Bei der Erstbegegnung mit Prominenten fragt man sich gerne, inwieweit das Gegenüber der öffentlichen Figur entspricht. Bei Willy Astor rätselt man konkret darüber, ob er auch nur einen einzigen Satz ohne seine berüchtigten Wortspiele sagen wird und wie man sich den Mann vorstellen muss, der einen übel ohrwurmigen Stadion-Mitgröl-Rocker wie die FC Bayern-Hymne „Stern des Südens“ geschrieben hat.

Text: Christian Jakubetz

Interview Willy Astor

Willy Astor, wenn er im Stadion seine FC-Bayern Hymne “Stern des Südens” hört: „Hammer, das ist immer noch unsere Nummer!“
Foto: kabarett-kroell.de

Um es vorwegzunehmen: Wortspiel gab es kein einziges, ein Vertreter des breitbeinigen Schweinerocks ist Willy Astor auch nicht. Stattdessen begegnen wir einem reflektierten, verblüffend leisen Mann. Der als mittlerweile 60-Jähriger weiß: Um es vom Mechaniker aus dem Hasenbergl zum ausgebuchten bayerischen Bühnenkönig zu schaffen, gehört ein bisschen mehr als nur Talent.

Herr Astor, wir müssen leider mit Ihnen über ein Thema reden, von dem wir schon vor zwei Jahren gesagt haben, es sei jetzt langsam aber mal wieder gut. Trotzdem, zu Beginn der Auftrittssaison: Kann man, darf man im dritten Pandemiejahr überhaupt noch lustig sein?
(Überlegt lange, dann ein tiefer Seufzer) Ringelnatz hat diesen berühmten Satz gesagt: Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt. Aber ich gebe zu, mir ist mein Humor auch schon weggebrochen. Speziell im zweiten Lockdown.

Wieso speziell im zweiten?
Den ersten hatte ich noch gut hinbekommen. Aber beim zweiten, da hatte ich gerade eine komplett ausgebuchte Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz vor mir. Das war schon hart, als das alles plötzlich weggebrochen ist. Aber falls es nochmal zu einer ähnlichen Situation kommen sollte, weiß ich eines ganz sicher.

Und das ist?
Ich würde nicht nochmal in eine solche Schockstarre verfallen, sondern mich aufs Schreiben stürzen.

Haben Sie das beim zweiten Lockdown nicht gemacht?
Jeder ist mit diesem Thema anders umgegangen. Und nicht jedem ist gelungen zu schreiben und kreativ zu sein, wenn gar kein Publikum und kaum Kontakt zur Außenwelt da ist. Zu denen habe ich leider auch gehört. Obwohl es mir ja an sich gut ging. Ich hatte ein paar Reserven angespart, von denen wir auch in solch schlechten Zeiten leben konnten. Trotzdem war das schon bedrückend, wenn man die ganze Zeit aufeinandersitzt. Meine Frau hat sich wahrscheinlich gedacht: Wann geht er denn endlich wieder auf Tour?

Und Sie?
Das hat sich angefühlt wie im Schleudergang einer Waschmaschine. Auf der anderen Seite habe ich mir oft gedacht, was für eine großartige Zeit die letzten 30 Jahre für mich waren. Ich hätte so oft spielen können, wie ich wollte, 365 Tage im Jahr. Insofern darf man nicht darüber klagen, dass dieses Leben im Wohlstand, dass ich mir erarbeitet und erspielt und erschrieben habe, einen Dämpfer bekommen hat. Da gab und gibt es viele, denen es schlechter gegangen ist.

Ist die Kreativität jetzt wieder zurück?
Sie kommt und geht. Ich bin jemand, der braucht gute Laune um sich, um kreativ arbeiten zu können. Unter großem Druck oder in einer melancholischen Stimmung kann ich relativ schlecht schreiben.

INterview Willy Astor

“Mein Vater hat Tanzmusik gemacht, meine Mutter hatte einen wunderbaren Humor, und mit diesem Kessel Buntes der Astor-Gene habe ich mich befähigt gefühlt, auf die Bühne zu steigen.”
Foto: : kabarett-kroell.de

Sie machen ja nicht nur Comedy und Kabarett, sondern auch viele seriöse, ernste Sachen. Kann man Blues und melancholische Stimmung nicht wunderbar in Gitarrenmusik kanalisieren?
Stimmt schon, aber auch wenn es widersprüchlich klingt: Ich muss gut drauf sein, um melancholische Stimmungen verarbeiten zu können. Das ist bei mir eher ein Rückblick auf zurückliegende Zeiten. Aber direkt aus einer Melancholie heraus zu schreiben, das haut bei mir nicht hin. Da habe ich nicht mal die Lust, eine Gitarre oder einen Stift in die Hand zu nehmen.

Wann wurde es dann wieder besser?
Als ab etwa Mai die Bühnen wieder geöffnet haben. Ich hatte einen schönen Open-Air-Sommer mit wirklich vielen guten Auftritten, die mir viel Spaß gemacht haben. Und ich konnte wieder ein paar Erdnüsse einfahren, um meine Familie zu ernähren.

