Walther von der Vogelweide gilt als der bedeutendste deutschsprachige Lyriker des Mittelalters. Er dichtete in mittelhochdeutscher Sprache. Das Zitat stammt aus dem 13. Jahrhundert – und zeigt zweierlei. Erstens: Der Tegernsee war schon damals ein Sehnsuchtsort. Und zweitens: In Sachen Gastfreundschaft hat die Region seitdem erheblich aufgeholt.

Walther von der Vogelweide in einer zeitgenössischen Darstellung

104,23-32. Kloster Tegernsee
Man seit mir ie von Tegersê,
wie wol daz hûs mit êren stê:
dar kêrte ich mêr dan eine mîle von der strâze.
ich bin ein wunderlîcher man,
daz ich mich selben niht enkan
verstân und mich sô vil an frömde liute lâze.
ich schiltes niht, wan got genâde uns beiden.
ich nam dâ wazzer:
alsô nazzer
muost ich von des münches tische scheiden.

Man erzählt mir immer von Tegernsee, wie gastfreundlich das Haus sei – so habe ich mich dahin gewendet, mit einem Umweg von mehr als einer Meile. Ich bin doch ein sonderbarer Mensch, dass ich nicht nach meinem eigenen Urteil gehen kann und mich so sehr auf fremde Leute verlasse. Ich will sie nicht schmähen, aber – Gott sei uns beiden gnädig! Ich bekam dort nur Wasser*, und nass wie ich war, musste ich von dem Tisch des Mönches abziehen.
*Zum Händewaschen vor der Mahlzeit.

Walther von der Vogelweide
Seeseiten, Herbst 2019.