Pendlerin zwischen zwei Welten, eine Amerikanerin am See und gleichzeitig eine Rottacherin in den USA. Was zunächst verwirrend klingt, lässt sich anhand einer ungewöhnlichen Geschichte rekonstruieren. Der Umgang von Jutta Neckermann mit ihren zwei Heimatorten, der Corona-Krise und dem Leben überhaupt ist jedenfalls reichlich ungewöhnlich. Was ihr selbst nicht viel ausmacht, solange dabei jeden Tag gute Fotos rauskommen.

Text: Christian Jakubetz | Foto: Jutta Neckermann, Urs Golling

Julia Neckermann Tegernsee

“Das Handy macht so gute Bilder, ich brauche nichts anderes.” Jutta Neckermann auf Fotosafari in Rottach-Egern
Foto: Urs Golling

Wie groß wohl die Sammlung von guten Fotos aus dem Tegernseer Tal ist? Das lässt sich in Zahlen vermutlich kaum fassen. Und ob es auch nur eine schöne Stelle im Tal gibt, die Jutta Neckermann noch nicht mit ihrem iPhone fotografiert hat? Auch das: reine Spekulation. Sicher ist: Wenn es irgendwie möglich ist und das Wetter halbwegs mitspielt, haben Sie eine gute Chance, der 81-Jährigen zu begegnen. Und ebenso groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie den Tag, den Augenblick in Form von Fotos festhält. Für sich selbst, für andere.

„Andere“, das sind in diesem verrückten Corona-Jahr sehr häufig Freunde und Mitbewohner in einer Seniorenresidenz in Columbus im US-Bundesstaat Ohio. In dieser Residenz verbringt Jutta Neckermann normalerweise eine Hälfte des Jahres, während sie die andere Hälfte in Rottach ist. Aber was ist schon normal in diesen Zeiten? Anfang 2020 kam Jutta Neckermann nach Deutschland, seitdem ist sie hier. Nachvollziehbar, wenn man weiß, wie sehr das Virus in den USA wütet. Den Luxus, in ein anderes Land auszuweichen bis das Schlimmste vorbei ist, haben allerdings ihre Mitbewohner und Freunde nicht.

Weswegen es jetzt eine Art digitale Brücke zwischen Rottach-Egern und Columbus gibt. Regelmäßig treffen sich die Senioren via Zoom zum virtuellen Video-Meeting. Ebenso regelmäßig schickt Jutta Neckermann eine Auswahl der schönsten Bilder aus dem Tal nach Ohio. Digital versteht sich.

Lieblingsort: draußen

Dabei ist die Technik für Jutta Neckermann nur ein Mittel zum Zweck. Zunächst war es das lediglich zu einem fotografischen Zweck. Inzwischen, es geht mal wieder um Corona, hat es auch noch einen anderen, doch dazu später. Reden wir erst mal von der Fotografin Jutta Neckermann.

Wenn es ein Hobby gibt, das perfekt zu Jutta Neckermann passt, dann ist es Fotografie. Ihr Ansatz ist der einer interessierten Autodidaktin. Mit Gesprächen über Brennweiten oder Blenden würde man sie vermutlich langweilen. Und außerdem ist sie ohnehin keine, die mit einem festen Ziel loszieht. Rausgehen, sich die schöne weite Welt anschauen, Augenblicke festhalten, darum geht es.

Gibt es Lieblingsplätze und -motive im Tal? „Zu viele“, lacht Jutta Neckermann. „Der See ist immer interessant, der Wallberg auch – und für mich natürlich alles, was ich fußläufig in Rottach-Egern erreichen kann.“ Bei einem solchen Überangebot an Motiven, wie soll man sich da für einen Lieblingsplatz entscheiden? Ist ja auch gut so. Wenn man jeden Tag raus und fotografieren will, schadet es nicht, so viel Auswahl zu haben.

