Vom Tegernseer Tal brachen in den Siebziger- und Achtziger-Jahren regelmäßig Bergsteiger zu den höchsten Bergen der Welt auf. Dass sie fast alle heute noch hier leben, zeugt von starker Heimatverbundenheit. Für die Seeseiten haben sie sich an einem Tisch zusammengefunden.

Interview: Ute Watzl

Gruppenbild im Bergsteigerdorf Kreuth: Von links: Lenz Spiegler, Walter Janner, Otto Parzhuber, Sepp Gloggner, Anderl Mannhardt, Peter Gloggner, Hans Engl, Hans Kirchberger, Georg Hofmann
Foto: Ute Watzl

Kreuth, das Bergsteigerdorf. Peter Gloggners Haus liegt nahe dem Hirschberglift. Es riecht nach Kaffee und frisch gebackenem Kuchen. Am Tisch in der Stube haben sich neun Tegernseer versammelt, Bergsteiger im Alter von 60 bis 88. Aber nicht irgendwelche. Vier der Männer haben einen Achttausender bestiegen, die anderen waren bei einer 8000er-Besteigung dabei. Es ist so etwas wie der Tegernseer Club der 8000er, den es in Wirklichkeit nicht gibt. Die meisten von ihnen sind Mitglieder der Sektion Tegernsee des Deutschen Alpenvereins, einige in der Bergwacht aktiv und alle einander freundschaftlich verbunden. Unter ihnen sitzt echte alpine Prominenz: Hans Engl und Anderl Mannhardt. An diesem Tisch sitzen Idole neben ihren Bewunderern, Mentoren mit Schülern zusammen. Man trifft sich sonst nie in dieser illustren Runde. Dieses Interview bietet die passende Gelegenheit, sich auszutauschen, die Erinnerungen spielen zu lassen. Eine Anekdote jagt die nächste, die Herrschaften sind schwer zu bremsen.

Die Gipfelstürmer am Seeseiten-Tisch

ANDERL MANNHARDT, 79: Mit Toni Kinshofer bezwang er 1961 die Eigernordwand erstmals im Winter. 1962 war er mit Kinshofer der Erste aus dem Tegernseer Tal, der an einem 8000er erfolgreich war: am Nanga Parbat (8125 m). Er zahlte einen hohen Preis dafür: Große Teile seiner Füße waren erfroren und mussten amputiert werden. Er wohnt heute im Chiemgau.

HANS ENGL, 74, war 1978 der erste Deutsche und der dritte Mensch, der den Mount Everest ohne künstlichen Sauerstoff bezwang, noch im selben Jahr der legendären Erstbesteigung ohne Flaschensauerstoff durch Reinhold Messner und Peter Habeler. Engl bestieg 1982 den Nanga Parbat und danach den Cho Oyu (8201 m).

HANS KIRCHBERGER, 81, stand 1982 zusammen mit Peter Gloggner auf dem Broad Peak (8051 m).

PETER GLOGGNER, organisierte die erfolgreiche private Broad-Peak-Expedition und leitete einige Jahre die Jungmannschaft der Sektion Tegernsee.

SEPP GLOGGNER, 1979 Erstbegeher des Lupghar Sar (7200 m) im Karakorum, Bruder von Peter, nahm 1981 an der Herrligkoffer-Expedition zum Nanga Parbat teil, leider ohne Gipfelerfolg.

GEORG „SCHORSCH“ HOFMANN, 88, mit Karl-Maria Herrligkoffer 1975 am Nanga Parbat, leider ohne Gipfelerfolg.

LENZ SPIEGLER, 78, war zusammen mit Sepp Gloggner am Nanga Parbat und 1982 mit am Broad Peak, leider ohne Gipfelerfolg.

OTTO PARZHUBER, 1982 am Broad Peak, Probleme mit der Höhe, leider ohne Gipfelerfolg.

