Auf den Rechelkopf zwischen dem Tegernsee und Bad Tölz kann man wandern, man kann um ihn herum radeln und ihn mit Tourenski besteigen – oder aber man geht dorthin, um junge Kunst zu sehen. Einmal im Jahr ist das möglich, während der AlmResidency.

Text: Ute Watzl

Almresidency beim Tegernsee

Performance-Künstlerinnen tanzen um die Installation von Herta Seibt.
Foto: Magdalena Jooss

Was passiert, wenn sich ein Forstwirt am Tegernsee für junge Kunst begeistert und seinen Wald einmal mit anderen Augen sehen möchte? Mit Augen, die gern über den Tellerrand schauen und schon von Berufs wegen ungewöhnliche Perspektiven suchen? Er lädt ausgewählte Künstlerinnen und Künstler in den Wald ein, gibt ihnen Unterkunft in zwei gut erhaltenen Berghütten, die sich dort befinden, und lässt sie dort zehn Tage in Ruhe an ortsbezogenen Projekten arbeiten. In aller Einfachheit, inmitten der Natur, fernab des Alltags und ihres gewohnten Umfelds.

Jahr für Jahr passiert das nun am Fuß des Rechelkopfes (1330 m), seit 2016 schon, und kaum jemand kennt sie, die AlmResidency.

Jedes Jahr im September beziehen fünf Kunstschaffende die über hundert Jahre alte Ochsenhütte tief im Wald und das Jagaheisl einige hundert Meter weiter oben unterm Gipfel. Beide gehören Leo Bendel, wie auch der Wald in diesem ruhigen Gebiet oberhalb Mariensteins bei Waakirchen.

Die Natur beherrscht das Geschehen, scheinbar endlos läuft der Wanderer hinein ins dichte Grün, begleitet vom Rauschen des Bachs und der Blätter und nur hin und wieder überholt von einem Mountainbiker. Die Welt da draußen mit ihrem Straßenlärm, ihrer Hektik und Geschäftigkeit hat man hier weit hinter sich gelassen.

„Ich möchte Künstler in den Dialog mit dieser Landschaft treten lassen, die mich selbst immer wieder aufs Neue bewegt“, sagt Bendel. Jedes Mal erlebe er eine kleine Wesensveränderung, wenn er hier eintauche. Aber Bendel hat eben nicht nur Freude an seinem Wald, sondern auch daran, mit kreativen Menschen in Austausch zu treten, sie mit Dingen zu konfrontieren und ihre Sichtweise darauf kennenzulernen.

Magdalena Jooss und Janina Totzauer Almresidency

Janina Totzauer und Magdalena Jooss organisieren die AlmResidency.
Foto: Franziska Schrödinger

Und so treffen Wanderer auf dem Weg zum Rechelkopf vielleicht auf Künstler, die an Skulpturen, Installationen und Medienprojekten arbeiten, Videos drehen, fotografieren, zeichnen oder musizieren.

So wie vor sieben Jahren Janina Totzauer und Magdalena Jooss. Die eine setzte sich filmisch mit mittelalterlichen Ritualen in Bayern auseinander, die andere entfremdete zusammen mit der Fotografin Petra Höglmeier Fotos und zog eines davon auf eine große Lkw-Plane auf. Die hängt noch heute instagram-tauglich wie eine Leinwand zwischen zwei Bäumen und überrascht Wanderer, die von der Sigriz-Alm hinab zur Ochsenhütte den Forstweg abkürzen, mit einem Stück kitschig goldenen Sonnenscheins im Wald. „Selfie-Park“ nennt sich die Arbeit.

Ein kleiner Bruch in der Szenerie, aber dennoch fügt sich das Bild perfekt in sie ein. Janina und Magdalena lernten sich hier in Leos Wald kennen. Eine schicksalhafte Begegnung, denn noch heute teilen sie sich ein Atelier in München und seit 2018 organisieren sie die AlmResidency des Försters, die er zwei Jahre zuvor mit der Münchner Künstlergemeinschaft Kollektiv super+ ins Leben gerufen hatte.

Jahr für Jahr wählen sie gemeinsam mit Gastjuroren fünf Künstler und Künstlerinnen aus den eingesandten Bewerbungen aus. Mit jeder Ausschreibung trudeln mehr davon ein. Zuletzt waren es über 150, und sie kommen inzwischen aus der ganzen Welt.