Weil Sie vorhin meinten, Sie hätten sich Ihren Wohlstand erarbeitet: Sie sind ja Autodidakt, haben nie klassische Schulen oder Ausbildungen absolviert. Ist das heute noch Ihre Art zu arbeiten oder lehnen Sie sich auch mal entspannt zurück und denken sich: Schaun mer mal, wann mich die Muse wieder küsst?
Naja, mir wurde der Künstlerberuf ja nicht in die Wiege gelegt. Der Humor vielleicht. Und mein Talent als Komponist. Alles andere war eine unglaubliche Tingelei. Aber was ich damals gespürt habe: dass es eine Berufung für mich gibt.

Eine Berufung, echt jetzt?
Ja, eine Berufung, um auf der Bühne zu stehen. Mein ursprünglicher Beruf ist ja Werkzeugmacher, siebeneinhalb Jahre bei BMW im Maschinenbau.

Und wie erkennt man dann eine Berufung zu ganz was anderem?
Ich sag es jetzt mal bewusst ganz platt: Ich habe eine Art Eingebung gehabt. Ich habe einfach gemerkt, dass es etwas gibt, das mich ruft und das mir viel Lebensfreude gibt. Diesem Ruf bin ich dann gefolgt und ich habe mich dann durch Beharrlichkeit und natürlich auch Glück durchgesetzt. Aber das soll jetzt nicht verklärend klingen. Tatsächlich habe ich fünf oder sechs Jahre in offensichtlicher Erfolglosigkeit versucht, einen Fuß in die Tür zu kriegen. Aber letztendlich habe ich mich durch das viele, viele Spielen vor wenigen Leuten selbst ausgebildet. Und obwohl es teilweise nur zehn oder zwanzig Leute waren, die bei meinen Auftritten waren, habe ich gewusst: Wenn es denen gefällt, dann ist es nur eine Frage der Zeit, dass mal hundert kommen.

Das ist aber eine sehr optimistische Sichtweise. Nicht jeder, der nur vor zehn Leuten spielt, hat irgendwann mal zwangsläufig ausverkaufte Häuser.
Ich bin halt einfach drangeblieben. Es gab ja auch noch keine Marketing-Tools, wie man heute sagen würde. Kein Fernsehen, kein Radio, keine anderen Möglichkeiten, mich einem größeren Publikum zu präsentieren.

Ich würde trotzdem gerne noch wissen, wie man sich eine göttliche Eingebung vorstellen muss. Wird das Licht heller, Engel fangen an zu singen und man weiß: Das ist es jetzt? Und hat nicht irgendjemand zu Ihnen gesagt: Spinnst jetzt eigentlich total? Die Geschichte von Georg Ringsgwandl geht ja ähnlich, der war über 40, Arzt am Krankenhaus. Und der wollte dann nur noch Künstler sein. Seine Frau war angeblich mäßig begeistert.
Ich kenne den Georg sehr gut, wir haben eine schöne Freundschaft miteinander. Aber das Beispiel zeigt mir, dass wir Künstler alle Existenzängste haben. Ich habe meinen Beruf als Werkzeugmacher nicht sofort an den Nagel gehängt, als ich gemerkt habe, dass es jetzt besser läuft. Im Gegenteil, ich habe meine Mittlere Reife nachgeholt und in einem Studium mich noch als Maschinenbau-Techniker weitergebildet. Ich wusste aber schon vorher, das ist eine reine Alibi-Zeit.

Keine Zeile ohne: Wortspielereien sind zum Markenzeichen Willy Astors geworden.
Foto: kabarett-kroell.de

Warum haben Sie das dann gemacht?
Ich wollte einfach ein sicheres Netz haben. So war es beim Georg auch. Der war bereits ein Star in Bayern, als er noch als Oberarzt gearbeitet hat. Dann hat er sich voll auf die Kunst gestürzt und ist seiner Eingebung gefolgt. Bei mir war es so, dass ich eines Morgens mit dem 84er-Bus um sechs vom Hasenbergl ins Olympiazentrum gefahren bin. Und dann war da wirklich so ein Moment des Lichts.

Licht? Im Bus?
Ich bin kein Esoteriker und habe keinen schamanischen Hintergrund. Das kann man auch nicht mit Worten erklären, das ist einfach ein Gefühl. Außerdem, mein Vater hat nebenher Tanzmusik gemacht, meine Mutter hatte einen wunderbaren Humor und mit diesem Kessel Buntes der Astor-Gene habe ich mich befähigt gefühlt, auf die Bühne zu steigen und zu sagen: Hört es euch an, wenn es euch gefällt, dann freu ich mich. Und wenn nicht, kann ich immer noch zurück in den Maschinenbau gehen. Dieses Auffangbecken war mir einfach wichtig.

Trotzdem, warum dann nicht gleich der direkte Weg auf die Bühne?
Ich hätte das damals sicher gleich nach der Schul- und Ausbildungszeit machen können. Vermutlich würde ich das heute sogar so machen. Ich glaube, mit diesem späteren Maschinenbau-Studium wollte ich mir auch selbst einfach nochmal was beweisen. Und ich wollte mich, wenn Sie so wollen, auf den bevorstehenden Absprung in das Künstlerleben vorbereiten.

