Der mehrfach prämierte Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Gerd Holzheimer begibt sich in seinem neuen Buch auf die Spuren eines Norwegers am Tegernsee: Olaf Gulbransson. Dabei kam er dem Künstler und Karikaturisten bei bewegenden Recherchen rund um den See sehr nah. Und lernte über sich selbst gleich noch eine Menge.

Text und Fotos: Ute Watzl

Gerd Holzheimer Olaf Gulbransson

Gerd Holzheimer neben der Büste Olaf Gulbranssons im gleichnamigen Museum.
Foto: Ute Watzl

Wer Gerd Holzheimer gegenübersitzt, könnte meinen, Olaf Gulbransson, den berühmten Zeichner höchstpersönlich vor sich zu haben – oder mindestens einen seiner Nachfahren. Deswegen sorgt auch der Blick auf Holzheimers neu erschienene Biografie über den „bayerischen Norweger“, der Anfang des 20. Jahrhunderts als Karikaturist der Satire-Zeitschrift „Simplicissimus“ berühmt wurde, für kurze Verwirrung: Vom Cover blickt Gulbransson – glatzköpfig, verschmitztes Lachen –, Biograf Holzheimer schaut ganz ähnlich aus dem Autorenfoto auf dem Umschlag.

Gerd Holzheimer ist Experte für bayerische Literatur und selbst bayerischer Schriftsteller. Markenzeichen: Nickelbrille und orientalische Kappe. Für dieses Buch ist er die vergangenen zwei Jahre tief ins Leben Gulbranssons eingetaucht. Hat riesige Konvolute an Briefwechseln gelesen und Archive durchforstet, und ist den Spuren des Norwegers entlang des Tegernsees gefolgt – bis hin zum Schererhof, wo Gulbransson 1958 starb, und wo noch heute Jorun Hars-Gulbransson, die Enkelin, lebt. Ja, er hatte sogar das unverschämte Glück, auf deren Einladung den Schererhof immer wieder besuchen zu dürfen.

Auf Gulbranssons Spuren am Schererhof

Was für eine seltene Gelegenheit für den Biografen, die Tegernseer Jahre Gulbranssons auf diese Weise nachempfinden zu können: Wie dieser (am liebsten fast nackt) vor seinem Hof stehend über den See schaut; mit seinen Augen den Blick auf den Hirschberg einfangen, den Gulbransson auf so vielen Aquarellen festgehalten hat; sogar in seinem Pool schwimmen zu dürfen! Zwischen dem Autor und Gulbranssons Enkelin entstand über die Monate eine enge Freundschaft. Die Brille Holzheimers ist ein Geschenk von ihr. Eine bessere, authentischere Quelle kann sich ein Biograf kaum wünschen.

Biografie Olaf Gulbransson

Ein Blick ins Buch, das wie keine andere Schrift über ihn dem Menschen und Künstler Gulbransson nahekommt.
Foto: Allitera Verlag

Vielleicht war es Holzheimers verblüffende Ähnlichkeit mit ihrem Großvater Olaf, die Joruns Vertrauen weckte? Dass sich beide so ähnlich sehen – reiner Zufall. Aber die Gemeinsamkeiten gehen weit über die beiden Glatzen hinaus. So weit, dass es den Anschein hat, Holzheimer habe in Gulbransson einen Bruder im Geiste gefunden.

Schon als Junge Ort liebte er die Lausbuben-Geschichten von Ludwig Thoma, nicht zuletzt wegen der Illustrationen von Gulbransson. „Dem kloanen Kerl stand immer so ein Haarbüschel weg. Diesen Widerstandsschüppel hatte ich auch“, erzählt Holzheimer. „Ich fühlte mich wie dieser Lausbub, der nur Schmarrn im Kopf hat.“ Damals lebten Holzheimer und seine Familie wie Nomaden. Der Vater war Landvermesser und so zogen sie von Ort zu Ort quer durch Bayern, stiefelten durch die Landschaft und sprachen mit den Einheimischen.

Auf diese Weise entdeckte er auch die alte Sprungschanze, die Olaf Gulbransson während der geselligen Wochenenden bei seinem Freund Ludwig Thoma am Sixthof in Finsterwald an der Hainzenhöhe errichtet hatte. Hier konnte die geladene Gesellschaft aus München lernen, wie so ein Naturbursche aus den norwegischen Wäldern skiläuft und skispringt.

Gulbransson errichtet die erste Sprungschanze Bayerns

Es war eine von vielen denkwürdigen Begegnungen bei seinen Recherchen: Ein Ehepaar beobachtete Holzheimer, wie er suchend durch die Gegend schweifte, und sie fragten ihn: „Suchen Sie etwas?“ Auf die Gefahr hin, für verrückt erklärt zu werden, fragte er vorsichtig: „Sagt Ihnen der Name Gulbransson etwas?“ Die beiden lachten, denn sie kannten dessen Frau Dagny noch persönlich, und zeigten ihm den richtigen Weg zur „S-pring“, wie Gulbransson die Schanze nannte. Am selben Platz an der Hainzenhöhe wurde nach dem Krieg, 1948, eine offizielle Sprungschanze gebaut, an der noch bis 2004 künftige Skisprung-Profis trainierten. Heute steht nur noch das alte Fundament. Der Biograph auf Recherche ist dann dort gleich kräftig ausgerutscht auf den alten, feuchten Holzplanken, die sich unter Moos und Gras verbergen. „Mich hat’s ohne Ski hingehauen, aber der Olaf, der hat auch kaum einen Sprung gestanden.“

Der Olaf. Holzheimer nennt ihn oft so, wenn er von ihm spricht. Als wäre der Künstler ein guter Freund von ihm gewesen. Aber es ist eher so, dass er dem Menschen Gulbransson während der Recherchen sehr nahegekommen ist, sich mitunter in ihm gespiegelt sah. Da ist zum Beispiel die tiefe Liebe zur Natur. Holzheimer liebt das Wandern, seine Dissertation schrieb er über die „Poetik des Gehens“.

