Seit 1898 sorgt das Tegernseer Volkstheater bei seinem Publikum für gute Laune und Unterhaltung. Aber die Konkurrenz ist groß – und die kommt nicht nur von TV, Tablet und Youtube. Amateurbühnen bedienen das Volkstheater mit Leidenschaft und Spielfreude. Gutes Theater ist aber mehr als ausladende Gesten, übertriebene Mimik und auswendig gelernter Text. Ein Selbstversuch.

Text: Ute Watzl / Fotos: Urs Golling

Andreas Kern Tegernseer Vokstheater Seeseiten

Regisseur Andreas Kern (links) erklärt die Szene. Spielen müssen wir, Hanno und ich, sie allein.

Schau ihn an! Schau ihm verschmitzt in die Augen!“, weist mich Regisseur Andreas Kern an. Blickkontakt, lautet also die Anweisung. Ich nehme Fritz‘ Augen ins Visier. Mein Rollenpartner  

Fritz Schindler aka Hanno Sollacher ist 60 Jahre, Busfahrer am Tegernsee, aber seit 38 Jahren Schauspieler im Nebenberuf und trägt sowohl einen grauen Bart als auch einen stolzen Bauch vor sich her. Wir kennen uns seit genau zehn Minuten. Ich sage also so verschmitzt wie möglich: „Herr Schindler, Sie geben wohl nie nach?“ Andreas Kern unterbricht und sagt: „Probieren wir’s nochmal!“ Und ich merke, das Ganze könnte noch eine Weile dauern.  

Wir proben die Kochszene aus dem Stück „Schmuggleralm“, ein Stück, das seit 2014 vom Tegernseer Volkstheater aufgeführt wird. Ich mime die Hüttenköchin Babett, die am Ende mit Regimentskoch Schindler zusammenkommt. Ich verstehe: Ich soll flirten, soweit das eben geht, zwischen dem Text, dem richtigen Einsatz, der Handlung mit samt der Requisiten und der passenden Mimik. Ich muss im Kochtopf rühren, würzen, rühren, nachwürzen, abschmecken und nebenbei schäkern. Ich tu so, als ob ich koste. Fritz aka Hanno fragt neugierig: „Na?“ Ich lasse ihn warten und sage dann mit entsprechender Mimik: „Schmeckt greislich.“ Ich fand’s ganz ok. Doch Kern sagt: „Den Anschluss nicht verpassen!“ Was er wohl meint?   

Herr Kern, ich bin Theater-Laie. Was können Profis besser als Amateure wie ich?
Andreas Kern: Es gibt Aufführungen von Amateurbühnen, die sind wirklich gut. Wenn dort etwas fehlt, dann ist es meist das Tempo. Eben diese Anschlüsse. Es dürfen dadurch nicht zu viele Pausen entstehen. Wenn man den Einsatz im Dialog verschleppt, wird es langatmig und die Zuschauer langweilen sich. Es kommt keine Komik zustande. Das hat viel mit Präzision zu tun.  

Die Amateurbühnen der Region sind beliebt und häufig gut besucht. Was rechtfertigt Ihrer Meinung nach das professionelle Volkstheater außerhalb der Großstädte?
Stimmt, die Theatervereine bauen tolle Kulissen, sie arbeiten mit viel Hingabe und spielen vor vollen Sälen mit Freunden und der Verwandtschaft. Die Besucherzahl wird dann aber leider schnell mit schauspielerischer Qualität, Erfolg mit Können gleichgesetzt. Dabei können sie spielen, wie sie wollen – sie haben immer Erfolg. Das verleitet dazu, unkritisch zu werden.  

