Der Tegernsee ist die Heimat eines Bayerischen Mythos: des Brandner Kaspars. Die Tatsache, dass sich in seiner Figur das Wesen des Bayern spiegelt, macht ihm zum Evergreen des Volksschauspiels. Seine Geschichte nimmt am Alpbach ihren Lauf.

Text: Ute Watzl

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Der Brandner Kaspar regt die Fantasie der Menschen an – damals wie heute. Die Möglichkeiten des Theaters sind heute dabei ungleich größer.
Foto: Spielbank Bad Wiessee

Man muss nicht gleich ins Jenseits aufbrechen, um ins Paradies zu gelangen. Eine Wanderung nahe Tegernsee tut es auch. Im oberen Alpbachtal soll sich einst König Max I. Joseph bei einem Ritt über den Berg hinüber zum Schliersee unvermittelt umgedreht haben, und was er sah, entlockte ihm einen Ausruf des Entzückens: „Mei, ist das ein Paradies!“ So jedenfalls will es die Legende. Und so nennt sich nun auch die Straße, die hier neben dem Alpbach steil hinaufführt: Am Paradies.

Das Paradies also liegt am Tegernsee. Franz von Kobell, heute vor allem bekannt als Schöpfer des Brandner Kaspars, jener literarischen Figur, die zu Bayern gehört wie Berge und Bier, hegte daran keinen Zweifel. Für ihn als leidenschaftlichen Jäger und Naturfreund gab es keinen schöneren Ort. Als gebürtiger Münchner folgte er im freundschaftlichen Dunstkreis der Wittelsbacher Königsfamilie an den Tegernsee und war vielleicht der erste Münchner „Zweitwohnsitzler“, von denen es heute hier einige mehr gibt. „Wenn ich hier keine Gams mehr schießen kann, gehe ich ins Jenseits“, soll er gesagt haben. Doch vorher machte er sich 1871 mit seiner „De Gschicht von’ Brandner Kasper“ unsterblich.

Auch diesem war die Gegend am Tegernsee ein irdisches Paradies. Kobells bayerische Mundart-Erzählung vom lebensfrohen, ausgefuchsten Schlosser und Jagdhelfer Brandner Kaspar, der den Tod beim Kartenspiel übers Ohr haut, um für sich noch ein paar Jahre im schönen Diesseits herauszuschlagen, ist so etwas wie ein Evergreen des bayerischen Volksschauspiels.

Bei Schnaps und Kartenspiel zockt der Brandner Kaspar mit dem Tod um ein paar weitere Lebensjahre.
Illustration: Eugen Sporer (Prestel Verlag)

Im Münchner Volkstheater zählt das Stück zum Standardrepertoire, und am Tegernsee bringt es das hiesige traditionsreiche Volkstheater unter der Regie von Andreas Kern alljährlich auf die Bühne. Diesen Sommer wird es nun zum zweiten Mal Open Air auf der Waldbühne der Bad Wiesseer Spielbank inszeniert. Die Figur des Brandner Kaspars ist hierzulande ein ausgesprochener Sympathieträger. Wenn man so will, gilt er als „der typische Bayer, wie er eben ist“, sagt Regisseur Andreas Kern. Schlitzohrig, lebensfroh, trinkfest, ein Zocker, der gern spielt und schnupft und sich auf aufmüpfige Weise mit der Obrigkeit anlegt.

Franz von Kobell siedelte seinen berühmten Büchsenmacher am Tegernseer Alpbach an. „Der Brandner Kasper is a‘Schlosser g‘west und hat bei Tegernsee a‘kloans Häusl g’habt, hübsch hoch ob’n am Albach, wo mar auf Schliersee nübergeht“, heißt es bei Kobell. Hier, nahe des Homposs-Anwesens ließ er ihn auf Rehpirsch gehen, den Auerhahn belauschen und den Tod in Gestalt des „Boandlkramers“ beim Kartenspiel und mit hochprozentigem Kerschgeist austricksen. Doch als die Sennerin der Gindelalm eines Tages „vom Stier g’stochn“ wurde und in den Himmel kam, flog der ganze Schwindel auf und der Brandner Kaspar hatte Glück, dass die himmlischen Wärter ihm trotz Wilderei, Ehebruchs und anderer irdischer Vergehen Einlass gewährten.

