Erfolg auf vielen Ebenen haben, gesund und aktiv leben – und dabei auch noch eine Menge Spaß haben: Was auf den ersten Blick klingt wie ein Werbetext für einen Lifestyle-Ratgeber, hat Thomas Wessinghage sein ganzes Leben geprägt. Bis zum heutigen Tag und ganz ohne Ratgeber. Nicht mal von einem „Erfolgsgeheimnis“ kann man sprechen. Weil der Ex-Weltklasseläufer aus seinen Grundsätzen für ein solches Leben gar kein Geheimnis macht.

Text: Christian Jakubetz

Thomas Wessinghage Medica-Park Tegernsee

Thomas Wessinghage (rechts) hält noch heute den deutschen Laufrekord über 1500 Meter.
Foto: Medical Park

Angenommen, ein Drehbuchautor ginge zum Fernsehen und würde für einen Sonntagabend-Film folgende Geschichte vorschlagen: Junger, ehrgeiziger Abiturient will Arzt werden. Nebenher ist er auch noch ein sehr begabter und begeisterter Sportler. Er kann, will sich nicht entscheiden zwischen diesen beiden Leidenschaften. Deshalb beschließt er: Er macht beides. Tagsüber studiert er Medizin, später hat er einen Job als Assistenzarzt. Morgens und abends trainiert er, Laufen auf der Mittelstrecke.

Beides bringt er unter einen Hut, er wird erfolgreicher Mediziner, später Professor und ärztlicher Direktor. Nebenher gewinnt er Deutsche Meisterschaften in Serie, wird Europameister, Olympiateilnehmer, Weltrekordhalter – und läuft auf einer Distanz eine solche Fabelzeit, dass auch 40 Jahre nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn niemand in Deutschland diese Zeit knacken kann. Seine 3:31,58 min über 1500 Meter sind der älteste gültige Deutsche Rekord in den olympischen Laufdisziplinen.

Auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn ist er einer der populärsten Sportler Deutschlands, regelmäßig in Fernsehshows zu Gast und sein Name der Inbegriff seiner Sportart in Deutschland.

Man ahnt, was der zuständige Redakteur beim Fernsehen sagen würde: Schöne Geschichte, aber das ist selbst für Zuschauer des Sonntagabend-Films eine kleine Nummer zu viel des Guten.

Was man daraus lernen kann: Die großartigsten Geschichten schreibt immer noch das Leben selbst.

Bleiben wir also in diesem echten Leben, im Medical Park Bad Wiessee. Man wird empfangen von (es folgt die offizielle Bezeichnung): Prof. Dr. Thomas Wessinghage. Das Klischee würde besagen, dass er seine Besucher in einem repräsentativen, saalähnlichen Chefarzt-Zimmer mit beeindruckender Bibliothek voll medizinischer Literatur empfangen müsste. Stattdessen wartet Thomas Wessinghage in einem Zimmer, über das sich vermutlich jeder sogenannte CEO eines sogenannten Start-ups in München oder Berlin beklagen würde. Schreibtisch, eine kleine Besucherecke, ein paar Regale mit den dann doch unvermeidlichen medizinischen Fachbüchern. Das war‘s. Noch was gelernt: Womöglich brauchen nur kleine Persönlichkeiten große (Chef-)Zimmer.

Der Ärztliche Direktor der Medical Park Kliniken in Bad Wiessee gehört zu der Kategorie Menschen, die keine Statussymbole benötigen. Weil ihre Vita Statussymbol genug ist. Man könnte jetzt seine ganzen Stationen, Tätigkeiten und Erfolge hier aufschreiben. Man müsste sich aber beeilen, sonst sind am Ende noch ein paar dazugekommen.

Medical-Park Kliniken Tegernsee

Hochwertige Medizin in idyllischer Umgebung: Als Ärztlicher Direktor der Medical-Park-Kliniken im Tegernseer Tal sorgt Thomas Wessinghage dafür, dass Menschen ihre Gesundheit immer im Blick haben – nicht erst dann, wenn es schon weh tut.  