Aufführungen auf Laienbühnen sind nicht selten Vereinsfeiern, bei der sich alle Vereinsmitglieder gegenseitig unterstützen. Jede Aufführung ist ein Heimspiel vor Familie und Freunden mit Applaus und guter Stimmung. Die Darsteller spielen mit Herzblut, Hingabe und Spaß am Theater. Bei professionellen Bühnen ist das jedoch anders. „Wir müssen uns das Publikum bei jeder Vorstellung erst erkämpfen“, sagt Hanno Sollacher. Die Zeiten fürs Tegernseer Volkstheater sind schwieriger geworden. Vor 30 Jahren noch hat man 280 Mal im Jahr gespielt, jeden Tag im Sommer, und war mit zwei Ensembles gleichzeitig auf Deutschlandtournee. Und es war immer voll. Heute gibt es 35 Aufführungen und Intendant Andreas Kern ist glücklich, wenn hundert Besucher im Saal sitzen. Aber jeder bekommt seine Gage, darauf legt Kern großen Wert. Die Schauspieler arbeiten teilweise im Zweiterwerb mit Saisonspielverträgen. Davon leben könnten sie nicht. Dreimal die Woche wird drei Stunden lang geprobt, wenn’s brennt vor der Premiere auch am Wochenende.  

Seeseiten Magazin Tegernseer Volkstheater

Bei den ersten Proben ist das Drehbuch ständiger Begleiter, und am Ende voller Notizen zum richtigen Spiel.

Ich möchte mir meine Rolle erkämpfen und versuche es nochmal. „Jetzt musst du übertreiben“, lautet Kerns Rat. „Lass dir mehr Zeit fürs Spiel, du musst sprechen und Aktion trennen.“ Ich rühre also, ich verkoste, ich sage: „Schmeckt greislich …“ Doch ich fühle mich gehetzt zwischen Hanno, Kochlöffel und Drehbuch. Kern ruft: „Der Blick, der Blick!“ Ach ja, ich habe den Blick vergessen. Es gehe ums Spiel, bekomme ich noch einmal erklärt. Alles spielt sich in den Augen ab. Noch ein Versuch. Doch ich komme nicht hinterher zwischen spielen und sprechen, ich verheddere mich zwischen Text, Requisite und Kerns Spielanweisungen, führe den Kampf mit den Requisiten – und ich merke: Ich habe ihn schon wieder verloren. Wie lange braucht wohl ein geübter Schauspieler, bis so eine Szene sitzt?  

„Was man 30 Mal gemacht hat, hat man intus“, sagt Hanno Sollacher aus eigener Erfahrung. Ziel der Proben sei es, den Ablauf so oft zu wiederholen, dass er von selbst kommt, ohne zu überlegen: Wo muss ich mich hinstellen, bei welchem Stichwort muss ich was machen, wie muss ich wohin schauen. „Erst wenn die Handlung automatisch kommt, kannst du spielen“, sagt Hanno. Und das Spiel ist wichtiger als der Text.   

Herr Kern, vorspielen würde mir helfen, damit ich weiß, in welche Richtung es gehen soll. Machen Sie das manchmal?
Andreas Kern: Sehr selten. Das braucht ein Profi in der Regel nicht. Der will das oft gar nicht, der will lieber diskutieren (lacht).  

Wie „diskutieren“? 
Es gibt Schauspieler, die kommen zur Probe mit einem festen Rollenbild. Wenn die Regie dann aber etwas anderes will, muss man diese „Diskutierer“ erst überzeugen. Oft sehr mühsam und zeitraubend. Eine weitere Gefahr beim Berufsschauspieler ist, dass der seine Rolle einfach herunterspielt. Wenn es heißt: „Spiel den hinterhältigen Bauern!“, dann zieht der die Schublade „Hinterhältiger Bauer“ auf und spielt die einfach. Das ist sein Job, aber dann fehlt die Seele. Umgekehrt beim Laien: Da fehlt manchmal das Handwerk, die Präzision, aber er spielt vielleicht glaubwürdiger. Sagen Sie mal „Ich liebe dich.“!  

Ich liebe dich. 
Und wer sagt jetzt, ob das richtig oder falsch war?  

Sie? 
Nein, das Publikum entscheidet, ob es Ihnen glaubt oder nicht. Das ist der Punkt. Das kann der Amateur auch. Was dort fehlt, ist oft die Führung, die Regie. Der Regisseur gibt das Tempo der Inszenierung vor, und er muss bei den Aufführungen dranbleiben, d. h., er erinnert die Darsteller an wichtige Stellen, an Schwächen. Es schleichen sich sonst Fehler ein.  