Als leidenschaftlicher Jäger dürfte der Autor Franz von Kobell in der Schießstätte gleich hinterm „Paradies” regelmäßig eingekehrt sein.
Foto: Ute Watzl

Die Gindelalmen sind denn auch ein lohnendes Ziel, um einmal auf den Spuren des Brandner Kaspars und seines Schöpfers Franz von Kobell zu wandern. Wer vom „Paradies“ oberhalb des Alpbaches weiter hinaufsteigt, gelangt zur Schießstätte, wo seinerzeit sicher auch Franz von Kobell, der leidenschaftliche Jäger, einkehrte. Es braucht nicht allzu viel Phantasie, um sich hier den Brandner Kaspar in stimmungsvollen Tafelrunden nach der Jagd vorzustellen.

Von der Terrasse bietet sich ein weiter Blick über das Tal zum See. Ein schmaler Höhenweg durch den Wald führt von hier bald zum sogenannten Prinzenweg. Folgt man diesem an der Alpbachalm vorbei den Berg hinauf, gelangt man zur romantisch gelegenen Kreuzbergalm, die hier schon seit 1738 steht, und über den freien Bergrücken sind auch die Gindelalmen schnell erreicht.

Nichts erinnert auf dieser Wanderung tatsächlich an die Geschichte vom Brandner Kaspar. Kein Denkmal, kein Kreuz, keine Büste. „Der Brandner Kaspar hat eben nie wirklich existiert, aber er lebt hier in den Köpfen“, glaubt Sonja Still, Buchautorin und Heimatführerin am Tegernsee und intime Kennerin all der mythischen Figuren, die Oberbayern zu bieten hat, vom Jennerwein über die Geierwally bis zum Brandner Kaspar. Still taucht auf ihrer Führung „Beim Brandner Kaspar dahoam“ unterhaltsam in die Zeit Franz von Kobells und seiner Erzählung ein und wandert dabei nicht nur durch das „Paradies“ am Alpbach. Beim Fischerweber, einem großen Bauernhof mit kleiner Destillerie und Brennrecht seit den Lebzeiten von Kobell, wird auch der gute Kerschgeist probiert, mit dem der Brandner Kaspar den Boandlkramer um dessen Urteilsvermögen brachte. Auch für Sonja Still ist es vor allem die bayerische Lebensart, die Kobells Figur verkörpert: lebensbejahend – bei aller Tragik, die das Leben birgt – und am Ende doch demütig.

Das Stück, so wie es auf der Waldbühne aufgeführt wird, ist sicher mehr als bayerischer Klamauk. Und: „Weder der Brandner Kaspar noch Franz von Kobell eigenen sich als „bayrische Deppen-Figuren“, sagt Sonja Still. Der Wissenschaftler von Kobell, zu Lebzeiten immerhin Teil der von König Max II. geförderten Bildungselite, schrieb die Geschichte als „Melancholie-Vertreiber“, während er – wie der Brandner Kaspar auch – den Verlust ihm nahestehender Menschen zu verarbeiten hatte.

„Das Stück behandelt den Urwunsch der Menschheit“, sagt Theatermacher Andreas Kern. „Nämlich den immerwährenden Traum vom Leben nach dem Tod.“ Das ist für Kern das Geheimnis des Brandner Kaspars. Dabei mag das Spiel mit dem Tod in der Literatur nicht neu sein, doch Kobell gibt ihm erstmals ein gutes Ende. Und dass der Brandner Kaspar um seine zusätzlichen Jahre bei Schnaps und Kartenspiel zockt, passt hervorragend zur Aufführung des Schauspiels auf der Waldbühne der Wiesseer Spielbank. Sie bietet der Geschichte vom bayerischen Schlitzohr in dessen Heimat die passende Kulisse.

Von der Schießstätte gleich hinterm „Paradies” bietet sich dieser Blick auf den Tegernsee und eine Wanderung auf Brandner Kaspars Spuren.
Foto: Ute Watzl

Den Brandner Kaspar am Tegernsee erleben: Auf der Bühne zu sehen gibt es die „De Gschicht von’ Brandner Kasper“ in der Inszenierung des Tegernseer Volkstheaters von Dienstag, 16. Juli bis Donnerstag 18. Juli 2019, jeweils 20:00 Uhr auf der Waldbühne der Spielbank Bad Wiessee.

Das neue Buch von Sonja Still „Bayerns Mythen – ein Kulturreiseverführer zu Geierwally, Jennerwein, Brandner Kaspar und anderen Rebellen“ ist im Allitera Verlag erschienen. In ihrer Funktion als zertifizierte Heimatführerin kann man die Autorin bei ihrer Führung „Beim Brandner Kaspar dahoam“ erleben. Näheres zur Führung bei die Tourist-Information Tegernsee.

Seeseiten, Sommer 2019.