Je mehr Krise, desto mehr Beauty. Klingt ein wenig schräg? Ist aber tatsächlich so. Warum Menschen während der Pandemie mehr Wert auf ihr Äußeres legen, erklärt Experte Dr. Torsten Kantelhardt.

Text: Susanne Mayr

Schönheitschirurgie Tegernsee

“Viele Menschen hatten in der Pandemie mehr Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen.”
Foto: Panthermedia

Haben Sie schon einmal etwas vom Lippenstift-Index gehört? Dieser besagt, dass in Krisenzeiten mehr roter Lippenstift verkauft wird. Forscher haben für dieses Phänomen eine plausible Erklärung: Wenn die Zeiten schon schwierig sind, dann will man sich wenigstens etwas Gutes tun.

So ähnlich ist es jetzt auch in der Coronakrise. Denn ein großer Gewinner dieser Zeit ist die Schönheitsbranche – Beauty-Operationen boomen. Wir sprachen mit Dr. Torsten Kantelhardt, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie, über die Trends, die Gründe und die Chancen der Krise.

Herr Dr. Kantelhardt, was sind aktuell die größten Trends in Sachen Ästhetik?
In der Ästhetik muss man unterscheiden zwischen den sogenannten minimalinvasiven Maßnahmen ohne Operation und den operativen Eingriffen. Bei den minimalinvasiven Maßnahmen verzeichnen wir jährlich zweistellige Zuwachsraten, aber auch die ästhetischen operativen Eingriffe werden immer stärker nachgefragt, wenn auch nicht ganz so stark. Bei den minimalinvasiven Maßnahmen führen nach wie vor die Faltenbehandlungen mit Hyaluronsäure und Botolinumtoxin die Rangliste an, aber auch neuere Methoden, wie Fadenlifting oder Eigenfettunterspritzungen sind stark im Kommen. Bei den sogenannten Schönheitsoperationen sind die aktuellen Top 5 Lidstraffung, Fettabsaugung, Brustvergrößerung, Nasenkorrektur und Facelift.

Haben wir hier im Tegernseer Tal, das ja grundsätzlich als das Tal der Schönen und Reichen gilt, andere Trends?
Da der Bevölkerungsdurchschnitt im Tegernseer Tal eher Ü 50 ist, liegen hier die Trends mehr in den verjüngenden Maßnahmen, wie Faltenbehandlungen, Lidstraffungen und Facelifts. Bei den jüngeren Patienten stehen vorwiegend die körperformenden Eingriffe, also Brustvergrößerungen bzw. -verkleinerungen, Bauchdeckenstraffungen und Fettabsaugung auf der Agenda.

“Bei Videokonferenzen sieht man sich aus einem anderen Blickwinkel.”
Foto: Panthermedia

Und haben die Einschränkungen der Pandemie diese Trends tatsächlich beeinflusst?
Die Pandemie hat nach anfänglicher Vorsicht und Zurückhaltung viele Menschen dazu bewogen, lang gehegte Wünsche bezüglich ihres Aussehens in die Tat umzusetzen. Die Menschen waren viel mehr zu Hause als sonst und hatten dadurch auch mehr Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen …

… und sie wollten sich wahrscheinlich auch etwas gönnen, oder?

Ja, in der Tat, denn wer in der Pandemie normal weiterarbeiten konnte, für den gab es nur wenige Möglichkeiten, sich für diese Arbeit selbst zu belohnen. Urlaube, ein Abendessen mit Freunden, ein kurzes Wellnesswochenende oder ein Shoppingtrip in die Stadt waren auf einmal nicht mehr möglich. Dadurch war auch der finanzielle Spielraum für ästhetische Eingriffe größer als zuvor. Und die Menschen wollten sich ja trotz dieser Einschränkungen etwas gönnen. Viele haben die Zeit auch genutzt, um ihre Wohnungen und Häuser zu renovieren oder neu einzurichten.

Und dabei gleich noch etwas an sich selbst zu verändern?

Ja, denn in diesen „Homing-Trend“ fällt auch die Besinnung auf sich selbst, das eigene Aussehen und den eigenen Körper. Außerdem kam hinzu, dass Kontakte sehr eingeschränkt stattfanden und man so den idealen Zeitpunkt hatte, um einen Eingriff unbemerkt vom persönlichen Umfeld umsetzen zu können. Dazu kam die Maskenpflicht, mit der sich eventuelle Folgen eines Eingriffs gut kaschieren lassen.

Welche Eingriffe erzielen denn eine besonders große Wirkung?

Man kann grob sagen, je invasiver ein Eingriff ist, desto größer und langanhaltender ist seine Wirkung. Eine Creme wirkt nur mehrere Stunden, eine Faltenunterspritzung hält ca. 6 Monate, ein Fadenlifting ca. ein Jahr, eine Lidstraffung oder ein Facelift halten ca. 10 Jahre.

Und was davon wurde in der Pandemie am meisten gemacht?
In der Pandemie wurden vermehrt Faltenbehandlungen, Lidstraffungen, Hals- und Facelifts, Fettabsaugungen und Brustoperationen nachgefragt. Bei Videokonferenzen sieht man sich selbst auf dem Bildschirm aus einem anderen Blickwinkel und intensiver als nur ein paarmal täglich im Spiegel. Die Fältchen wirken dort viel tiefer, ein Doppelkinnansatz wird erstmals in der Handycam von unten sichtbar, die Augen und damit auch die Schlupflider sind über der Maske auf einmal viel augenfälliger als vorher.

Ist die Beautybranche also ein Gewinner der Krise?
Der Trend zu ästhetischen Eingriffen war vor der Pandemie bereits voll im Gang und ist durch die Pandemie und die vielen bereits erwähnten Faktoren noch einmal beschleunigt worden.

Haben sich auch die Erwartungshaltungen der Patienten geändert?
In den letzten Jahren auf jeden Fall: Der Eingriff sollte schnell und möglichst unbemerkt vom Umfeld mit geringen Nebenwirkungen und Ausfallzeiten vonstattengehen. Die modernen Techniken versuchen diese Erwartungen soweit es geht umzusetzen.

Was sind das für moderne Techniken?
Die Materialien und Techniken sowohl im nichtinvasiven Bereich als auch bei den Ästhetik-OPs werden stetig weiterentwickelt und verbessert. Fast wöchentlich schwappen allerdings neue „Trends“ über den Atlantik, meist aus den USA oder Brasilien. Hier sollte man immer erst einmal abwarten, was sich tatsächlich längerfristig durchsetzt und ob es das halten kann, was die Behandler oder Hersteller oft vollmundig versprechen.

Dr. med Torsten Kantelhardt ist Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie sowie Facharzt für Chirurgie, Sportmedizin und Notfallmedizin. Seine Praxisklinik „Plastische Chirurgie am Tegernsee“ finden Sie in der Nördlichen Hauptstr. 17 in Rottach-Egern.

www.plastische-chirurgie-am-tegernsee.de