Wer Kunst zu Millionensummen verkauft, muss eine besondere Beziehung zu ihr haben und zu den eigenen Kunden. Michael Beck hat beides, und obendrein den Ehrgeiz, die Weltkunst an den Tegernsee zu bringen.

Text: Ute Watzl

Michael Beck Kunsthändler Seeseiten

„Der spannendste Teil einer Ausstellung sind immer die Werke, die aus den privaten Sammlungen kommen, weil sie lange vor der Öffentlichkeit verborgen blieben.“
Foto: Urs Golling

Michael Beck sitzt im Dachgeschoss seines Elternhauses. Durch die breite Fensterfront schimmert der See von unten herauf. An den Wänden des hellen Raumes: Werke von Anton Henning, Manolo Valdés, Peter Voigt, Chagall, Bill Nagel, ihres Zeichens international bekannte bis berühmte Künstler. Von der Decke schwebt ein bizarres, scheinbar schwereloses Glasgebilde des ukrainischen Zeitgenossen Aljoscha. „Und das ist von Papa“, sagt Beck und zeigt auf ein expressionistisches Aquarell. Sein Vater ist kein Geringerer als Herbert Beck, jener Tegernseer Künstler, nach dem man hier eine Parkanlage benannt hat. Der helle, hohe Raum, in dem sein Sohn Michael nun sitzt, war Beck Seniors Atelier. „Dieser Seeblick hat meinen Vater immer sehr inspiriert.“

Michael Beck ist ein Kind der Kunst. Er liebt sie und er kennt ihren Wert, den ideellen wie den monetären. Mit seiner Kunsthandlung präsentiert, vermittelt und verkauft er sündhaft teure Originale von Emil Nolde, Marc Chagall, Max Beckmann und August Macke, aber auch von Jüngeren wie Fabrizio Plessi, Heinz Mack, Günther Uecker oder eben Manolo Valdés. Die Liste ließe sich lange fortsetzen.

Seine Kunden sind Kunstsammler in der ganzen Welt. Drehkreuz für all die kostbaren Stücke ist seine Galerie in Düsseldorf. Auch in New York, Leipzig, Wien hatte er einst Niederlassungen. Aber seit fünf Jahren, seit dem Tod seiner Mutter, ist er wieder regelmäßig am Tegernsee anzutreffen, privat. Hier ist er geboren und mit drei Schwestern aufgewachsen, mit Marc Chagall überm Kinderbett.

Haus der Künstler

Künstler gingen bei Becks ein und aus. „Das hier war ein sehr kulturelles Haus. Wir haben musiziert, gedichtet und gemalt“, erzählt er. Doch er selbst fühlte sich nie zum Künstler berufen. „Ich war immer der Organisator.“

Als es ihm zu eng im Tal wurde, absolvierte er eine Ausbildung in einer Dortmunder Galerie, studierte Kunstgeschichte in London. „Ich habe den Kunsthandel von der Pike auf gelernt.“ Der Sohn wollte Ausstellungen konzipieren, Kunst vermitteln, im Gespräch Menschen für sie begeistern. Umso mehr leidet er nun unter dem Corona-Lockdown. „Alles driftet in diese Virtualität ab.“ Virtuelle Begehungen der Galerieräume? Machen wir, sagt er und winkt ab. Nicht seine Welt.

Auch das wachsende Online-Geschäft am Kunstmarkt schreckt ihn ab. Die Plattformen, auf denen Sammler und Investoren ungesehen millionenschwere Kunstwerke erstehen, werden immer erfolgreicher. „Da rufen mich Leute an, die ich nie gesehen habe, und wollen die Preise wissen!“

Michael Beck Kunsthändler Tegernsee seeseiten

Drei Generationen Beck: Michael mit Vater Herbert (l.) und Sohn Sebastian, 1994.
Foto: privat

Beck ist einer vom alten Stil, der den emotionalen Wert von Kunst nur analog erleben kann und auch so vermitteln möchte. „So ein großes Bild von Anselm Kiefer kannst du nicht auf dem iPhone rüberbringen.“ Und trotzdem: Mit 1,8 Millionen Euro war ein Nagelbild von Günther Uecker sein bisher teuerstes Werk, das er je verkauft hat – online, wohlgemerkt, an einen Unbekannten.