Fotografin Julia Neckermann

Täglich neue Bilder aus dem Tal: Jutta Neckermann in ihrem Element
Foto: Urs Golling

Und möglicherweise gibt es für ihre Foto-Vorliebe einen anderen, persönlichen Grund: Inspiriert von ihren kunstsinnigen und malbegabten Eltern, hat sich auch Jutta Neckermann mal am Malen probiert. „Absolut unbegabt!“ lacht sie heute darüber. Dafür klappt es mit dem Fotografieren umso besser. Und wenn man dann noch weiß, dass Fotografie übersetzt so viel bedeutet wie „mit Licht malen“, erahnt man die Wesensverwandtschaft. Kann da nicht jeder ein großer Maler sein …?

Bei den Fotofreunden ist sie die Frau mit dem Handy

Gemessen an ihrem regelmäßigen Output und den Ergebnissen – Neckermann-Fotos waren auch schon mal in einer Ausstellung zu sehen – sind sowohl die Herangehensweise als Selfmade-Frau als auch das vergleichsweise bescheidene Equipment reichlich ungewöhnlich, zumindest dann, wenn man eine ordentliche Ausbildung und schweres Gerät als Maßstab anlegt.

Und auch bei den Fotofreunden, deren engagiertes Mitglied sie schon seit Jahren ist, wird schon mal gefrotzelt: „Sie immer mit Ihrem iPhone, wollen Sie sich nicht mal eine vernünftige Kamera zulegen?“ Einfache Antwort: Nein, will sie nicht. „Das Handy macht so gute Bilder, ich brauche nichts anderes“, sagt sie. Wobei das nur die halbe Wahrheit ist: Die Autodidaktin Neckermann hat sich inzwischen auch eine App zur Nachbearbeitung von Fotos zugelegt. Damit macht sie ihre Bilder noch einen Tick schöner.

Perfektion ist für Jutta Neckermann aber gar nicht das unbedingte Ziel, wenn sie fotografiert. So wie das Fotografieren auch nicht ihre Profession ist, sondern eine wunderbare Beschäftigung während der Corona-Pandemie. Denn inzwischen sitzt sie seit Monaten in Rottach-Egern fest, obwohl sie dort gerade gar nicht sein sollte.

Zwischen Ohio und Oberbayern

Das klingt weitaus schlimmer als es ist. „Natürlich bin ich gerne hier am See und das schon seit vielen Jahren“, erzählt sie. Eine Vollzeit-Rottacherin ist sie aber nicht. Vielmehr lebt sie seit rund 40 Jahren wechselweise in Deutschland und in den USA. Wobei sie sich nicht festlegen mag, welche ihrer beiden Residenzen ihr lieber ist. „Ich fühle mich genauso als Deutsche wie als Amerikanerin.“

Was auch damit zu tun hat, dass Kinder und Enkel fest in den USA leben und ihr familiärer Bezug in die USA größer ist als in Deutschland. Kein Wunder, dass ihr immer wieder mal ein englisches Wort in einen deutschen Satz rutscht. „Es ist nicht gut, wenn die Menschen so restricted sind“, sagt sie beispielsweise über das Corona-Thema.

Die fröhliche Senioren-Gang von Columbus/Ohio

Und damit zum zweiten Zweck der digitalen Technik, auch wenn der noch vergleichsweise neu ist. In ihrem Seniorenheim in Columbus hat Jutta Neckermann eine ganze Reihe lieb gewonnener Freunde. Freunde, die sie mittlerweile seit fast einem Jahr nicht mehr gesehen hat. Die fröhliche Senioren-Gang lässt sich davon aber nicht unterkriegen. Einmal in der Woche findet ein Meeting via Zoom statt. 8000 Kilometer Entfernung sind da nichts, man sieht sich, man plaudert miteinander.

Und ja, auch wenn eine Videokonferenz das Treffen „in echt“ nicht ersetzt: „Es ist viel besser als Telefon“, findet Jutta Neckermann. Zumal diese Technik inzwischen sehr viel mehr kann als „nur“ Videotelefonie. Man kann sich gegenseitig die Bildschirme zeigen über eine externe Freigabe. Dokumente, Fotos, Videos, all das lässt sich präsentieren.