Stell ich mir schwierig vor …
War es auch. Aber ich hatte zu der Zeit Kollegen in dem Studium, die haben mir echt geholfen. Unter anderem auch damit, dass Sie mich haben abschauen lassen bei Prüfungen. Ich war einfach kaum mehr für den Maschinenbau zu motivieren. Konstruktionstechnik, Physik, das alles auf einem hohen Niveau. Ein Teil dieser Kollegen kommt heute noch zu meinen Auftritten.

Willy Astor büffelt Physik und Konstruktionstechnik, man kann es sich kaum vorstellen … Klingt ein bisschen wie das Drehbuch für eine TV-Schmonzette: Der junge Willy hat im Bus eine Eingebung und wird daraufhin Künstler. Klingt prima, aber hatten Sie nicht irgendwann mal doch Zweifel an den Eingebungen?
Natürlich gab es die. Aber die hatten nie etwas mit der Qualität meiner Arbeit zu tun. Wäre es so gewesen, dass ich Zweifel an meinen Sachen gehabt hätte, wäre ich wieder zurückgegangen. Es gibt ausreichend viele in der Künstler-Branche, die nie eine Chance haben werden, von ihrer Kunst zu leben und die als brotlose Halb-Genies durch die Lande tingeln. Aber klar, wenn du wenige Besucher hast, das bringt dich ins Zweifeln. Ich habe mal eine Woche in Wien gespielt und hatte 60 Leute. In einer Woche! Das sind dann die Momente, in denen du dir denkst: Wenn das so weiter geht, schmeiße ich das Handtuch.

Ohne Wenn und Aber?
Also, ich wollte eines immer ganz sicher nicht sein: ein brotloser Künstler. Und um das nicht zu sein, brauchst du wenigstens eine kleine Basis an Zuschauern.

Herr Astor, wir müssen, auch wenn es Ihnen wahrscheinlich nicht gefällt, noch über den „Stern des Südens“ reden. Das Stück ist hundsgemein, man bekommt es nicht mal dann aus dem Ohr, wenn man kein Bayern-Fan ist. War das auch wieder so eine Eingebung oder ist das eher am Reißbrett entstanden?
(lacht) Nee, das war auch wieder so ein Glückstag von mir. Und ich ärgere mich übrigens überhaupt nicht, wenn Sie mich auf den „Stern des Südens“ ansprechen. Die Geschichte des Stücks ist schnell erzählt. Ich war 1999 Mitarbeiter bei „Antenne Bayern“ und Stephan Lehmann (zu dieser Zeit noch Moderator bei Antenne, d. Red.), damals schon Stadionsprecher bei den Bayern, hat zu mir gesagt: Du, mir geht diese alte Hymne derart auf den Geist, kannst du nicht mal versuchen, was Besseres zu schreiben? Ich habe mich dann mal an einem Vormittag hingesetzt und hatte eine Idee für eine Midtempo-Nummer. Ich habe als Arbeitstitel „Stern des Südens“ genommen, die ersten acht Zeilen geschrieben und dann dem Stephan im Studio vorgespielt. Anschließend haben wir den Text fertig gemacht, sind mit dem Mokick in die Säbener Straße gefahren, beim Uli Hoeneß rein und der hat gesagt: Das machen wir! Das wäre heute eine unvorstellbare Sache.

Und heute, 22 Jahre später, läuft der „Stern“ immer noch …
Ich war vor kurzem mal wieder im Stadion. Immer, wenn da der „Stern“ läuft, dann wird man innen drin ganz leise und demütig und man denkt sich: Hammer, das ist immer noch unsere Nummer!

Sie haben Uli Hoeneß erwähnt und der wohnt ja am Tegernsee und Sie wiederum sind bekannt für Ihre Wortspielereien. Kriegen Sie jetzt spontan eines mit Hoeneß und Tegernsee hin?
Au weh, so schnell gleich? Geben Sie mir doch bitte ein paar Minuten …

Epilog:
Nach dem wir uns verabschiedet haben, dauert es zehn Minuten, bis das Handy den Eingang einer Nachricht vermeldet. Absender: Willy Astor.

Wenn ich mein warmes Teeglas dreh,
dann weil ich meinen Tee gern seh.
Denn ein Darjeeling, wie ihr wisst,
Auch wirklich etwas Schö-Hoeness ist.

Willy Astor, „Pointe Of No Return“: das Beste aus dem Einfallsreich.

Der Auftritt am 10. März 2022 in der Winner‘s Lounge, Bad Wiessee wurde pandemiebedingt verschoben.

Neuer Termin: 6. Oktober, 20.00 Uhr
Spielbank Bad Wiessee
Winner’s Lounge
Winner 1, Bad Wiessee

Interview Willy Astor

“Ich muss gut drauf sein, um melancholische Stimmungen verarbeiten zu können.”
Foto: kabarett-kroell.de