Ein Kunstmarkt ohne teure Ausstellungsräume, ohne persönliche Begegnungen? Die Coronakrise hat vielleicht noch einigen Händlern mehr gezeigt, dass das geht. „Grausame Vorstellung“, brummt Beck.

Mit Kunst Geld verdienen, das ist kein Widerspruch

Ein Schöngeist gewissermaßen? Wie verträgt sich das damit, die Kunst zur Ware zu deklarieren? Beck hatte da nie Berührungsängste. Bild gegen Geld diesen Austausch hat er in diesem Atelier nur zu gut kennengelernt. Galeristen gingen ein und aus.

Einerseits fiel es ihm dank dieser Prägung nie schwer, Künstler, seien sie Superstars oder Neulinge am Markt, in ihrem Atelier zu besuchen und „keine dummen Fragen zu stellen“. Er kennt die sensible Künstlerseele und deren Verletzlichkeit. Ebenso die existenziellen Ängste, die manche Künstler zeitweise durchleben.

Andererseits lernte er früh, dass man mit Kunst – samt dem Handel mit ihr – gutes Geld verdienen kann. „Der wirtschaftliche Aspekt von Kunst hat mich gereizt“, gibt er zu. Zu leugnen, dass Kunst – noch dazu der deutsche Expressionismus um Nolde, Beckmann, Feininger und Co. – sich während der letzten Jahrzehnte enorm verteuert hat und mitunter sagenhafte Werte besitzt, hielte Beck für Doppelmoral.

Apropos Doppelmoral und Emil Nolde. Zu ihm hatten Beck und sein Vater immer einen besonderen Draht. Herbert Beck traf Nolde 1952 in Hamburg und sah sich zeitlebens in dessen künstlerischer Tradition. Als 2014 Noldes Antisemitismus durch die Berliner Ausstellung „Emil Nolde – eine deutsche Legende“ ganz ungefiltert zu Tage trat, war auch Beck Junior schockiert. „Grundsätzlich wusste es jeder“, sagt er. Die handschriftlichen Dokumente Noldes vor Augen hätten ihm aber gezeigt, „wie widerlich“ sich Nolde im Einzelnen geäußert habe. Und dennoch: Es sei zu einfach, Künstler und Menschen in einem zu sehen. „Als Avantgarde-Künstler hat Nolde nichts an seiner Großartigkeit verloren“, so Beck. „Wir müssen aber offen damit umgehen, dass er charakterliche Defizite hatte.“

Der Kunde ist nicht König, sondern Freund

Wem vermögende Privatpersonen millionenschwere Kunstwerke anvertrauen, der sollte mehr Charakter besitzen. Der genießt schließlich einen großen Vertrauensvorschuss. Den hat sich Beck über Jahre erarbeitet, und er ist vermutlich sein wertvollstes Kapital. Da ergibt es sich von selbst, dass das wichtigste Dutzend Sammler in seiner 6000 Personen umfassenden Kundenkartei zugleich enge Freunde sind. Der Kunde ist nicht König, sondern Freund.

Michael Beck und Ute Eggeling Kunsthändler seeseiten

Mit Partnerin Ute Eggeling betreibt Beck seit 1994 die Galerie Beck & Eggeling in einer Stadtvilla in Düsseldorf.
Foto: Michael Dannenmann

Der Kunsthändler führt den Sammler diskret in die Welt eines Künstlers ein, berät seriös und gibt auch mal Hinweise auf Kaufgelegenheiten jenseits der eigenen finanziellen Interessen. Oft sind es Zufälle, die Sammler und Händler zusammenbringen, wie einst Michael Beck und den Ex-Tennisprofi John McEnroe. Gemeinsam eröffneten sie eine Galerie in New York.

Auch am Tegernsee hat Beck einem Paar geholfen, eine Sammlung aufzubauen. Eigentlich wollte die Dame ihrem Mann ein Geburtstagsgeschenk machen. Daraus wurde mit der Zeit ein Konvolut von 30 Expressionisten. Nach dem Tod dieses Paares wird diese Sammlung dem Franz Marc Museum in Kochel am See geschenkt.