Es passt ins Bild, dass die Autodidaktin Neckermann sich auch das alles selbst beigebracht und es zu erstaunlichen Qualitäten gebracht hat. Trifft man sich mit ihr per Zoom, sitzt sie wie selbstverständlich vor einem virtuellen Hintergrund. Ton, Mikro, Ausleuchtung, alles wie beim Profi. Wer schon mal Zoom-Meetings mit schepperndem Sound, fahlem Licht und eigenartigen Kameraeinstellungen mitgemacht hat, weiß, was gemeint ist.

Tegernsee Foto Julia Neckermann

Ob Wallberg oder Seeufer – es gibt kaum eine Stelle im Tal mehr, die die Runde in Ohio nicht kennen und mögen würde.
Foto: Jutta Neckermann

Für Senioren in Ohio ist der Tegernsee plötzlich ganz nah

Für die Senioren in Ohio ist damit der Tegernsee zu einem festen Bestandteil des täglichen Lebens geworden. Nicht nur, weil sie ihre Freundin und Teilzeit-Mitbewohnerin virtuell in Rottach-Egern besuchen können, sondern vor allem, weil Jutta Neckermann regelmäßig die Highlights ihrer nahezu täglichen Fotospaziergänge in die USA schickt (auch das ist ja digital kein Problem). Ob Wallberg oder Seeufer – es gibt kaum eine Stelle im Tal mehr, die die Runde in Ohio nicht kennen und mögen würde.

Man kann allerdings nur schlecht über Jutta Neckermann schreiben, ohne ein paar Fragen zu beantworten, die sich vermutlich fast jedem stellen, der ihren Namen hört. Ja, sie ist die Schwiegertochter des legendären Versandhaus-Königs, Ehefrau des 2006 verstorbenen Neckermann-Sohnes Peter.

Trotzdem ist sie viel mehr als „eine Neckermann“. Nach dem Ende des Kaufhaus-Konzerns in den 70er Jahren zog es die Neckermanns in die USA. Dort starteten sie ein Leben (und die entsprechenden Karrieren) nach dem Kaufhaus. Jutta Neckermann arbeitete einige Jahre als „Interior Designer“. Was wiederum ihre Vorliebe für Apple-Geräte erklären könnte – funktional und trotzdem optisch so ansprechend, dass man die für den reinen Gebrauch gedachten Stücke gerne als Deko irgendwo im Haus abstellt. Apple, das ist ja immer auch ein Statement für Ästhetik. Und so ist es dann auch nicht weiter verwunderlich, dass zu ihrem Equipment neben einem iPhone 11 auch ein iPad und ein MacBook Air gehören.

Von sich selbst sagt sie, eine „eher private“ Person zu sein. Davon abgesehen, dass sich Menschen nicht über ihren Namen definieren (oder es zumindest nicht sollten), ist Jutta Neckermann kein Mensch, der viel Aufhebens von sich macht. Typ: mehr Sein als Schein.

Für die Mitbewohner in der Seniorenresidenz in Columbus ist sie ohnehin die Jutta, die freundliche Lady aus „Good ol‘ Germany“. Neckermann macht‘s möglich? Haben die meisten von ihnen noch nie gehört.

Im neuen Jahr soll es wieder zurück in die USA gehen

Wenn nicht gerade so wie in diesem Jahr die Welt völlig verrückt spielt, pendelt sie zwischen den USA und Deutschland hin und her in einem Drei-Monats-Turnus. Und so gerne sie am Tegernsee ist, nach knapp einem Jahr vermisst sie die Freunde in Columbus und auch die USA.

Als sie Anfang 2020 nach Deutschland kam, da wusste sie nicht, dass sie so schnell nicht mehr nach Ohio zurückkehren würde. Jetzt aber soll es Anfang 2021 klappen, sofern nicht gerade wieder … naja, was weiß man schon in dieser verrückten Zeit? Bis dahin bleibt aber noch genügend Zeit. Für viele neue Fotos aus dem Tegernseer Tal.

Jutta Neckermann hält jeden Tag die Augen auf. Und fotografiert. Einen, zugegeben kleinen, Auszug aus den Bildern dieses Jahres von Frau Neckermann zeigen wir Ihnen auf diesen Seiten. Die beiden Fotos von Jutta Neckermann am See stammen von Urs Golling.

“Der See ist immer interessant, der Wallberg auch.”
Foto: Jutta Neckermann