Auch Gulbransson hielt es nicht lange im wilden Schwabing des frühen 20. Jahrhunderts aus, diesem Schmelztiegel der Lebensexperimente und Extrovertiertheiten. Ihn zog es dorthin, wo sich Wälder, Berge und Seen zu einem Abbild seiner Heimat verbanden. Hoch überm Tegernsee, am Schererhof, der einst ein Ausflugscafé war, fand er diesen Ort. Wenn er zu den Gindelalmen wanderte, dann fühlte er sich zurückversetzt in die Nordmarka bei Oslo. „Seine Frau Dagny fragte ihn einmal, ob er denn nicht Heimweh nach Norwegen habe“, erzählt Holzheimer. Gulbransson habe geantwortet: “Wieso? Ich hab’s doch hier?” Auch die Mentalität, das wortkarge, zurückgezogene Leben, das lag ihm.

Die optische Ähnlichkeit zwischen Olaf Gulbransson und seinem Biografen Gerd Holzheimer ist verblüffend.
Foto: Ute Watzl

Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wie Holzheimer um das Ansehen Gulbranssons bangt, als er dessen Brief an Nazi-Generalgouverneur Hans Frank liest, den „Schlächter von Polen“, in dem sich Gulbransson bedankt für die Vermittlung eines polnischen Zwangsarbeiters an den Schererhof. Dem Biografen Holzheimer wäre es wohl lieber gewesen, solche Briefe existierten nicht. Es ist nicht einfach, bei so einer Arbeit die Distanz zu wahren. „Je tiefer man gräbt, desto näher fühlt man sich dem Menschen. Aber je besser ich ihn kennengelernt habe, desto mehr wuchs auch meine Überzeugung: Ein Typ wie Olaf kann kein Nazi sein“, so Holzheimer. „Aber ja: Er hat auch nichts gesagt.“

Dieser dunklen Seite in Gulbranssons Leben auf den Grund zu gehen, gab den Anstoß zu dieser Biografie. Immer wieder wurde er in die Nähe der Nazis gerückt, weil er nicht aufbegehrte, sich offenbar arrangierte. Manch einer sieht darin den Opportunisten. Nicht so Holzheimer. Er zitiert aus seinem Buch: „Der für die Zeit des Nationalsozialismus auf ihn gemünzte Begriff des ,stoischen Opportunismus‛, trifft, und wenn ihn noch so viele voneinander abschreiben und wiederholen, nicht zu.“ Viel treffender habe ihn mal einer seiner schüler beschrieben: „Er war ein wunderbarer Egoist, und alle haben diesen Egoisten geliebt. Er war fast tierhaft egoistisch, und das hat man an ihm genossen.“

Freund und Architekt Sep Ruf erbaute das Gulbransson Museum

Diese Ambivalenz – zwischen Genie und Eigensinn – gehört einfach zur Person Gulbransson. Denn andererseits hat den Autor vor allem dies überrascht: „Mit welcher Hingabe und Zartheit dieser urtümliche Koloss Holzscheite zeichnen konnte, nachdem er das Holz persönlich gehackt und gestapelt hatte. Mit wie viel Liebe zum Detail unter dem Stift in seiner kräftigen Hand ein Grashalm Form annahm, oder ein kleiner Vogel“, sagt er.

Gerd Holzheimer steht an der Sprungschanze bei Finsterwald. Hier hatte Gulbransson während seiner Aufenthalte am Sixthof bei Ludwig Thoma seine Liebe zum Tegernseer Tal entdeckt. Holzheimer zeigt hinüber zum Ackerberg, gleich gegenüber der Sprungschanze. Dort erbaute ein gewisser Sep Ruf Jahrzehnte später, nach dem Krieg sich selbst (und dem Kanzler Ludwig Erhard gleich mit) moderne Wohnbungalows in den Wald, mit Blick auf den See.

Wie dieser berühmte Architekt mit seiner Bauweise Licht und Natur von draußen in den Raum holte, das war ganz nach Gulbranssons Geschmack. „Du hast die Sonne eingefangen“, staunte er zu Besuch im Bungalow. Zufall, dass Sep Ruf später der Erbauer des Olaf Gulbransson Museums wurde? Sicher nicht. Aber vielleicht eine dieser Geschichten, auf die Holzheimer bei seinen Recherchen stieß und die ihn staunen ließen: „Das gibt’s doch gar nicht. I glaub, i spinn!“

Im Olaf Gulbransson Museum kann man sich vom Leben und den Arbeiten des Norwegers ein Bild machen. Eine gute Gelegenheit bietet beispielsweise die „Lange Nacht der Kunst“ am 13. und 14. Mai rund um den Tegernsee. Im Museum liegt auch die neue Biografie von Gerd Holzheimer aus.

Zudem organisiert Gerd Holzheimer im Sommer Kulturreisen nach Norwegen. Quer durch Kultur und Geschichte des südlichen Norwegen geht diese Reise, die immer wieder mit dem großen Zeichner Olaf Gulbransson zu tun hat.

Biografie Olaf Gulbransson

Gerd Holzheimer, „Olaf Gulbransson“, Allitera Verlag 2021, 28 Euro
Foto: Allitera Verlag