WALTER JANNER, 65, ebenfalls Teil der Broad Peak Expedition, leider ohne Gipfelerfolg.

Seeseiten: Sie schwelgen offenbar noch immer ganz gern in Erinnerungen an die höchsten Berge?

PETER GLOGGNER: Ja, an manche Geschichten erinnert man sich ein Leben lang. Man erzählt sie dann so oft, dass die Enkel sagen: „Ja, Opa, das hast du alles schon einmal erzählt.“ Expeditions- und 8000er-Bergsteigen sind prägende Erfahrungen. Ich träume noch heute manchmal davon. Ich bin dann immer auf großen Höhen.
HANS ENGL: Da geht’s mir ganz anders. Ich denke gar nicht mehr daran. Es gibt so viele andere schöne Sachen, die ich auch jetzt noch mache. Es muss ja kein Achttausender sein. Mir reicht das, was wir letzten Samstag an der Tegernseer Hütte gemacht haben. Da beieinandersitzen, ratschen. Das war bärig. Ich lebe im Hier und Jetzt und genieße das. Und ich träume meistens nur Schmarrn.
GEORG HOFMANN: Von Frauen!
HANS ENGL: Nein, auch nicht mehr. (alles lacht)
SEPP GLOGGNER: Ich konzentriere mich auch auf den Alpenraum. Ich habe kommerzielle Expeditionen organisiert und gesehen, welche Leute sich mit welchem Können dafür heute anmelden. Das war so eine negative Erfahrung, dass ich das Höhenbergsteigen für mich gestrichen habe. Trotzdem sind die Erinnerungen an damals, so wie wir’s damals gemacht haben, sehr schön. Das Entscheidende für mich ist, dass wir immer als Freunde nach Hause gekommen sind.
PETER GLOGGNER: Heute würde ich auch nicht mehr auf einen Achttausender gehen wollen, wegen dem Trubel. Und wegen der Leute dort, die sich mit fragwürdigen Methoden hinaufbringen lassen. Das ist auch der Grund, warum hier nur ältere Herren sitzen. Ich kenne aus der jüngeren Generation im Tegernseer Tal keinen, der einen Achttausender versucht oder geschafft hätte. Die Zahl 8000 war für uns noch magisch. Das ist inzwischen ausgereizt.

Georg Hofmann und Peter Gloggner
Foto: Ute Watzl

Wie kam es dann zu den gemeinsamen Expeditionen?

HANS KIRCHBERGER: Wir haben alle am Roß- und Buchstein angefangen, oder am Plankenstein. Danach sind wir ins Wetterstein und in den Wilden Kaiser.
GEORG HOFMANN: Ich bin ja noch aus der Zeit, wo wir nicht nach Tirol durften, 1947/48. Deswegen blieb für uns nur das Wettersteingebirge. Da gab’s die berühmte Oberreintalhütte vom Fischer Franz. Dort haben wir sämtliche Touren gemacht, die es da gab.
HANS ENGL: Aber schwarz bist du schon über die Grenze, oder?
GEORG HOFMANN: Ja mei, sowieso. (großes Gelächter)
PETER GLOGGNER: Der Sepp und ich sind eigentlich im Bergwald gleich da drüben groß geworden, das war unser Spielplatz.
SEPP GLOGGNER: Ja, wir haben in einer Fünfergruppe aus dem Tal mit dem Klettern angefangen, später sind wir in den Dolomiten geklettert. Am Roß- und Buchstein habe ich mal den Spiegler Lenz getroffen. Wir waren beide allein unterwegs und haben uns zu einer gemeinsamen Tour verabredet. Das klappte ganz gut und da meinte er, ich solle doch mal mit ihnen mitgehen. Das war für mich die extreme Clique mit dem Engl Hans und dem Kirchberger Hans. Ich dachte, wenn ich mit denen mitgehe, kann ich nur versagen. Ich habe trainiert wie ein Blöder. Das war der Beginn des Extrembergsteigens für mich. Wegen Lenz. Später sind wir von Karl-Maria Herrligkoffer zur Expedition zum Nanga Parbat eingeladen worden.

