Wer in diesem Sommer mit einem der Schiffe der Schifffahrt Tegernsee unterwegs ist, der hat gute Chancen, auf einen der ungewöhnlichsten Menschen im Tegernseer Tal zu stoßen. Najd Boshi ist seit 2019 Kapitänin und in diesem Job nach wie vor die einzige Frau. Zudem ist sie ein Mensch, bei dem man es sich zu einfach machen würde, wenn man sie auf ihre Lebensgeschichte als eine aus Syrien geflüchtete Frau reduziert.

Text: Christian Jakubetz

Schiffskapitänin Nadja Boshi Tegernsee

Gut gelaunte Strahlefrau: Najd Boshi hat am und auf dem See ihr Glück gefunden – nach einem langen und nicht immer einfachen Weg.
Foto: Thomas Plettenberg

Najd Boshi ist eine überaus geduldige und zuvorkommende Frau. Wäre sie das nicht, dann könnten Sie diesen Text über sie vermutlich nicht lesen. Weil man natürlich, schreibt man über die einzige weibliche Schiffskapitänin auf dem Tegernsee, diese ganz besondere Geschichte der Mittvierzigerin zumindest kurz erwähnen muss. Vor fast genau sieben Jahren aus dem syrischen Aleppo geflüchtet, unter abenteuerlichen Umständen und mit allem, was man sonst nur vom Lesen und Hören und aus dem Fernsehen kennt. Schlepper bringen sie vermeintlich nach Griechenland, tatsächlich befindet sie sich auf türkischem Staatsgebiet. Irgendwann endet die Odyssee, erst im fränkischen Zirndorf und schließlich am Tegernsee.

Dort beginnt eine Geschichte, die man sich als Drehbuch-autor für einen Kitschfilm kaum hätte besser ausdenken können: Najd Boshi, die gelernte Literarturwissenschaftlerin, arbeitet erst als Verkäuferin in einer Bäckerei, danach wird sie Kassiererin bei der Tegernsee Schifffahrt. Ihr Chef Lorenz Höß hat eine Ahnung, dass hinter Najd Boshi sehr viel mehr an Potenzial steckt.

Ob sie nicht den Kapitänsführerschein machen wolle, fragt er früh. Sie lacht, hält es für einen Scherz. Sie soll allein ein Schiff über den See steuern? Sie sei auch allein von Aleppo nach Deutschland gekommen, antwortet Höß lakonisch. Gut, sagt sie, dann versuchen wir es. Ihre Kollegen helfen mit, ihr Chef paukt mit ihr. Ein paar Wochen später hat sie ihren Führerschein und immer noch einen Heidenrespekt vor diesem riesigen, ihr nun anvertrauten Ding. Und der ganzen Technik dahinter.

Und weil diese Geschichte so unglaublich klingt, wollen alle mit ihr reden. Das ZDF, der BR, Zeitungen aus ganz Deutschland und dem benachbarten Ausland. Immer wieder kommt die Bitte: Erzählen Sie doch mal! Zwischenzeitlich nimmt sie es an Medienprominenz mit dem einen oder anderen etablierten Tegernseer durchaus auf. Najd Boshi erzählt und erklärt, immer wieder. Mit der eingangs erwähnten Engelsgeduld, keine Frage ist ihr zu viel.

Schifffahrt Tegernsee

Es geht wieder los: Die Schifffahrt am Tegernsee gehört zu den Attraktionen am See, für Touristen wie Einheimische gleichermaßen.
Foto: Christoph Schempershofe

Frau Kapitänin gibt jetzt auch Englisch-Kurse

Zeitsprung, Sommer 2021.

Die Sache mit der leisen Angst vor einem schwimmenden Technik-Monstrum ist lange vorbei. Schwierigkeiten macht es allenfalls, tiefes Oberbayerisch korrekt zu verstehen. Ein Luxusproblem, aber selbst das klappt immer besser. Ansonsten ist Najd Boshi angekommen, fühlt sich zuhause zwischen Bergen und See. Und weil nicht mal eine solche zauberhafte Geschichte ohne Rückschläge auskommt, waren die zurückliegenden Pandemie-Monate für die Kapitänin vom Tegernsee nicht ganz einfach. Schifffahrt gab es nicht und damit auch nur Kurzarbeit.

Dabei war doch gerade alles dabei, richtig gut zu werden. 2019 hatte sie erstmals ein Schiff eigenverantwortlich gesteuert. Eine schöne Saison war das. Klar, alles noch ein bisschen unsicher, aber alles in allem: der See, die Berge als Panorama, viel Sonne und noch mehr nette und aufmerksame Menschen um sie herum, kann es noch schöner werden? Auch 2020 war alles in allem noch ein passables Jahr.

Wir erinnern uns: Nach einem harten Lockdown im Frühjahr war der Sommer dann doch weitgehend unbeschwert. Masken und Abstand wurden zu gewöhnungsbedürftigen Vokabeln auch am und auf dem Tegernsee. Aber ansonsten? Bis zum regulären Saisonende im Herbst war beinahe alles so, wie es auch zuvor immer war. Und Kapitänin Boshi wurde sich ihrer Sache immer sicherer.

Das alles wirkt inzwischen wie eine Geschichte aus lang vergangenen Zeiten. Schifffahrt auf dem Tegernsee, das ist 2021 ebenso von Unwägbarkeiten geprägt wie alles andere auch. Der geplante Saisonstart Anfang Mai war nicht zu halten, das ließ sich schon vergleichsweise früh absehen.