Das Ergebnis ist nicht selten nur ein feiner Unterschied. Mag sein, dass sich das Publikum dessen vielleicht gar nicht bewusst wird. Aber die Schauspieler merken es, wenn im Publikum weniger Stimmung ist. Das passiert, weil das Zuspiel zwischen den Darstellern nicht mehr das richtige Timing hat, und dadurch die Pointen dann nicht mehr zünden. „Das Publikum wird es nur merken, wenn es zweimal die gleiche Vorstellung sieht“, meint Kern.  

Zurück zu meinem Requisitenherd. Ich rühre, ich würze, ich würze noch mehr, weil es der Herr Regimentskoch so will. Ich koste, warte ab und sage: „Schmeckt greislich!“ „Die schmeckt doch guad“, ruft Hanno gemäß seiner Rolle. Ich: „Naaa … greislich“, wie es im Drehbuch steht. „Schäkern!“, ruft Kern aus dem Zuschauerraum dazwischen. „Ihr müsst miteinander schäkern.“ Der Text sitzt, doch ich habe das Flirten vergessen.  

Das Spiel ist wichtiger als der Text. Aber ganz ohne ihn kommt auch keine Handlung zustande.

Andreas Kern ist stolz auf seinen Anspruch. Der Sprössling einer Theaterfamilie spielt seit 38 Jahren am Volkstheater und hat mit bekannten Schauspielern vom Bayerischen Volkstheater zusammenarbeiten dürfen, darunter Beppo Brem, Erni Singerl, Maxl Graf. „Ich habe viel von ihnen gelernt“, sagt Kern. Daher kommt sein Anspruch. „Man kann Komik mit offenem Hosentürl machen. Da lachen natürlich auch alle, das hat aber mit Komik nichts zu tun. Oder aber ich mache Theater mit Anspruch.“  

Wie viel Wert legen Sie darauf, dass ein Stück eine Botschaft vermittelt?
Das ist mir wichtig. Aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Das neue Stück zum Beispiel vermittelt die Botschaft: „Glaubt nur das, was ihr selber gesehen habt!“   

Das neue Stück heißt „Krach in Tegernsee“, eine bayerische Fassung von „Viel Lärm in Chiozza“, eines der berühmtesten Stücke des italienischen Komödiendichters Carlos Goldoni aus dem 18. Jahrhundert. Kern verlegt die Handlung an den Tegernsee ins Jahr 1850. Es geht um Rufmord, um Gerüchteküche, um zwei Familien, deren Kinder kurz vor der Hochzeit stehen. Als ein Neuer in den Ort kommt, ein echter Womanizer, für den alle Mädchen schwärmen, beginnt der Ärger: Gerüchte wecken Eifersucht und bringen längst vergangene Konflikte wieder aufs Tableau. Alle geraten miteinander in Streit. Und dabei war nichts Wahres daran. Aber alles im Rahmen einer Komödie.  

Wonach suchen Sie die Stücke fürs Theater aus? 
Es kommt darauf an, welches Thema mich anspricht. Das Geld spielt auch eine Rolle. Ich kann kein Stück mit 20 Leuten spielen. Das finanziert sich gar nicht. Ein Stück mit neun Darstellern ist für uns schon ein großes Ding.  

Manchmal neidisch auf das Münchner Volkstheater? 
Ich würde gern mit mehreren Bühnenbildern arbeiten, mit schnellen Umbauten. Aber auch in München kochen sie nur mit Wasser. Da können das Bühnenbild und die Kostüme noch so aufwendig sein – letztendlich kommt es darauf an, ob man diesen Satz glaubt: Ich liebe dich.  

Am Ende haben wir eine halbe Stunde lang gerade einmal eine Fünf-Zeilen-Szene geprobt. Bei nur 20 Probentagen für das neue Stück haben die Schauspieler dafür zehn Minuten. Ich wage nicht zu behaupten, dass meine Szene sitzt. Also noch einmal: „Herr Schindler?“ Pause. „Sie geben wohl nie nach?“  

Wegen der Ausgangsbeschränkungen wurde die geplante Premiere von „Krach in Tegernsee“ 11. April leider abgesagt.

Neue Vorstellungstermine werden auf der Seite www.tegernsee.com veröffentlicht, sobald sie bekannt sind.

Blickkontakt! So lautet Kerns Anweisung aus dem Zuschauerraum.