Das Olaf Gulbransson Museum startet mit einem Paukenschlag in eine neue Ausrichtung: Mit sechzig Werken von Marc Chagall werden das Museum und das Tegernseer Tal während des Sommers zu einer Bühne für einen Maler von Weltruhm.

Text: Ute Watzl

Chagall Gulbransson Museum Tegernsee

„Frühlingswiese“ aus: Marc Chagall, „Daphnis & Chloé“, 1961, Rosemarie und Andreas Nolting Stiftung Foto: ©VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Sei es das Gemälde „Ich und das Dorf“ oder seine berühmten Kirchenfenster – vermutlich gibt es kaum jemanden, der noch nie ein Bild von Marc Chagall gesehen hat. Seine Gemälde sind Weltkunst, sein Name und sein Stil so geläufig wie Picasso oder Dalí. Diese Kunst kommt nun an den Tegernsee, das Olaf Gulbransson Museum stellt sechzig Werke von Chagall aus.

Das ist ein Paukenschlag mit dem Michael Beck als neuer Vorsitzender der Olaf Gulbransson Gesellschaft nun sein künstlerisches Programm im Museum startet. Chagall, der häufig vereinfacht zu den Expressionisten gezählt wird, jedoch von 1887 bis 1985 fast ein ganzes Jahrhundert über kreativ war, hat seinen Platz in fast allen großen Museen der Welt und füllt zusätzlich ganze Kunsthäuser, die allein ihm gewidmet sind, wie zum Beispiel in Nizza.

Doch Chagall war nicht allein der Malerpoet, als den man ihn gern bezeichnete. Er war eben auch der orthodox erzogene Künstler jüdischer Herkunft, der, aus Russland stammend, im Berlin der frühen 20er Jahre und anschließend in Paris berühmt wurde. Von Frankreich aus musste er mit ansehen, wie seine Bilder 1937 in der Ausstellung „Entartete Kunst“ auftauchten und in großer Stückzahl konfisziert wurden. Er floh nach Südfrankreich und von dort 1941 in die USA.

Der aufkommende Nationalsozialismus, die Judenverfolgung, der Holocaust – Chagall reagierte darauf mit seiner Kunst. Die Gemälde spiegelten seine innere Auseinandersetzung mit den Geschehnissen. Mit entsprechender Symbolik wie der Thorarolle, der siebenarmigen Menora, seinem Schtetl (Städtlein) Witebsk, Fidel und Klarinette – findet jüdisches Leben in vielen seiner Bilder statt. Er gab dem Judentum eine Stimme, während es von Vertreibung und Vernichtung bedroht wurde.

Um Chagall diesen Sommer zu zeigen, gab es für Museumsleiter Michael Beck vor allem einen Grund: 2021 feiert Deutschland 1700 Jahre Judentum in unserem Land. Die Zahl ist verbrieft durch ein Edikt vom 11. Dezember 321. Darin erlaubt der römische Kaiser Konstantin, dass Juden städtische Ämter in der Kurie, der Stadtverwaltung Kölns, bekleiden dürfen und sollen. Die Ausstellung fügt sich also in eine Reihe kultureller Veranstaltungen, die das Judentum in Deutschland feiert.

Die Sammlung Hubert Burda Media steuerte dieses Schlüsselwerk Marc Chagalls zur Ausstellung bei: „Brautpaar mit Hahn“, 1939–47
Foto: ©VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Wie Chagall ins Tegernseer Tal kommt

Man darf sich trotzdem fragen, wie es das kleine Olaf Gulbransson Museum am schönen Tegernsee schafft, eine ganze Ausstellung eines Weltkünstlers einerseits zu organisieren und andererseits finanziell zu stemmen. Und da kommen Becks gute Kontakte in die Welt der Kunstsammler ins Spiel, die er sich in vielen Jahren als Kunsthändler aufgebaut hat. Sämtliche Werke stammen aus Privatbesitz. So auch das Kernstück der Werkschau, ein Zyklus aus 40 Lithografien aus dem Jahr 1961, die den antiken Liebesroman „Daphnis und Chloé“ illustrieren und den paradiesischen Reiz der griechischen Landschaft sowie das Erwachen einer naiven Liebe zwischen zwei Hirtenkindern beschreiben. „Irrsinnig“ benennt Beck seine Begeisterung für diese Lithografien, „allein schon wegen ihrer Farbigkeit“. Mit bis zu 24 Farben wurden sie gedruckt.