Keine Klagen, stattdessen: Freude, dass es wieder los geht

Wer aber eine solche Lebensgeschichte hinter sich hat, der geht mit den Zumutungen einer Pandemie anders um als jemand, der in seinem Leben mit wirklichen Krisen noch nie konfrontiert war. Man hört kein einziges Wort der Klage von ihr. Stattdessen: Vorfreude darauf, wenn es endlich wieder losgeht auf dem See. Das hat nicht nur, aber auch mit der Routine zu tun, die sie inzwischen besitzt.

Kapitänin Najd Boshi

Gruppenbild mit Kapitänin: Najd Boshi mit ihren Kollegen Florian Huber (links) und Detlef Strüver.
Foto: Andreas Leder

„Ich war am Anfang sehr aufgeregt beim Fahren, ich war wirklich nicht locker“, erzählt sie. Und dass sie deshalb lieber ein bisschen langsamer gefahren ist. So bedächtig sogar, dass ein männlicher Fahrgast irgendwann mal flachst, er würde schwimmend schneller am Ufer ankommen als das Schiff. Darüber kann Najd Boshi herzlich lachen. Vor allem deswegen, weil sie inzwischen pünktlich auf die Sekunde an den jeweiligen Anlegestellen ankommt. Das Schiff gehorcht ihr, nicht umgekehrt. Ab und an erntet sie immer noch erstaunte Blicke von Passagieren, aber die sind alle nicht böse gemeint. Im Gegenteil: „Die Menschen hier sind wirklich alle sehr freundlich zu mir.“

Was aber macht eine Kapitänin ohne Schiff? Wie verbringt man die Zeit, wenn der gerade erst eroberte neue Lebensraum kurzerhand dicht gemacht wird? Alleine mit zwei Kindern im Lockdown, das ist schon schwierig genug. Wie ist das erst in einem immer noch fremden Land, das zudem im Winter gerne mal abweisend grau und einigermaßen kalt ist?

Najd Boshi gehört zu den Menschen, denen man auf der Stelle glaubt, dass Sätze wie „Mach einfach das Beste draus“ eben nicht nur eine Binse sind. Das Geld ist knapper in der Kurzarbeit? Macht nichts, man hat dafür ja auch wesentlich weniger Gelegenheit, um es auszugeben. Und außerdem, wofür hat sie englische Literaturwissenschaft studiert? Aus der Wissenschaftlerin und Kapitänin ist in der Zwischenzeit die Englisch-Lehrerin geworden, die ihr Wissen an der Volkshochschule weitergibt. An der VHS hat sie auch schon über die Besonderheiten der syrischen Küche referiert.

Davon abgesehen ist Najd Boshi immer noch mit einem unstillbaren Wissensdurst gesegnet. Zu entdecken gibt es immer etwas, und wenn es erste Ausflüge in die bayerische Volksmusik sind.

Trotzdem, das alles ist nichts gegen die große Freiheit als Kapitänin „zur See“. Wann es wieder losgeht, weiß sie zum Zeitpunkt unseres Gesprächs noch nicht. Sie hofft aber, wie so viele: bald. Und dann kommt sie auch wieder regelmäßig vorbei an ihrer Lieblingsstelle, ihrem Lieblingsort im Tegernseer Tal: „Rottach-Egern“, antwortet sie, noch bevor die Frage zu Ende gestellt ist. Die Geschichte der Kapitänin vom Tegernsee hat bestenfalls eine Pause gemacht. Zu Ende ist sie noch lange nicht.

ES GEHT WIEDER LOS:
IM SOMMER ÜBER DEN SEE

Es gibt Vergnügungen, die sind beinahe so alt wie der Mensch. Und trotzdem behalten sie immer ihren Reiz. Schifffahren beispielsweise. Das hat sogar eine Rechtschreibreform überstanden (für die Jüngeren unter Ihnen: früher reichten zwei „f“). Trotzdem ist es immer noch ein sehr großer Spaß. Das ist am Tegernsee nicht anders, warum sollte es auch?

Blaues Wasser, hohe Berge – und ein paar Schiffe auf dem See: Was daherkommt wie in einer Idylle, ist am Tegernsee Realität.
17 Kapitäne und eine Kapitänin steuern eine Flotte von fünf Schiffen. Manche werden fast ausschließlich zur Personen-Beförderung genutzt, die anderen lassen sich auch als Veranstaltungs-Location nutzen. Gerade im Sommer und nach den langen Corona-Monaten sicher eine besonders reizvolle Sache.

Apropos Corona, so ganz kommt man auch in diesem Sommer nicht an dem Thema vorbei. Die Schiffe werden in dieser Saison auf unbestimmte Zeit nicht mit voller Kapazität fahren. Betriebsleiter Stephan Herbst rechnet damit, dass die Plätze nur zu 60 Prozent belegt sein werden. Die Fahrpläne sind dagegen unverändert. Diese Pläne sowie alle etwaigen aktuellen Informationen finden Sie unter www.seenschifffahrt.de

Es gibt Vergnügungen, die sind beinahe so alt wie der Mensch. Und trotzdem behalten sie immer ihren Reiz. Schifffahren beispielsweise.
Foto: Christoph Schempershofe