Foto: Medical-Park

Wessinghage bricht mit allen Klischees – und hat vermutlich auch noch Spaß daran
Zu den möglichen Klischees, die man von einem erfolgreichen Leistungssportler und Mediziner im Kopf hat, gehört auch das: ein strenger, disziplinierter Asket mit leichter Neigung zur Freudlosigkeit. Keine Spur davon bei Thomas Wessinghage, der mit erkennbarem Genuss an einer Cola nippt.  An einer „richtigen“ zudem: kein Diet, kein Zero. Als Besucher bei Thomas Wessinghage wäre man sich vermutlich komisch vorgekommen, um eine Cola zu bitten.  

Die Episode mit der Cola bringt Wessinghage zum Lachen: „Das werde ich oft gefragt: Sie trinken Cola? Und ich sage dann immer: Ja, warum nicht?“ Die Erklärung dafür ist simpel: Nach wie vor lebt Wessinghage natürlich gesünder und bewusster als die meisten anderen Menschen, da geht eine Cola schon mal. Zumal er ohne Umschweife zugibt: „Das geht mir leichter runter als andere Sachen.“  

Bevor es zu dem Missverständnis kommt, man könne Leistungssportler und Fast Food-Liebhaber zugleich sein und zudem ein vergleichsweise lockeres Leben führen: Natürlich geht das nicht. Der damalige Assistenzarzt und Leistungssportler Wessinghage brachte es über einen langen Zeitraum fertig, zwei intensive Trainingseinheiten mit einem Elf-Stunden-Tag im Krankenhaus zu kombinieren. Und wer mit 27 ein Medizinstudium abgeschlossen hat und Arzt und Leistungssportler ist, der ist vermutlich ohnehin nicht mit Durchschnitts-Maßstäben zu messen.  

Trotzdem, artet das nicht irgendwann in brutalen Stress aus? Oder hat Wessinghage Eigenschaften, die ansonsten kaum jemand hat? Gebündelt mit einem gewaltigen Maß an Selbstdisziplin? Die Antwort ist verblüffend einfach: Spaß und Begeisterung für die Sache haben es möglich gemacht. „Ich habe mich“, erzählt Wessinghage, „immer auf das gefreut, was gerade vor mir lag: Im OP-Saal auf den nächsten Lauf und beim Training dann wieder auf meine Arbeit als Arzt.“ Das Leben als Abfolge erfreulicher Ereignisse, da fällt vieles leichter.  

Disziplin und Wille

Alles also Kopfsache? Ganz so einfach ist es nicht, Wessinghage ist ja schließlich keiner dieser Motivationsgurus, die behaupten, mit ein bisschen Willen könne jeder alles. Sowohl der Sportler als auch der Mediziner sind immer einem klaren Plan gefolgt. Und ein paar vermeintlich konservative Dinge gehören dazu: Disziplin und der unbedingte Wille, sich anzustrengen. Gerade letzteres scheint inzwischen ja ein bisschen aus der Mode gekommen zu sein.  

Bis Mitte 30 zieht Wessinghage sein Leben so durch. Im ständigen Wechsel zwischen Training und dem weißen Arztkittel. Irgendwann ist aber die Zeit des Leistungssports vorbei. Mitte der 80er Jahre beendet er seine aktive Laufbahn. Ein ruhigeres Leben führt er dennoch nicht. Er macht schnell Karriere als Arzt, arbeitet u.a. im Saarland und in Schleswig-Holstein, bis er 2008 nach Bad Wiessee kommt.

Daneben schreibt er Bücher, arbeitet als Dozent und Vortragsredner und wird Professor und Prorektor an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement in Saarbrücken 

Medical-Park Arzt Thomas Wessinghage

Das inzwischen gar nicht mehr so neue Leben des Ex-Leistungssportlers Wessinghage: Nicht nur Arzt, sondern auch Ratgeber. Als solcher hat er ein eindeutiges Credo: Bewegt euch! Das hilft immer.
Foto: Medical-Park

Ruhestand? Kein Thema!  

