Das Tegernseer Volkstheater ist inzwischen bereits in der vierten Generation familiengeführt. Andreas Kern ist aktuell der Mastermind hinter und auch auf der Bühne, seine Frau Christina wäre mit „guter Geist“ vermutlich nur sehr unzureichend beschrieben. Im Interview verrät Andreas Kern, warum Theater immer noch ein einzigartiges Erlebnis ist, welche Rollen er noch spielen will, was ihn manchmal am Laientheater stört – und wie die kommende, fünfte Generation des Theaters aussehen soll.

Interview: Christian Jakubetz

Paraderolle: Andreas Kern als Boanlkramer im Brandner Kapspar
Foto: Tegernseer Volkstheater

Herr Kern, im digitalen, multimedialen Zeitalter – was macht aus Ihrer Sicht Theater so besonders?
Theater ist ein absolutes Live-Erlebnis! Als Zuschauer ist man nicht nur live dabei, sondern mittendrin, und jede Vorstellung ist einzigartig und einmalig. Auch durchlebt man alle Emotionen in der Gruppe, wie lachen, weinen, Spannung usw. Das ist viel intensiver als zuhause vor dem Fernseher. Man kann es in diesem Sinne mit Kino vergleichen, jedoch fehlt im Kino die Einmaligkeit einer Theateraufführung. Sie können sich 10 Mal hintereinander das gleiche Stück mit demselben Ensemble ansehen, und jede Aufführung wird anders sein. Es sind eben reale Menschen auf der Bühne und keine Maschinen. Das macht Theater aus!

Sie schreiben und inszenieren ja auch viele Stücke. Was sind Ihre nächsten Ideen?
Wir proben gerade mein neuestes Stück „Countdown in Großhapping“. Wenn dann am Ostersonntag die Uraufführung vorbei ist, beginne ich sofort mit unserem Weihnachts-Musical „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“. Ich schreibe das Libretto und die Musik komponiert Matthias Linke, Mitglied der „Grassauer Bläser“ und Leiter des „Chiemgau-Orchesters“. Ich freue mich sehr auf diese Arbeit, denn wir betreten damit Neuland, ganz nach meinem Motto „Neue Wege sind dazu da, um gegangen zu werden“. Aber ich habe eine Schar guter und vor allem begeisterungsfähiger Darsteller für diese Produktion verpflichtet und so werden wir das Kind schon schaukeln. Was 2019 passiert hängt zum Teil davon ab, wie 2018 läuft. So warten wir die Resonanz des Publikums auf unsere Festspielwoche im August im Ludwig-Thoma-Saal ab. Da verwandeln wir nämlich den Saal in einen Biergarten, schenken Getränke aus und bieten Brotzeiten an. Wenn das gut angenommen wird, wird es das vielleicht in Zukunft öfter geben.

Was wünscht sich das Tegernseer Volkstheater für die nächsten zehn Jahre?
Wir würden uns wünschen, dass sich mehr Einheimische unter unseren Zuschauern befinden. Aktuell sind es nicht mal 7 Prozent.

Woran liegt das?
Ich weiß es nicht wirklich, aber ich vermute mal, es liegt zu einem Großteil an den mittlerweile inflationär vielen Amateurbühnen (1970 gab es 120 Bühnen die im „Verband Bayerischer Amateurtheater“ organisiert waren, jetzt sind es knapp 700). Diese Bühnen spielen meist die gleiche Art Stücke wie wir, und ihre Zuschauer sind grundsätzlich nicht bereit mal in ein anderes Theater zu gehen, ganz nach dem Motto: „Wir müssen unsere eigenen Leute unterstützen!“ Diesen Satz habe ich schon so oft gehört, dass er mir zum Hals raushängt. Ich meine, ich geh doch nicht ins Theater, nur um jemand zu unterstützen. Ich gehe da rein, weil ich Lust drauf hab! Aber kurioserweise schauen sich viele Menschen nur „ihre“ Bühne an. Dabei sind sie auch meist absolut kritiklos, d. h., sie blicken über so manche, ich formuliere es mal vorsichtig, „Unzulänglichkeit“ der Aufführung hinweg, ohne mit der Wimper zu zucken.

Was stört Sie am Amateur-Theater?
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich finde Amateurtheater toll, es ist eine Bereicherung unseres kulturellen Lebens, es gehört zu Bayern wie die Weißwurst und der Föhn, aber es sind eben Amateure, die, ausgestattet mit einer enormen Spielfreude, Theater machen. Woran es oft hapert, sind immer die gleichen Dinge: es fängt an mit dem rein Handwerklichen wie lautes und verständliches Sprechen, Körpersprache, Mimik, Gestik, Anschlüsse, Pointen setzen, Pausen spielen, und und und, bis hin zum Wichtigsten: dem Talent. Ich will hier wirklich das Amateurtheater nicht runtermachen, ich habe schon so viele, sehr gute Amateur-Aufführungen gesehen, aber halt auch unzählig viel schlechte, sogar sehr schlechte. Würde ich dies jedoch ehrlich den Verantwortlichen kundtun, dann würden sie über mich sagen, ich als Profi sei hochnäsig und arrogant. Also bleibe ich bei meiner Standard-Aussage, dass ich nicht zum Kritisieren gekommen bin, sondern um einen vergnüglichen Abend zu habe.

Unkostümiert: Andreas Kern, Regisseur, Vollblut-Schauspieler und Leiter des Tegernseer Volkstheaters
Foto: privat

Vergleicht ernsthaft jemand die Arbeit von Profis und Laien?
Leider setzen diese Bühnen aber ihre vollen Häuser mit der Qualität ihrer Produktionen gleich und reiben uns das immer genüsslich unter die Nase, wenn wir nicht so gut besucht waren. Das ist schade, denn somit hinterfragen sie nie die Qualität, was wir Profis immer machen, das gehört zum Job. Ich weiß wovon ich rede, denn ich gebe seit Jahren Theater-Workshops, und immer wieder sind die Teilnehmer bass erstaunt, wenn ich davon rede, dass wir im Schnitt 23 Proben für ein Stück ansetzen! Eine Bühne teilte mir mit, dass sie nur 7 bis 8 Proben haben! Naja, sie brauchen auch wahrscheinlich nicht mehr, da sie ja immer volles Haus haben. (lacht verschmitzt…) Ich würde mir wünschen, dass mehr Einheimische neugierig auf unsere Stücke werden, schließlich behandeln wir oft zeitgenössische und kommunale Themen. Auch soll man uns bitte nicht als Konkurrenz betrachten! Wir gönnen jedem seinen Erfolg, ehrlich. Auch steht auf unserem Wunschzettel, dass sich Nachwuchsschauspieler aus dem Tal bei uns melden und bei uns spielen wollen. Im bayerischen Profitheaterbereich hakt es an gutem Nachwuchs, und der ist die Zukunft des Theaters.

Und wie schaut es mit der eigenen Zukunft aus?
Um die Zukunft des Tegernseer Volkstheaters mache ich mir keine Sorgen. Meine elfjährige Tochter Fanny hat letztes Jahr zu mir gesagt, „Papa, wenn du das Theater nicht mehr weitermachst, dann mach ich es“. (lacht) Sie liebt das Theater und so ist es nur folgerichtig, dass sie heuer im Weihnachtsstück die Titelrolle übernimmt. Sie wird das Theater sicher in fünfter Generation weiterführen.

Das Gespräch mit Andreas Kern führten wir anlässlich des hunderzwanzigsten Geburtstags des Tegernseer Volkstheaters im Februar 2018.

Seeseiten, Frühling 2018.