Geht es nach der Literatur, ist das Tegernseer Tal ein ungemütlicher Ort. Verbrechen, wohin man schaut. Sabine Vöhringer, Martin Calsow und Jürgen Ahrens haben Bücher geschrieben, die eines gemeinsam haben: Es sind Krimis, die vor ebenso heimischer wie malerischer Kulisse spielen.

Wir haben die drei Autoren zum ersten Tegernseer Krimigipfel gebeten und sie gefragt: Wieso platzieren Sie eigentlich so lustvoll Krimigeschichten hierhin? Könnte es nicht einfach ein hübscher Heimatroman sein? Die Antworten sind so spannend wie die Geschichten.

Interview/Text: Christian Jakubetz

Krimi am Tegernsee

Lustvolles Gruseln: Der Tegernsee bietet die Kulisse für viele Krimis.
Foto: Panthermedia

Ein angenehmer Spätherbstabend, klare Luft, passable Temperaturen. Ideal eigentlich, um irgendwo in einer der kuscheligen Locations am Tegernsee gemütlich zusammenzuhocken, ein Tegernseer zu bestellen, zu plaudern. Man muss allerdings nicht lange erklären, warum das an diesem Corona-Abend nicht funktioniert.

Doch Gott sei Dank gibt es digitale Technik.

Und so kommt es, dass an diesem Abend drei Krimi-Autoren den (virtuellen) Raum betreten: Videocall mit Zoom statt Wirtshaus. Bisher kennen sie sich nicht untereinander, auch wenn sie schon voneinander gehört haben. Und gelesen. Weil alle drei Autoren (mindestens) einen Krimi geschrieben haben, in dem der Tegernsee eine tragende Rolle spielt. Und: Alle drei Autoren waren schon mal in den „Seeseiten“ vertreten, aus eben diesem Grund. Weswegen wir uns gedacht haben:

Zeit für einen Tegernseer Krimigipfel!

Das Eis ist, kein Wunder bei so vielen Gemeinsamkeiten, schnell gebrochen. Man ist gleich beim „Du“, Sabine Vöhringer hat sich stilecht ein Tegernseer Helles mitgebracht, Martin Calsow stößt mit einem Wein an.

Calsow ist der einzige aus dem Trio, der selbst im Tal lebt. Sabine Vöhringer und Jürgen Ahrens wohnen in München bzw. dem Umland, sind aber regelmäßig am Tegernsee. Weswegen sich eine Frage unmittelbar stellt:

Herr Calsow, wenn Sie den Tegernsee kennen und mögen und dort leben – wieso machen Sie ihn dann zur Kulisse für Geschichten, in denen sich Menschen gegenseitig an die Gurgel gehen?

Martin Calsow: Ach, wissen Sie, da muss man gar nicht so viel Fantasie haben. Momentan wird vor dem Landgericht in München ein echter Fall aus der Region verhandelt, der ist so abgefahren, das ist so heftig – da sehen wir mit unseren Ideen ziemlich klein und harmlos dagegen aus. Aber natürlich ist auch der Kontrast sehr reizvoll. Der See, das Tal, das alles hier ist bis an die Kitschgrenze schön. Und dann solche Geschichten… Naja, in jedem Fall, wenn ich meiner Lektorin diesen Plot mit dem aktuellen realen Fall als Geschichte vorgeschlagen hätte, dann hätte sie nur gesagt: Komm, lass, das ist so surreal, das passiert doch nirgends. Für mich ist in meinem Tegernsee-Krimi auch gar nicht der Plot so spannend. Sondern die Region hier, ihre Gegensätze. Ich nutze den Krimi als Plattform, um all das widerzuspiegeln.

Zustimmendes Nicken und ab und an ungläubiges Staunen, als Calsow Details dieses realen Falls erzählt. Gut, dann wäre das schon mal geklärt: Man muss keineswegs über eine besonders schlechte Fantasie verfügen, um das Tal zum Schauplatz unschöner Begebenheiten zu machen.

Martin Calsow Krimiautor Tegernsee

Ihn reizen die Kontraste: Martin Calsow.
Foto: privat

Trotzdem spannend! Da denkt man als Laie also, die Motivation des Krimiautoren sei es, Kriminalgeschichten zu schreiben und diese von einem superschlauen Ermittler nach allen Gesetzen der Logik auflösen zu lassen. Und dann so was! Kommissar Keller, Stephan Derrick, die ganzen klassischen Kriminaler (euer ewiger treuer Assistent Harry Klein lebt doch sogar am Tegernsee), wo seid ihr alle hin?