Inzwischen wäre Wessinghage im Rentenalter. Vor kurzem ist er 68 geworden, da legen andere Menschen schon lange die Füße hoch. Wessinghage hingegen: Figur wie ein 30-Jähriger, Körperspannung, wie sie vermutlich nur Leistungssportler haben können. Und während sich andere in seinem Alter (und mit dieser Vita) gerne mal in langen und weiligen Erzählungen aus ihrem Leben verlieren, sitzt bei Wessinghage jeder Gedanke, ist er zu jeder Sekunde präsent – und ab und an, wenn er ein wenig ironisch wird, dann blitzen seine stahlblauen Augen auf und man bekommt eine Ahnung, was der Begriff „Schalk“ bedeuten könnte. Lediglich die grauen Haare über diesen markanten blauen Augen und ein paar Falten deuten darauf hin, dass man es, bei allem Respekt, mit einem älteren Herrn zu tun hat.  

Trotzdem schon mal ans Aufhören gedacht? Kurzes Lachen bei Wessinghage, dann: „Warum sollte ich?“ Die Antwort bezieht sich auf beides, auf seine Arbeit und seine sportliche Passion. Noch heute läuft Wessinghage so oft es geht. Sein Haus liegt dafür ideal, nicht weit von seiner Haustür entfernt geht es den Berg hinauf. „Ich schaue, dass ich 400 bis 500 Höhenmeter schaffe, wenn ich laufe“, erzählt er – und vom großen Glück, dabei fast die gesamte Umgebung für sich zu haben. Klar, wer macht das sonst noch?  

Bewegt euch, Leute!  

Natürlich ist es nicht mehr der Ehrgeiz, Titel zu gewinnen oder Rekorde zu brechen, der Wessinghage antreibt. Eher eine nüchterne Form des Pragmatismus. Und seine Erkenntnisse aus der Medizin, die zu seinem Credo geworden sind: Bewegung ist fast alles! Bewegung ist Prävention und kann, wenn man es richtig und vor allem regelmäßig macht, nahezu alles verhindern: von Diabetes bis zum Schlaganfall.  

Das große Thema des Mediziners Wessinghage ist: Bewegung. Zu wenig davon und man wird krank. Zu viel davon – kann es kaum geben. Würden sich Menschen mehr bewegen, sie blieben gesünder. In konkreten Zahlen: Wenn man davon ausgeht, dass es in Deutschland aktuell rund zehn Millionen Diabetiker gibt, dann müssten neun Millionen Menschen diese Krankheit nicht haben: „90 Prozent der Diabetes-Krankheiten sind auf mangelnde Bewegung und falsche Ernährung zurückzuführen.“ Ähnlich hohe Zahlen nennt Wessinghage, wenn es um Schlaganfälle und Herzinfarkte geht.  

Sein besonderes Interesse gilt dabei nach wie vor Schulkindern. Noch heute glaubt er, dass es in Schulen „Bewegungsstunden“ geben müsste, nicht zu verwechseln mit dem regulären Sportunterricht. Spielen, rennen, toben, eben: in Bewegung sein. Das würde, glaubt er, viele Gesundheitsrisiken bei Jugendlichen senken. Dass es zunehmend mehr Fälle von Diabetes schon bei sehr jungen Menschen gibt, ist für ihn Beleg genug für seine Forderung nach mehr Bewegung.  

In Bad Wiessee angekommen  

Privat ist Wessinghage in Bad Wiessee buchstäblich angekommen. Der gebürtige Westfale und „gefühlte Niedersachse“ (Selbstbezeichnung Wessinghage) war daneben auch mal im Saarland und Schleswig-Holstein sesshaft. Bayern und das Tegernseer Tal nennt er heute „das Beste, was mir passieren konnte.“  

Und weil das Leben dann eben doch kein Sonntagabend-Film ist, gibt es auch im Leben von Thomas Wessinghage eine kleine Geschichte des Scheiterns: Olympische Spiele. Viermal hätte er gewinnen können. In seinem Medaillenschrank findet sich trotzdem nichts Olympisches. „1972 zu jung, 1976 zu dumm“, beschreibt er seine ersten beiden Spiele. 1980 war er wegen des Boykotts der Spiele in Moskau nicht dabei, 1984 hinderte ihn eine Verletzung am Start. „Wer weiß“, sinniert Wessinghage, „wofür es gut war, dass das nie geklappt hat. Irgendeinen Sinn wird es schon gehabt haben.“  

Thomas Wessinghage Arzt und Leistungssportler

Ans Aufhören denkt Wessinghage nicht: “Warum sollte ich?”, sagt er.
Foto: Medical-Park