ich habe viel geübt, die Geige war immer mein Lieblingsinstrument und ist es immer noch. Aber es war nicht mein Plan, eine Karriere als Solist zu machen. Tatsächlich hatte ich mit 18 oder 19 Jahren schon für ein paar Monate aufgehört mit der Geige. Nur weil mein Lehrer das nicht so einfach akzeptieren wollte, habe ich dann in Finnland am Sibelius-Wettbewerb teilgenommen. Und da war ich auch völlig entspannt, ich hatte ja nichts zu verlieren, weil ich Dirigent werden wollte. Tja, und dann bin ich quasi am nächsten Tag aufgewacht und hatte einen vollen Terminkalender als Geiger. (Der Sibelius-Wettbewerb in Helsinki gilt als einer der renommiertesten Wettbewerbe weltweit und wird nur alle fünf Jahre ausgetragen. Emmanuel Tjeknavorian belegte dort 2015 den 2. Platz; d. Red.)

Auch nicht schlecht, oder?
Natürlich war das großartig. Irgendwann kam dann auch der Moment, an dem ich die Technik hatte, um auf der Geige Gefühle auszudrücken. Das ist schon sehr besonders. Also habe ich das erstmal hingenommen und habe weiter auf der Geige gespielt. Aber irgendwann war der Ruf in meinem Innersten so laut: Ich will dirigieren! Das konnte ich nicht mehr ignorieren. Und wie das im Leben so ist: Es öffnen sich neue Türen und plötzlich habe ich wieder angefangen zu dirigieren. Aber so ein Doppelleben ist schwierig und auf Dauer nicht machbar. Deswegen habe ich dann die Zeit des ersten Corona-Lockdowns dazu genutzt, um eine Antwort auf die Frage zu finden, was ich wirklich will.

Auf die Antwort bin ich gespannt!
Da gibt es zwei Antworten. Langfristig möchte ich einfach als Musiker, als Künstler gesehen werden. Kurzfristig wird mein Fokus erstmal auf meiner Arbeit als Dirigent liegen. Deswegen werde ich ab der neuen Spielzeit im September hauptsächlich als Dirigent auftreten.

Ihr Auftritt beim Internationalen Musikfest am Tegernsee wird demnach zu den letzten gehören, bei dem man Sie noch an der Geige sieht.
So dramatisch würde ich das nicht formulieren. Aber ja, mehr oder weniger schon.

Klassische Musik gilt als ein schweres Fach. Sie machen ja auch eine Radiosendung , den „Klassik-Tjek“ im Klassikradio Stephansdom in Wien. Was ist die Idee dahinter? Klassische Musik erklären?
Nein, ich sehe mich nicht als theoretischen Musikvermitler. Ich lade mir gerne spannende Gäste ein, spreche mit ihnen über Musik, auch über das, was sie selbst gerne hören. Ich hatte auch schon mal Dorothee Ritz, die langjährige Microsoft-Chefin in Österreich, als Gast. Sie habe ich gefragt, ob sie Tipps für weibliche Dirigentinnen hat. Und dann hat sie erzählt, dass Authentizität eine enorm wichtige Rolle spielt; das war wirklich beeindruckend.

Apropos: Trügt der Eindruck oder gibt es immer noch sehr we- nige weibliche Dirigentinnen? Und falls ja, warum ist das so?
Es gibt Gott sei Dank immer mehr Dirigentinnen, großartige Kolleginnen! Aber es stimmt, das ist immer noch sehr männerdominiert. Das ist vermutlich eine Art Tradition. Ich liebe ja an sich das Wort Tradition, aber das ist eine eher ungute.

Wir haben mit einer banalen Frage begonnen, ich würde gerne mit einer banalen Frage aufhören: Man stellt sich klassische Musiker ja immer sehr ernst vor und man denkt vermutlich auch, dass Sie nichts anderes hören als Klassik. Was ist an dem Tag, an dem Sie mal keine Lust auf Klassik haben? Kramen Sie dann eine Stones-Scheibe hervor und lassen es ordentlich scheppern?
Also, erstens gibt es keinen Tag, an dem ich keine Lust auf Klassik habe, das ist ja das Erschreckende (lacht). Ich habe mal versucht, mir selbst eine Klassik-Pause zu verordnen, das ging nicht. Aber ich habe Gott sei Dank auch Freunde, die keine Musiker sind. Und wenn ich dann bei denen zuhause bin und die eine Stones-Platte haben, die höre ich mir sehr gerne an. Das fasziniert mich und das gefällt mir.

33. Internationales Musikfest am Tegernsee

Sonntag, 24. Juli 2022, 18.00 Uhr
Seeforum, Rottach-Egern
Emmanuel Tjeknavorian (Violine) gemeinsam mit Benjamin Schmid (Violine), Benedict Mitterbauer (Viola), Matthias Bartolomey (Violoncello)

Wolfgang Amadeus Mozart: Streichquartett KV 575a
Georg Breinschmid: Vier Stücke für Streichquartett
Fritz Kreisler: Streichquartet

Emmanuel Tjeknavorian

Als Geiger ist Tjeknavorian international gefeiert. Aktuell ist er u.a. Preisträger in Residence der Festspiele Mecklenburg- Vorpommern.
Foto: Lukas Beck