Hans Kirchberger
Foto: Ute Watzl

Hatten Sie Vorbilder, denen Sie nachgestrebt sind?

PETER GLOGGNER ZU ANDERL MANNHARDT: Für uns Jüngere war natürlich deine Nanga-Parbat-Besteigung 1962 mit Toni Kinshofer prägend. Sie ging zwar tragisch aus, weil Siegi Löw tot am Berg zurückblieb, aber trotzdem seid ihr als Helden hier im Tal empfangen und gefeiert worden. Das hat sich auch auf uns Jüngere übertragen.

Herr Mannhardt, Sie waren damals gerade 22 Jahre alt. Sie mussten einen Bergkameraden tot zurücklassen und sich Teile der Füße amputieren lassen. War es das wert?

ANDERL MANNHARDT: Toni, Siegi und ich waren die ersten Deutschen, die am Gipfel eines Achttausenders standen. Und ich war damals mit Abstand der Jüngste. Entscheidend war für uns damals Karl-Maria Herrligkoffer als Expeditionsleiter. Ohne ihn waren solche Expeditionen zu unseren Zeiten undenkbar. Am Gipfel waren wir nur froh, dass der letzte Schritt gemacht war. Wir haben uns die Hand gegeben, und der Toni hat gesagt: „So, den Zapfen hätt‘ ma jetz a.“ Den Nanga Parbat habe ich mir teuer erkauft. Das Ganze war es nicht wert – im Nachhinein. Aber ich hadere nicht mit meinem Schicksal. Ich lebe selbständig trotz meiner Behinderung, ich klettere noch und habe bergsteigerisch nach den Anfangserfolgen an der Eigernordwand und dem Nanga Parbat noch viel, viel mehr gemacht. Als Held sehe ich mich nicht.
HANS ENGL: Na, die Anteilnahme nach eurer Rückkehr war schon sehr groß. Wie ihr zurückgekommen seid hier ins Tal, direkt vom Nanga Parbat, der überhaupt erst das zweite Mal bestiegen worden war, noch dazu auf einer eigenen Route, das war schon gewaltig. Uns hat das sehr bewegt. Du warst Mitte der Sechziger Jahre dann Jungmannschaftsleiter bei der Sektion Tegernsee. Die Jungmannschaft hat da viel bewegt unter deiner Leitung.
ANDERL MANNHARDT: Die Sektion Tegernsee hat damals sicher die meisten Höhenbergsteiger gehabt.
PETER GLOGGNER: Zu meiner Zeit war Hans Ertle dann Jungmannschaftsleiter. Der war für mich prägend. Denn der ist rausgefahren, mit dem Auto in den Hindukusch! Ich bin als 17-Jähriger dazugekommen. Mir sind die Augen aufgegangen als ich gesehen habe, was man machen kann.

Anderl Mannhardt und Hans Engl
Fotos: Ute Watzl

Sie sind auf eigene Faust auf Expedition gegangen?

PETER GLOGGNER: Bis 1980 war es normal, dass man von einem Expeditionsleiter – im deutschsprachigen Raum war das Herrligkoffer – eingeladen wurde, um zum 8000er mitzufahren. Mein Ziel war es aber immer, Expeditionen aus dem Freundeskreis heraus zu machen und sie selbst zu organisieren. Das war bis 1982, unserer Expedition zum Broad Peak, die absolute Ausnahme. Ich habe meine Freunde gefragt, weil ich deren Macken kannte. In Extremsituationen ist es wichtig, dass man den Partner gut einschätzen kann. Umso schöner war es, mit Hans Kirchberger am Gipfel zu stehen. Ein Ausnahmefall damals!