Und was sagen die Einheimischen dazu, dass sie als Kulisse für Mord und Totschlag herhalten müssen? Ist das nicht: Nestbeschmutzung bzw. typisch Münchner?

Sabine Vöhringer (lacht): Also, bei mir kommt der See ja immer gut weg!

Jürgen Ahrens: Der See als solcher kommt bei mir auch immer gut weg …

Martin Calsow: Ich habe eine Ahnung, warum Sie das fragen. Wenn man einen Prototyp eines Nestbeschmutzers bauen würde, dann wäre ich das. Zudem: Ich wohne zwar schon länger hier, bin aber kein Bayer und von dem her ein ‘Zuagroaster’. Wenn du nicht in der dritten Generation hier lebst, dann bist du kein Einheimischer. Aber das ist mir wurscht Und das alles mit seinen ganzen Facetten zu beschreiben, damit macht man sich nicht nur Freunde.

Sabine Vöhringer: Wobei es ja schon spannend ist, auch mal hinter die Kulissen zu schauen. Es wäre ja naiv zu glauben, dass auch hinter dieser Postkartenidylle alles so schön ist wie es scheint.

Jürgen Ahrens: In meiner Geschichte geht es um Immobilienspekulation. Und auch bei dem Thema wissen wir ja, dass es das gibt.

Das Genre des Regionalkrimis hat nicht erst seit dem famosen „Bullen von Tölz“ enorm an Beliebtheit gewonnen. Der „Tatort“ spielt sich inzwischen zunehmend auch in mittelgroßen und mittelbedeutenden Mittelstädten Deutschlands ab, Rita Falk verkauft Bücher und Filme mit ihrem niederbayerischen Dorfpolizisten in unfassbaren Mengen. Und überhaupt muss man ja heute als Stadt oder Region fast schon beleidigt sein, wenn man keine eigene Krimireihe hat.

Komisch: Früher haben uns Krimis in die weite Welt entführt oder wenigstens in ein paar Großstädte. Heute muss eine ordentliche Kriminalgeschichte vor der Haustür spielen und am besten Protagonisten beinhalten, in denen man den Nachbarn oder vielleicht auch den Bürgermeister wiedererkennt.

Woran liegt es, dass fiktive Geschichten in einem echten und lokalen Umfeld so gern gelesen werden.

Jürgen Ahrens: Verbundenheit und Vertrautheit mit einem Ort – das spielt eine große Rolle. Oder man liest etwas über einen Sehnsuchtsort, das ist auch noch einmal ein Effekt. Und der Tegernsee ist ja zweifellos für einige ein Sehnsuchtsort. Ich vermute, dass das den Erfolg des Genres Regionalkrimi ausmacht.

Sabine Vöhringer: Also, ich höre von meinen Lesern immer wieder, dass sie es klasse finden, an einer Stelle zu stehen, die im Buch auch vorkommt. Das macht es der Fantasie vermutlich leichter, wenn man fiktive Figuren in reale Umgebungen einsetzt. Und außerdem ist der Leser mit seiner Heimat emotional positiv verbunden.

Tückisch ist das ja auf der anderen Seite auch. Lässt man seinen Ermittler durch New York spazieren oder durch Hamburg, kann man sich eher kleine Nachlässigkeiten erlauben. Ob der Central Park in der 59. oder 60. Straße beginnt, wer weiß das schon so genau?

Wenn man allerdings einen Straßennamen in Kreuth falsch schreibt, merkt das fast jeder sofort. Muss man da nicht gewissenhaft recherchieren oder zumindest den Ort der Handlung sehr gut kennen?

Sabine Vöhringer: Klar ist das wichtig! Meine Krimis spielen ja hauptsächlich in München. Da habe ich mich mal in einer Straße getäuscht, da kamen sofort die entsprechenden Reaktionen.

Jürgen Ahrens: Für meinen allerersten Krimi bin ich extra nach London geflogen und habe da sehr genau die Örtlichkeiten recherchiert. In sämtlichen Ecken im Roman, die ich beschrieben habe, bin ich auch gewesen.

Sabine Vöhringer Krimiautorin Tegernsee

Sie machte Ludwig Thoma zum Protagonisten ihres Krimis: Sabine Vöhringer.
Foto: privat

Aber warum schreibt man überhaupt Krimis? Beziehungsweise: Warum lesen Menschen welche? Man könnte ja schließlich auch Liebesgeschichten schreiben oder Heimatromane oder Sachbücher. Hat man eine besonders morbide Veranlagung wenn man sich auf Mord und Totschlag konzentriert?