Große Namen bedeuten indes auch hohe Summen – das Budget für eine solche Werkschau beziffert sich auf bis zu 100.000 Euro. Für das Museum sind dies neue Dimensionen. Beck selbst ist es allerdings gewohnt, mit derartigen Beträgen zu jonglieren. Als Kunsthändler für Klassische Moderne und Nachkriegskunst sind ihm diese Sphären nicht fremd. Er ist sich sicher, diese Ausstellung vorab durch Spenden finanzieren zu können. „Ich erlebe eine starke Spenden- Bereitschaft bei Menschen, die sich für die Kunst interessieren, aber auch schlicht für die Geschichte unseres Landes“, sagt er. „Mit Chagall kann vielleicht nicht jeder etwas anfangen. Aber es geht bei diesem Künstler auch um die deutsche und die jüdische Geschichte.“

Exemplarisch dafür steht eines seiner Schlüsselwerke: „Weiße Kreuzigung“. Es zeigt Christus am Kreuz mit einem jüdischen Gebetstuch um die Lenden und um ihn herum fliehende Menschen, brennende Häuser. Die Skizze dazu wird in einem besonders intimen Ausstellungsstück zu sehen sein: ein Skizzenbuch von Marc Chagall, das, versehen mit jiddischen Texten von ihm, Einblicke in die Seele und Gedankenwelt des Künstlers erlaubt. „Man spürt, wie er angesichts der Geschehnisse in Nazi-Deutschland und in Europa gelitten hat“, sagt Michael Beck.

Marc Chagall Porträt

Der Maler Marc Chagall, hier Anfang 1920er Jahre, war sein ganzes Leben lang geprägt von seiner jüdisch orthodoxen Erziehung
Foto: Pierre-Choumoff

20 Unikate aus Privatbesitz

Wie dieses Skizzenbuch sowie eine original Malpalette Marc Chagalls werden zwanzig weitere Unikate aus privatem Besitz die Lithografien aus „Daphnis & Chloé“ ergänzen. Das Highlight ist eine Leihgabe, beigesteuert von Hubert Burda Media: Ein großes Hauptwerk Chagalls von 1939, das ein Liebespaar zeigt, welches auf einem feuerroten, in Flammen stehenden Gockel durch den Himmel reitet. Das Bild hat etwas Apokalyptisches. „Eine kleine Sensation“, findet Beck. „Allein dafür lohnt sich die Fahrt an den Tegernsee.“ Einheimisches Publikum am Tegernsee begeistern und gleichzeitig Besucher aus ganz Deutschland anlocken, dass er das kann, hat Michael Beck bereits 2018 bewiesen. Damals noch in unabhängiger Funktion, füllte er die Räume des Olaf Gulbransson Museums mit Werken von Emil Nolde im Dialog mit Herbert Beck, seines Zeichens Tegernseer Malerfürst und Vater von Michael Beck. Damals lockte er 6.500 Besucher ins Museum. Das möchte er mit 10.000 Besuchern in der Chagall-Ausstellung nun übertreffen.

Vorausgesetzt, das Leben findet im Sommer weitgehend zu seiner Normalität zurück, dürfte ihm das gelingen. Denn ganz gleich, ob man persönlich Chagall mehr oder weniger mag – er ist nicht nur einer der wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Seine Werke legen auch ein einzigartiges historisches Zeugnis ab über jüdische Kultur in Europa. Auch deswegen ist Marc Chagall mit den Worten Becks „ein großartiger Phantast und Geschichtenerzähler“. Mit seinem sehr eigensinnigen Stil, den er noch während seiner Jugend in Russland entwickelte und ab den Zwanzigerjahren zunächst in Berlin, vor allem aber in Paris perfektionierte, hat er sich einen hohen Wiedererkennungswert geschaffen. Mal naiv und verspielt, mal romantisierend und verträumt kommen die Kompositionen daher, jedes Bild eine fantastische Zirkusarena. Schon früh nannte man seine Kunst deswegen surreal. Und in gewisser Weise prägte er den Surrealismus mit, während er sich aber doch von ihm mit seinem eigenen Stil absetzte.

„Darin besteht – jenseits von Handwerk und inhaltlicher Aussage eines Kunstwerks – die hohe künstlerische Leistung eines Malers: diese Einzigartigkeit, die eigene Handschrift“, sagt Michael Beck. Vermutlich hat er recht, wenn er sagt, es sei eine einmalige Chance, einen solchen Weltkünstler mit gleich sechzig Werken in diesem kleinen Museum zu sehen, kombiniert mit dem Blick auf den Tegernsee.

Marc Chagall. Eine Liebesgeschichte

Sa., 17. Juli bis So., 9. Januar
Olaf Gulbransson Museum
Kurgarten 5, Tegernsee

Die Ausstellungseröffnung am 17. Juli 2021 wird parallel zum internationalen Musikfest stattfinden. Die Klarinettisten Alexander und Daniel Gurfinkel sowie die Pianistin Silvia Patru aus Tel Aviv spielen das Konzert „Für Chagall“.

Marc Chagall Rabbiner

„Der Rabbiner im Winter“, ca. 1978, Fondazione Gabriele e Anna Braglia, Lugano
Foto: ©VG Bild-Kunst, Bonn 2021