Gezeichnet von den Strapazen und den Erlebnissen: Anderl Mannhardt (links) und Toni Kinshofer nach der Besteigung des Nanga Parbat im Jahr 1962.
Foto: Archiv des DAV, München

Hans Engl, Sie sind 1978 wenige Monate nach Messners und Habelers erster Everest-Besteigung ohne künstlichen Sauerstoff ebenfalls ohne Sauerstoffflasche auf den Gipfel gekommen. War das auch so ein mediales Großereignis wie zuvor bei Messner/Habeler?

HANS ENGL: Ja schon, aber hauptsächlich wegen Herrligkoffer. Der lag damals schon im Streit mit Messner. Für ihn war das sehr wichtig, sagen zu können: ‚Da schau her. Der Hans hat das auch geschafft und der ist nicht so bekannt wie du.‘ Messner hatte ja ein Riesen-Tamtam gemacht.
PETER GLOGGNER: Der Hans ist einfach eine Klasse besser im alpinen Gelände als die meisten.
HANS ENGL: Das habe ich mir alles hier in unseren heimischen Bergen beigebracht. Und wir hatten die Vorbilder hier im Tal. Der Toni Kinshofer hat noch gelebt, hat Kurse für die Jungmannschaft gegeben. Das war für uns das Höchste, ihm beim Eisklettern zuzuschauen, mit seinen amputierten Füßen. Er war ein Held.

Welche 8000er haben Sie noch bestiegen?

HANS ENGL: Heute vor genau 37 Jahren stand ich am Gipfel des Nanga Parbat.
PETER GLOGGNER: Da war er alleine oben am Gipfel und hat ein Selfie gemacht. Er hat sich leider den Kopf auf dem Foto abgeschnitten.
HANS ENGL: Ja, in der Zeitung stand: ‚der kopflose Bergsteiger aus Waakirchen.‘ (großes Gelächter) Den dritten, den Cho Oyu, habe ich selbst organisiert.

Hat Sie nie interessiert, die 14 Achttausender komplett zu machen?

HANS ENGL: Nein. Das waren für mich auch nicht die höchsten Erlebnisse. Ich habe Gerhard Schmatz kennengelernt, einen Notar in Ulm. Der war begeisterter Bergsteiger und hatte genug Geld, um weltweit spannende Besteigungen zu machen, exotische Ziele. Wie in Szechuan in China, ein Siebentausender. Das waren alpinistisch viel spannendere Ziele als der Everest. Wir waren in der Antarktis, Südgeorgien, Segeln und Bergsteigen – das war ein gewaltiges Erlebnis. Ich war bis dahin nur von Tegernsee nach Bad Wiessee gesegelt. Gegen die Segler dort in der Antarktis waren wir Bergsteiger kleine Kinder, hilflos angesichts der Gewalt des Wassers.

Hans Engl beim Aufstieg. Als Mitglied der deutsch-französischen Mount Everest-Expedition unter der Leitung von Karl-Maria Herrligkoffer erreicht er am 14. Oktober 1978 den Gipfel. Er ist der erste Deutsche und der dritte Mensch überhaupt, der den höchsten Gipfel der Erde ohne Flaschensauerstoff erreicht.
Foto: Archiv des DAV, München

Sie alle sind immer wieder hierher ins Tal zurückgekommen. Wollten Sie nie näher zu den hohen Bergen ziehen?

HANS KIRCHBERGER: Nein, wenn man zwei Monate unterwegs war und über Gmund wieder ins Tal kommt und den See sieht, ist das immer wieder ein besonderes Erlebnis. Ich wohne schon seit Geburt in Rottach-Egern, habe das Haus von meinem Vater geerbt. Ob am Everest oder am Broad Peak, ich habe immer auch Heimweh gehabt. Nach sechs, acht Wochen oder mehr an den großen Bergen habe ich die Tage gezählt. Am schönsten ist es daheim.

Seeseiten, Herbst 2019.