Wer die weich geschwungenen bewaldeten Hügel rund um den Tegernsee kennt, der denkt nicht gleich als Erstes ans Klettern. Aber wer genau hinsieht und weiß, wo er hinmuss – der findet hier tolle Felswände. Die Auswahl reicht von einfach bis anspruchsvoll.

Text: Susanne Mayr / Fotos: Urs Golling

Volle Konzentration auf den Moment: Felsklettern am Wallberg.
Foto: Urs Golling

Mindestens genauso wichtig wie die Frage nach der passenden Tour: die Auswahl eines guten Begleiters. Ich habe mir dafür einen echten Experten ausgesucht. Bergführer Markus Höß aus Rottach-Egern, der selbst passionierter Bergsteiger ist und Interessierte mit viel Leidenschaft über unsere heimischen Berge, aber auch in hochalpines Gelände sowie zum Eisklettern oder Skitourengehen führt.

Er weiß, dass es hier im Tal doch einiges für Kletterfreunde zu entdecken gibt. „Ich könnte gar nicht sagen, was meine Lieblingstour ist“, erzählt Höß, „jede von ihnen hat ihren Reiz.“ So ist zum Beispiel die Nordseite des Plankensteins für den Hochsommer ein guter Tipp, die Südseite ist dafür im Rest des Jahres besser geeignet und der Leonhardstein bietet Mehrseillängen-Touren die im Herbst traumhaft sind. „Es gibt einige Routen für Einsteiger, die meisten sind jedoch anspruchsvoll, da sollte man sich vorher selbst ehrlich einschätzen.“

Der erste Schritt vor dem ersten Schritt: Ehrliche Selbsteinschätzung
Das rät Markus Höß sowieso allen Kletterern, vor allem denen, die sonst nur in der Halle klettern. „Am Fels ist alles anders. Hier gibt es keine markierten Tritte und man ist auf sich gestellt – das spielt auch mental eine Rolle.“ Wer in der Halle Grad 7 klettert, sollte am Fels nicht höher als mit Grad 5 einsteigen, ist deshalb sein Tipp. „Auch ist in der Halle eher die Armkraft gefragt, am Fels arbeitet man viel stärker mit den Beinen“, so der Experte weiter. Das Gelände sei meist flacher und nur wenn man möglichst gut steigen kann, könne man energieeffizient längere Touren gehen. Wer sich aber schließlich zum Felsklettern entscheidet, der muss noch ein bisschen Vorarbeit leisten: „Zu allen Kletterrouten bei uns ist erst mal ein Zustieg von eineinhalb bis zwei Stunden nötig.“

Letzte Instruktionen: Markus Höß erklärt Seeseiten-Autorin Susanne Mayr, worauf es gleich ankommen wird, wenn es die Wand hochgeht.
Foto: Urs Golling

Jetzt geht es hoch hinaus
Am Fels angelangt wird es dann ernst: „Das eigene Leben hängt hier an Haken und Seilen“, schärft mir Höß ein. Und: „Man sollte nicht ängstlich, aber verantwortungsbewusst damit umgehen.“ So lerne ich jetzt, dass man den Helm aufsetzt, sobald man sich unter einer Felswand befindet. Und dann beginnen wir auch schon mit der Vorbereitung. Zuerst wird der Gurt angezogen, dann werden Expressen, Karabiner und Bandschlingen daran befestigt. „Ordnung am Gurt ist extrem wichtig, denn in der Wand muss ich schnell handeln können.“

Markus macht nun den sogenannten Vorstieg, das heißt, ich sichere ihn mit einem Seil vom Boden aus und er hängt sich nach und nach in die vorgebohrten Haken an der Wand ein. Im Tal gelten die Wände als sogenannte Klettergärten, hier sind schon Haken vorhanden. Beim „echten“ Alpinklettern setzt man seine Haken und legt seine mobilen Sicherungen während des Kletterns selbst. Dafür sollte man aber viel Erfahrung haben. „Auch sollte man immer, bevor man Mehrseil-Längen geht, wissen, wie man sich abseilt.“ Denn lässt die Kondition während der Route nach, steigt man so wieder aus.

Die ersten Meter sind geschafft: Susanne Mayr klettert am Fels, gesichert von Markus Höß.
Foto: Urs Golling

Erst mal klein anfangen
Wir machen erst einmal eine kleinere Wand mit ca. 15 Meter. Als Markus ganz oben angekommen ist, fädelt er das Seil durch die vorhandene Umlenkung, und ich lasse ihn wieder ab. Jetzt sichert er mich mit dem Seil von oben, ich bin jetzt im sogenannten Nachstieg.

Schon bei den ersten Tritten merke ich: Was für ein Unterschied zum Klettern in der Halle! Hier bin ich gefragt, ich muss mir jeden Griff und jeden Tritt gut überlegen. Markus erklärt mir immer wieder genau, wie ich mit den Füßen am besten stehe, wie ich das Gewicht verlagere und dass ich möglichst kleine Schritte machen soll, um Kraft zu sparen. Das funktioniert erstaunlich gut, ich komme besser vorwärts als gedacht. Bald gibt es nur noch einen Felsspalt, um mich festzuhalten. Aber auch diese Hürde schaffe ich nach einigem Luftholen und guten Tipps von unten. Als ich schließlich bis ganz nach oben komme, ist meine Euphorie groß. Das Erfolgserlebnis und die Aussicht belohnen mich, und ich würde am liebsten noch höher klettern.

Aber ich merke auch, dass meine Kraft, vor allem in den Fingern, eine Pause braucht. Und die gönne ich mir dann. Bei einem Kaffee im Schatten der Felswand lasse ich mir erzählen, was Markus Höß alles schon beim Klettern erlebt habt und weiß, dass das nicht meine letzte Tour war. Denn dieses alpine Erlebnis hier im Tegernseer Tal ist wirklich unbezahlbar schön.

Der Experte: Markus Höß wollte schon mit 16 Jahren Bergführer werden, schließlich kletterte er schon als Kind in der DAV-Kindergruppe. Zehn Jahre später, nach einem Meteorologie-Studium, hat er dann seinen Traum verwirklicht. Infos und Buchung über www.alpination.com
Foto: Urs Golling

Die Ausrüstung

In der Halle kann Material geliehen werden, für das Klettern draußen braucht man eigene Ausrüstung. Die gibt es z.B. bei Bergzeit.

  • Jeder braucht
    Gurt, Kletterschuhe, Helm, Sicherungsgerät,
    Karabiner

  • Als Seilschaft braucht man zusätzlich
    10 Expressschlingen, 60 Meter Seil, mehrere HMS-Karabiner

Die Touren im Tal

  • Ross- und Buchstein über Kreuth Richtung Tegernseer Hütte, Aufstieg bis zu den Wänden ca. 1,5 bis 2 Stunden

  • Plankenstein Nord- und Südwand sowie Schreistein zu Fuß von der Sutten aus oder mit dem Rad bis zur Röthensteinalm (im Winter mit Tourenski)

  • Leonhardstein über Kreuth Ortszentrum, Gehzeit bis zur Wand ca. 1,5 Stunden

Seeseiten, Herbst 2019.