Am Fuß des Wallbergs liegt der Rottacher Ortsteil Wolfsgrub, die Wolfsgrubstraße stößtan die Ellmauer Straße. Ihren Namen haben beide von einer abenteuerlichen Begebenheit: Dort soll einmal ein Schneider in eine Falle für Raubtiere geraten sein. Nur seine Geige rettete ihn.

Text: Tatjana Kerschbaumer
Illustration: Mariana Godoy

Kirchweih in Rottach-Egern: Ein rauschendes Fest. Die Menschen essen, trinken und tanzen – zur Musik einer kleinen Kapelle, in der auch der Schneider des Orts aufspielt. Der ist ein wahrer Virtuose an der Geige, hat im Lauf des Abends aber doch einige Mühe, den Takt zu halten: Immer wieder stellen ihm gut gelaunte, wohlmeinende Mitbürger ein Bier gegen den Durst hin. Er trinkt, aber eigentlich verträgt er Alkohol nicht gut. Am Ende der Feier kann er sich kaum noch auf den Beinen halten.

Als er sich mit seinem Instrument unter dem Arm auf den Heimweg macht, passiert er ein Stück Wald, in dem es Wildschweine und Wölfe gibt. Bierselig denkt er gar nicht daran – und fürchtet sich auch nicht, als er vom rechten Weg abkommt und querfeldein taumelt.

Plumps! Der Schneider verliert den Boden unter den Füßen, weiß nicht mehr recht, wo oben und unten ist. Immerhin hat er sich nicht verletzt, stellt er fest: Er ist auf etwas Pelzigem gelandet. Glück gehabt!

Der Schneider hat Unglück im Glück

Doch da bewegt sich seine weiche Unterlage, knurrt und schüttelt ihn ab. Innerhalb von Sekunden wird dem Schneider klar: Er ist in eine Falle, eine Wolfsgrube, gestürzt.

Die hatte ihren Zweck bereits vor seinem Absturz erfüllt – und der derzeitige Insasse ist alles andere begeistert über einen Gefährten in seiner Zwangslage. Als der Wolf sich ihm mit hochgezogenen Lefzen und gesträubtem Fell nähert, fällt dem Schneider nur eines ein: Er packt seine Geige und spielt. Und dem Tier gefällt es! Es stimmt sogar in die Musik mit ein und beginnt, zur Musik mitzuheulen.

Museum Wolfsgrub Rottach Egern

Das Pferdemuseum in Wolfsgrub ist einen Besuch wert.
Foto: Thomas Müller

Der Schneider darf aber keine Pause machen. Kaum setzt er den Bogen ein paar Sekunden lang ab, schon kommt ihm der Wolf wieder bedrohlich nahe. Also spielt er alle Lieder, die er kennt, und als ihm keines mehr einfällt, beginnt er von vorn. Zu allem Unglück reißt ihm eine Saite, dann noch eine – und noch eine. Sogar auf der letzten verbliebenen Saite spielt der Schneider weiter, dessen Konzert mittlerweile weitere Zuhörer angezogen hat: Viele Wölfe aus dem Wald haben sich um die Grube geschart, um der Musik zu lauschen und ihrerseits „mitzusingen“.

Und dann hat der Schneider doch noch Glück im Unglück

Schweißgebadet fürchtet sich der Schneider vor seinem Schicksal, sollte auch die letzte Saite reißen. Doch dann – ein Knall. Die Wölfe vom Rand der Grube verschwinden verschreckt im Wald. Und über der Grube zeigt sich ein menschliches Gesicht: Es ist der Jäger, der seinen Pirschgang früher als sonst angetreten hat. Und aus dem schrägen Gefiedel folgerte, dass seine Wolfsgrube noch einen eher unüblichen Insassen haben muss.

Er erlegt den Wolf in der Grube mit einem gezielten Schuss und zieht den erschöpften und wieder völlig nüchternen Schneider nach oben, der sein Glück gar nicht recht fassen kann. Die Lust an der Musik hat er nach diesem Erlebnis aber verloren: Er spielt nie mehr zum Tanz auf, sondern widmet sich ganz seinem Hauptberuf. Die Stelle aber, an der er sein letztes Konzert gab, geht als „Wolfsgrub“ in die Geschichte und Landkarten ein.

Ausflug zur Geschichte

WAS? Ein Museum für Pferde in Wolfsgrub
NAME? Museum im Gsotthaber Hof
ORT? Feldstraße 16, 83700 Rottach-Egern (Ortsteil Wolfsgrub)

ÖFFNUNGSZEITEN: Donnerstag bis Sonntag, jeweils von 14 bis 17 Uhr

INHALT: Um Wölfe geht’s im Museum zwar nicht – dafür kommen Pferdeliebhaber auf ihre Kosten. Die Ausstellung zeigt u.a. traditionelle Kutschen und Wagen aller Art, Exponate des bäuerlichen Lebens und erinnert an beinahe ausgestorbene Berufe wie Fuhrmann, Sattler und Wagner. Im Café nebenan gibt’s freitags Schmalzgebackenes, anschließend bietet sich ein kleiner Spaziergang durch Wolfsgrub an.