Sie ist: Kabarettistin, Schauspielerin und Bayerin aus Leidenschaft. Und damit dennoch nur unzulänglich beschrieben. Man muss sich deshalb mit Christine Eixenberger schon sehr intensiv unterhalten, um die ganze Person zu erfassen. Über eine Frau, die sogar Feuerwehrfeste und Niederbayern im Griff hat.

Interview: Christian Jakubetz

Christine Eixenberger am tegernsee

„Während der Pandemie habe ich gemerkt: Du brauchst ein Publikum.“
Foto: Matthias Robl

Würde man die Person Christine Eixenberger mit den Worten eines Grundschullehrers beschreiben wollen, es würde sich vermutlich so lesen: Christine ist lebhaft und aufmerksam und vielseitig interessiert. Sie hat große Freude am mündlichen Ausdruck und ist stets freundlich und engagiert. Wäre das Leben halbwegs konventionell gelaufen, dann wäre Christine Eixenberger jetzt eine, die für Erst- bis Viertklässler „die Frau Eixenberger“ wäre. Weil sie im Besitz eines Staatsexamens ist, das sie zum Lehramt Grundschule befähigt (dazu später dann noch mehr).

Man müsste also der Kabarettistin und Schauspielerin mindestens noch bescheinigen, unkonventionell und zielstrebig zu sein, aber sowas steht ja eher selten in Grundschulzeugnissen. Und weil das so ist, ist dieses Interview entgegen sonstigen Gepflogenheiten im „Du“ geführt. Frau Eixenberger, das hätte vielleicht doch zu arg nach Grundschule geklungen.

Lass uns doch mal bitte gleich zu Anfang klären: Mit wem rede ich jetzt eigentlich? Mit der Kabarettistin, die schon auch mal ordentlich hinlangt? Oder mit der Hauptdarstellerin einer manchmal etwas gefühligen ZDF-Herzkino-Serie?
Das sind zwei Seiten von mir, bei denen ich froh bin, dass ich sie beide ausleben darf. Als Schauspielerin bekomme ich einen Text, der oft wenig Spielraum lässt, was die Formulierung angeht. Das Spiel ist eher leise, reduziert, weil man schon mit einem Wimpernzucken viel audrücken kann. Und die Zuschauer*innen reagieren auf deine Performance erst zur Ausstrahlung ein Jahr später. Als Kabarettistin ist das anders. Wenn ich nicht auf der Bühne stehen dürfte, mit all den verschiedenen Figuren im Programm, die manchmal leise, aber oft auch überspitzt sind, laut, „krachert“ und kein Blatt vor den Mund nehmen, dann wüsste ich nicht, wohin mit der ganzen Energie. Und ich bekomme sofort eine Reaktion des Publikums. Die ist je nach Region unterschiedlich. Ich habe vor Kurzem in Südtirol gespielt – das ist eine ganz andere Humormentalität als das, was ich in Bayern erlebe.

Was, bitte, ist denn eine „Humormentalität“?
Beispielsweise, welchen Bezug ich zu Humor habe. Wie ich Humor auslege. Oder auch, wie lange ich brauche, um eine Pointe an mich ranzulassen.

Und abhängig wovon? Von den Orten, an denen du gerade auftrittst?
Ja, schon. Es gibt Regionen, bei denen ich merke: Die stehen jetzt mehr so auf „Pipi-Kacka-Witze“ (lacht). Oder sagen wir mal so: Da kommen die etwas leichteren Pointen an. Und dann gibt es aber auch Gegenden, in denen ich merke, die wollen tiefer einsteigen, die mögen eher die Sachen, bei denen sie auch mal um die Ecke denken müssen. Beides hat seine Berechtigung und bestenfalls kommt in einem Publikum beides zusammen. Sogar da, wo man es eher nicht erwartet. Ich hatte zum Beispiel mal einen Auftritt bei einem Feuerwehr-Gründungsfest …

Oha, eine echte Herausforderung …
Ja, da dachte ich am Anfang auch (verfällt kurz in breites Oberbayerisch): Oida, des werd zach! Und dann war das ein Publikum, so ungefähr 350 Leute, die derart krass aufmerksam und wertschätzend waren, wie ich das selten bei einem Kabarettpublikum erlebt habe. Oder Niederbayern …

Vorsicht jetzt, du sprichst mit einem gebürtigen Niederbayern!
… ja, da hast du wirklich manchmal zweimal 50 Minuten – und es herrscht absolute Stille. Kein Muckser. Und dann kommen die Leute hinterher zu dir und sagen, also gell, ich habe in meinem Leben noch nie so einen Spaß gehabt, ich habe so viel gelacht.