Jedes Jahr wollen Janina und Magdalena auch einen Gast eines anderen Kontinents in den Hütten einquartieren, weil diese einen ganz anderen Blick auf diese Landschaft haben. Dazu Kunstschaffende aus München, Deutschland und Europa.

Was zählt, ist ein überzeugendes Konzept, das der Künstler vor Ort umsetzen möchte, und ob es zu Umfeld und Umständen passt. „Das Projekt soll ja auch im Wald, in der Einsamkeit und bei Schlechtwetter funktionieren“, sagt Janina. Es ergibt sich von selbst, dass die Arbeiten am Ende viel mit dem Ausgesetztsein in der Natur zu tun haben.

Leo Pendel und Künstlerinnen der Almresidency

Förster und Waldbesitzer Leo Bendel lädt die Künstler zum gemeinsamen Essen und betreut sie vor Ort.
Foto: Magdalena Jooss

Das enge Miteinander mit Unbekannten in der alten Ochsenhütte, die Einsamkeit im Jagaheisl, Holz hacken, Feuer schüren, kein fließendes Warmwasser und im Jagaheisl nur eine Gießkanne als Dusche – auf das alles muss man sich einlassen können.

Haben sich die Kunstschaffenden ein paar Tage eingelebt, dann nimmt Leo sie mit auf eine Waldführung und weist sie ein in seine Arbeit und die Geheim- nisse des Waldes. Auch ein gemeinsames Künstleressen organisiert er. Und manchmal kommt er ganz unvermittelt vorbei – mit einem erschossenen Reh. „Solche Momente treten dann etwas los bei den Künstlern“, sagt er.

Dieses Jahr werden zwei Medienkünstlerinnen aus Belarus und Berlin im Jagaheisl wohnen. Sie arbeiten gemeinsam an virtuellen Welten. Zum ersten Mal wird auch ein Musiker Teil der AlmResidency sein, ein Jazz-Funk-Gitarrist aus Tunesien. Möglicherweise werden also Gitarrenklänge im Wald erklingen und vielleicht ergibt sich eine Kooperation mit einer Medienkünstlerin. „Man weiß nie genau, was da passiert im Wald“, sagt Janina.

Was dann während der zehn Tage geschehen ist, davon können sich Interessierte auf einer eigens dafür organisierten Wanderung am dritten September-Wochenende ein Bild machen. Nach einer gemeinsamen Tour zu den Hütten präsentieren die Kunstschaffenden dort ihre Arbeiten. Dann kommen auch Ein- heimische und Münchner mit ihnen ins Gespräch.

Mehr davon wünscht sich Leo Bendel. Solche Begegnungen wie letztes Jahr, als der koreanische Künstler den Tegernseer Waldarbeiter anlässlich eines koreanischen Feiertags zu einer typischen Festtagssuppe in die Almhütte lud. Oder als die Peruanerin die Bergmesse auf dem Rechelkopf besuchte. „Das sind sehr besondere Momente“, sagt Leo Bendel.

Seine Erwartungen an sein „Experiment“ jedenfalls wurden weit übertroffen. Sein eigener Blick auf seinen Wald hat neue Facetten bekommen – und auch sein Bild von sich selbst als Förster, spätestens seit Sobia Zaidi aus Pakistan nach der Waldführung zu ihm sagte: „Verstehe, du bist so etwas wie der Kurator des Waldes.“

Da sei was dran, sagt Bendel. „Als Förster, der Waldnutzung betreibt, bin ich ja kreativ. Ich gestalte Landschaft, verändere das Bild des Waldes, lasse Dinge bewusst weg, und schaffe Räume für Neues, und das manchmal ziemlich radikal.“

Die AlmResidency 2022 findet vom Fr., 09. bis So., 18. September statt. Am zweiten Wochenende ist wieder eine öffentliche Wanderung von Marienstein zu den Hütten geplant. Der Treffpunkt wird auf der Website bekanntgegeben: www.almresidency.com

Im Frühjahr 2023 findet in München wieder eine Ausstellung mit den weiterentwickelten Projekten der Künstler und Künstlerinnen statt.

Ochsenhütte der Almresidency

Die über 100 Jahre alte Ochsenhütte wird von vier Kunstschaffenden bewohnt.
Foto: Magdalena Jooss