Klar, gibt es hier auch eine interessante, sprich: finanzstarke Klientel, sowohl unter den Bewohnern als auch unter den Besuchern. Aber eine Galerie am Tegernsee, das ist kein Plan mehr für Michael Beck. Lieber eine Galerie mit vollem Einsatz, statt mehrere mit halber Kraft.

Mehr als ein „Buidl-Verkäufer“

Und da tritt sein Anspruch zu Tage. Er ist nicht einfach nur ein „Buidl-Verkäufer“. Darauf legt er Wert. Deswegen arbeitet er gern mit Museen zusammen. Das verschafft ihm Renommee. Ebenso wenn er in seinem Buchverlag Werkverzeichnisse und Kataloge veröffentlicht.

Museal das ist am Kunstmarkt immer ein besonderes Prädikat, für Künstler, Sammlungen und Ausstellungen gleichermaßen und eben auch für Händler. Museal steht für seriös, etabliert und in Fachkreisen anerkannt. Deswegen spielt es durchaus eine große Rolle für Beck, dass er Museen wie das Centre Pompidou, das Museum Kunstpalast, die National Gallery in Washington oder die Staatsgalerie Stuttgart als Kunden aufzählen kann.

Das Tegernseer Gulbransson Museum liegt ihm in besonderer Weise am Herzen. Sein Vater hatte 1952 die erste große Ausstellung des Künstlerkollegen kuratiert. Da schließt sich der Kreis. Beck Junior fand es immer schade, dass das Haus thematisch ausschließlich auf Karikaturen ausgerichtet war und immer den Bezug zur Region sucht. Aber internationale Kunst in der – Verzeihung – Provinz, funktioniert das? „Das Franz Marc Museum funktioniert doch auch hervorragend“, sagt Beck. Jährlich eine hochkarätige Ausstellung würde das Tal sicher vertragen, auch wenn die nächste Metropole 80 Kilometer entfernt ist. Wichtig sei, dass man sie finanziert bekäme.

Die nächste Ausstellung jedenfalls, die Becks Galerie für das Gulbransson Museum zusammengestellt hat, werde ein Selbstläufer, da ist sich Beck sicher. Rund 60 Gemälde und Grafiken hat er aus seinem Sammler-Netzwerk zusammengetragen, alles bekannte Namen aus Impressionismus, Expressionismus und klassischer Moderne, ohne den kunstwissenschaftlichen Anspruch, thematisch kuratiert zu werden.

„Der wirklich spannende Teil einer Ausstellung sind immer die Werke, die aus den privaten Sammlungen kommen“, sagt Beck. „Weil sie lange Zeit vor der Öffentlichkeit verborgen blieben.“ Die Werkschau „Mit Leidenschaft gesammelt“ wird so ein bunter Reigen namhafter Künstler, ein Spaziergang durch die Kunstgeschichte der letzten 120 Jahre. Namen und Bilder, die erst einmal keiner Erklärung bedürfen. „Mit diesen Bildern kann man nichts falsch machen. Das gibt dem Tal einen kulturellen Mehrwert über Bräustüberl, Goaslschnäuzer und Waldfest hinaus.“

So eine Werkschau kann ein kleines Museum wie das Gulbransson nur auf die Beine stellen, wenn jemand wie Beck über ein auf Freundschaften beruhendes Netzwerk vergleichsweise unbürokratisch die Kunstwerke organisiert und transportiert. Eine öffentliche Institution zahlt da schnell 5000 Euro für eine einzige Leihgabe. Dafür kann Beck den kompletten Transport aller Bilder an den Tegernsee organisieren. Und im besten Fall gibt einer der befreundeten Leihgeber auch noch ein paar tausend Euro als anonymes Sponsoring dazu – als Freundschaftsdienst sozusagen.

„Mit Leidenschaft gesammelt. Werke aus Privatbesitz von Renoir bis Jawlensky“, Olaf Gulbransson Museum

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Die Ausstellung wurde aufgrund der Covid-19 Pandemie in das Jahr 2021 verlegt.

Michael Beck Kunsthändler privat Seeseiten

Michael Beck handelt nicht nur mit Kunst, er lebt auch mit ihr. Die Bronzearbeit
„Head with butterfly“ von Manolo Valdés steht hinter Wolfgang Witschels Schaukelpferd von 1963, einem Geschenk zu Becks Geburt

Foto: Urs Golling