Christine Eixenberger am tegernsee

Christine Eixenberger auf der Bühne – das heißt immer auch: voller Einsatz von Mimik und Gestik und allem anderen.
Foto: Hans Grünthaler

Immerhin hast du in Niederbayern, in Passau Jura studiert. Du als Jurastudentin, ernsthaft?
Ach, das war alles einigermaßen verschlungen, bis ich bei dem gelandet bin, was ich heute mache. Ursprünglich wollte ich mal Goldschmiedin werden. Aber da war schnell klar, wenn du deinen Lebensunterhalt damit bestreiten willst, dann mach lieber etwas anderes. Dann habe ich bei meiner Firmpatin eine Ausbildung gemacht. Die ist Anwältin und hat schon früher immer gesagt: Du übernimmst später mal meine Kanzlei. Ich wollte einfach sicher sein, dass Jura für mich passt.

Und dann?
Haben sich alle Vorurteile bestätigt, die ich hatte. Extrem trocken, sehr langwierig. Und ich musste ja nebenher noch arbeiten, um mein Studium finanzieren zu können. Wenn du eh nicht ganz überzeugt bist und dich zudem nicht zu 150 Prozent auf so ein Studium konzentrieren kannst …

… dann wird es schwer, ja.
Und dann waren die Leute in meinem Studium halt leider oft genau so, wie es das Klischee beschreibt: Mädels im Kostümchen und mit Perlenohrringen und ihre männlichen Pendants in der Steppjacke und mit Gelfrisur. Bei der Vorstellung, in dieser Gesellschaft fünf Jahre trockenen Stoff zu machen, dacht ich mir irgendwann: äh, nein.

Aber wie landet man denn von einem Jurastudium auf der Kabarett-Bühne?
Tobias Öller, mein langjähriger, guter Freund und heute noch Co-Autor, hat mich angerufen und gemeint, er hätte aktuell keine Lust, allein aufzutreten. Und ob ich nicht Lust hätte, mit ihm gemeinsam was zu machen. Ich habe dann das Studium abgebrochen und mit ihm so 30 Auftritte im Jahr gespielt. Aber da wusste ich nicht, ob ich das auf Dauer will – der Gedanke, auf einer Bühne zu stehen, der hat mich eigentlich immer eher abgeschreckt.

Nach dem Studium bist du bei einem Praktikum an der Grundschule in Gmund gelandet. Nimm es mir nicht übel, aber du als Grundschullehrerin, da fehlt auch mir etwas die Fantasie …
Das hat aber auch etwas mit Entertainment zu tun. Die besten Lehrer*innen sind ja die, die den Kindern den Spaß und den Sinn am Lernen vermitteln. Und das wiederum schaffst du am besten, wenn du einen Bezug zu deinem Publikum herstellst. Also, so unlogisch ist das alles gar nicht. Jeder Beruf, in dem ich mal unterwegs war, hatte irgendeinen künstlerischen Aspekt. Aber es stimmt schon, ich wäre damals nie auf die Idee gekommen, das zu machen, was ich heute mache. Weil ich immer ein sehr sicherheitsbedürftiger Mensch war. Ich wollte einen Beruf ausüben, der mir klare, geregelte Abläufe, Struktur und Verlässlichkeit bieten kann.

Ziemlich das Gegenteil von einer Künstlerkarriere, würde ich sagen.
Ich habe immer noch mein Staatsexamen als Lehrerin, ich könnte jederzeit zurückgehen in diesen Beruf. Aber ich hatte das Glück, dass sich neben dem Kabarett auch noch das zweite Standbein als Schauspielerin ergeben hat. Das hat mir gerade während der beiden Pandemiejahre sehr geholfen, weil ich ja weiter drehen durfte. Jetzt bin ich so happy, wie ich es nie war. Ich habe zwar zwei sehr unsichere Berufe, in beiden weiß man nie, wie es weitergeht und ob du im nächsten Jahr noch gefragt bist. Aber ich denke mir, eines von den beiden Standbeinen wird schon funktionieren.

Schüchtern dich Bühnen heute immer noch ein?
Der Tobi Öller hat mir schon vor Jahren gesagt: Du kannst das! Auch meine Regisseurin Sabine Schreiber meinte: Freilich konnst du des! Aber ich fand dieses Ausgestellt-Sein auf einer Bühne lange Zeit gruselig. Das Beobachtet-Werden, der Druck, der von unten kommt: Du musst jetzt etwas leisten! Komm schon, Pausenclown, bespaß mich! Bis ich irgendwann verstanden habe, dass es gar nicht um eine Bewertung geht, sondern um Zusammenarbeit. Nur so funktioniert das. Es ist ein Pingpong-Spiel und jeder Abend ist anders. Das habe ich während der Pandemie gemerkt: Du brauchst ein Publikum. Bei Streaming-Auftritten fliegen dir vielleicht virtuelle Herzerl zu, bei Live-Auftritten echte Herzen. Und manchmal Unterhosen. DAS ist doch was! Darum bin ich froh, dass ich mein Publikum wiederhabe. Ich hatte zwischendrin ernsthaft darüber nachgedacht, die Sache mit den Bühnenauftritten sein zu lassen. Ich war wieder so weit, mir zu überlegen, ob ich das für mich brauche, dieses Ausgestellt-Sein …