Jürgen Ahrens: Das ist lustvolles Gruseln. Man weiß ja: Mir passiert nix, das ist alles nur im Buch. Zu Hause kann man sich in seiner eigenen Sicherheit suhlen.

Sabine Vöhringer: Ja, und ich denke, es geht um was Essentielles, um Leben und Tod. Geht uns ja alle an. Die Menschen beschäftigen sich schon mit dem Tod und haben eine wahnsinnige Angst davor. Ich finde gerade hier am Tegernsee schließt sich gewissermaßen der Kreis. Der Tegernsee, der ist so schön, dass es fast schon weh tut. Hier ist jede Menge Leben. Und wo Leben ist, da ist naturgemäß auch der Tod.

Jürgen Ahrens: Es gibt ja auch Krimis, in denen kein Mord vorkommt. Aber das ist eher die Ausnahme.

Sabine Vöhringer: Ich find’s ja spannend, wenn mal kein Mord drin ist. (lacht) Bei mir ist immer einer dabei. Wie gesagt, Leben und Tod, das ist essentiell.

Martin Calsow: Am Tegernsee kommt noch was anderes dazu. Hier gibt es gesellschaftliche Abstufungen, die in anderen Gegenden so nicht vorkommen Dieses Gefälle wiederum erzeugt Spannung, daraus entstehen wiederum gute Geschichten.

Und was war zuerst da? Die Idee, etwas über den Tegernsee zu schreiben? Oder war erst die Idee da, einen Krimi zu machen und dann haben Sie den einfach an den Tegernsee verpflanzt?

Jürgen Ahrens (lacht): Mir blieb gar nichts anderes übrig, als diese Geschichte so zu schreiben. Das ist mir nämlich alles im Traum eingefallen, ernsthaft! Ich habe die Geschichte geträumt, dann habe ich mich morgens hingesetzt und den Plot aufgeschrieben Da lagen nicht so wirklich viele grundsätzliche und konzeptionelle Überlegungen dahinter. Ich musste nur noch überlegen, wo die Geschichte spielt. Und da bin ich eigentlich sofort auf den Tegernsee gekommen.

Lachender Protest bei den anderen beiden, sinngemäß: Das sollte uns auch mal passieren, dass die Geschichten im Traum zu uns kommen!

Sabine Vöhringer: Bei mir war ein Ausflug ausschlaggebend. Und ein Tagtraum. Ich bin mit meinem Mann zum Haus von Ludwig Thoma gefahren. Und als wir da waren, da saßen in einem Tagtraum Ludwig Thoma und ein paar seiner Freunde im Garten. Thoma hatte einen Stapel Papier in der Hand und ich wusste: Großartig, eine bisher unveröffentlichte Geschichte von Thoma!

Irgendwann mal, Sabine Vöhringers Bier ist fast leer und der Wein von Martin Calsow nähert sich ebenfalls dem Ende, denkt man sich: Schade, das wäre eine schöne Runde. Irgendwo „in echt“ in einem Wirtshaus. Und dass es bestimmt eine interessante Veranstaltung wäre, würde man die drei Autoren am Tegernsee aus ihren Krimis lesen lassen, mit Publikum und allem, was eine richtig gute und unterhaltsame Lesung aus macht.

Aber wie man weiß: Nach jedem Winter kommt ein Frühling, selbst nach diesem schwierigen 2020. Einer, in dem die Tage länger werden, die Sonne scheint, der Schnee schmilzt. Und einer, bei dem es die Gelegenheit geben wird, in größerer Runde zu debattieren.

Ach, und bevor wir es vergessen: Die sind eigent­lich sehr nett, die Autoren. Gar nicht blutrünstig. Wenn Sie ihnen mal begegnen, glauben Sie uns: Sie würden nicht merken, dass die Herrschaften Krimis schreiben.

Jürgen Ahrens Krimiiautor

Er lässt den See immer gut wegkommen: Jürgen Ahrens.
Foto: privat

Und das sind die aktuellen Bücher unserer Autoren:

Sabine Vöhringer, “Das Ludwig-Thoma-Komplott”, Gmeiner-Verlag, 13 Euro
Jürgen Ahrens, “Die Tegernsee-Connection”, Gmeiner Verlag, 13 Euro
Martin Calsow, “Quercher und der Blutfall”, Grafit Verlag, 12 Euro