Christine Eixenberger

„Ich wollte mich nie verbiegen“: Ein bisschen von Christine Eixenberger steckt in allen Rollen, die sie spielt.”
Foto: Lou van Door

Aber du hast doch ziemlich offensichtlich so eine Art „Rampensau-Gen“ …
Ja, anscheinend. Als ich das erste Mal wieder auf der Bühne gestanden bin, so richtig mit Publikum, da dachte ich mir: So muss sich ein Junkie fühlen, wenn er einen Schuss bekommt. Und den Leuten hast du auch angemerkt, wie ausgehungert die waren. Auf der anderen Seite war ich mir unsicher: Ist das jetzt wirklich gut oder beklatschen die einfach alles, weil sie froh sind, dass überhaupt eine Veranstaltung stattfindet? Ist das einfach nur Dankbarkeit? Wobei es mir dann auch Wurscht war … man nimmt, was man kriegen kann (lacht).

Live-Bühne und TV, das sind ja doch zwei sehr unterschiedliche Herangehensweisen. Bei Drehs fürs Fernsehen ist nichts spontan und das alles dauert sehr lange. Gefällt dir das trotzdem?
Ganz so ist das heute nicht mehr. Die Zeit, Szenen etliche Male zu wiederholen, die gibt es nicht mehr. Klar, warten musst du immer, bis du mit deiner Szene dran bist, aber wenn es so weit ist, musst du auch wirklich liefern. Und Routinen, Wiederholungen, die habe ich ja während einer Kabarett-Tour schon auch. Die Abläufe sind an Auftrittstagen ja doch immer ziemlich gleich. Da musst du schon aufpassen, nicht in einen Autopilot-Modus zu kommen. Es hat alles sein Für und Wider, von dem her bin ich froh, beides machen zu können, Schauspiel und Kabarett.

Noch ein Verdacht meinerseits: Du bist Autodidaktin und magst es, dir die Dinge selbst zu erarbeiten. Du hast nie eine Schauspielschule besucht und „gelernte“ Kabarettistin bist du auch nicht.
Stimmt. Ich wollte mich einfach nicht verbiegen müssen und Figuren spielen, in denen so gar nichts von mir steckt. Und irgendwann habe ich gemerkt: Learning by doing, das ist es für mich! Das dauert vielleicht mal etwas länger, aber dafür passt das jetzt auch.

Eine Frage an die Kabarettistin in dir: Ich habe den Eindruck, dass die Empfindlichkeiten im Publikum größer geworden sind. Du bist ja eine, die gerne mal „hinlangt“. Nimmst du das auch wahr?
Ja, fällt mir schon auch auf. Aber wir leben gerade in Zeiten, in denen es schwer ist, einfach zu sagen: Krieg, Corona und seit Wochen ess‘ ich nur Karotten. Aber heute wird gelacht – basta! Das geht nicht mehr so einfach, wenn du dich so einem Wust von Krisen gegenübersiehst.

Was heißt das für dich? Auftritte mit Trauerflor, eine halbe Stunde ernste Einführung und ja keinerlei Bezug zur Ukraine?
Doch, ich thematisiere das auf der Bühne. Und ich versuche, Zeichen zu setzen – mein Bühnenbild ist beispielsweise in den Farben der Ukraine gehalten. Putin bekommt in meiner Show sein Fett weg, aber ich würde dieses Fass im Großen nicht aufmachen wollen – das überlasse ich den Kolleg*innen aus dem politischen Ressort, die sich da – auch historisch – besser auskennen. Ich kann eher aufzeigen, was das alles mit uns als Menschen macht.

Apropos Fass aufmachen, ich mache noch schnell eins auf: Du musst irgendwas zum Tegernsee sagen, wenn du an deinem Geburtsort auftrittst …
(lacht) Auftritte in der Heimat sind schon was Besonderes und eine Herausforderung. Schon allein, weil da Leute im Publikum sitzen, die du auch privat kennst. Die Tante, der Taufpate, die Nachbarin von früher, die dann sagt: Mei, die Christine, mia kennan uns ja scho ewig und san bis heid in Kontakt … und du denkst dir: ah, gäh?

Und deine Lehrerin von früher, die schon immer gewusst hat, dass aus dir mal was wird …
Blockflöte! Ich hab‘s ihr beigebracht und deswegen ist sie heute da, wo sie ist … aber im Ernst, ich freu mich sehr, wenn ich daheim auftreten darf. Dahoam is‘ doch am scheensten.

Christine Eixenberger, „Einbildungsfreiheit“
Do., 13. Oktober, 20.00 Uhr
Ludwig-Thoma-Saal
Rosenstr. 5, Tegernsee

„Jetzt bin ich so happy, wie ich es nie war.”
Foto: Hans Grünthaler